Gehring: Ein Achtungserfolg mit Gottes Hilfe

Rudolf Gehring darf sich freuen – auch wenn es nicht für die Stichwahl reichte. Aber: Gehring hatte im Wahlkampf bewusst nicht das gemacht, wozu ihm Politexperten rieten.

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(c) Clemens Fabry

Wien.Welcher Politiker kann schon behaupten, dass er sein Ergebnis verneunfacht hat? Rudolf Gehring, Kandidat der Christlichen Partei (CPÖ), kann es. Bei der Nationalratswahl 2008 hatte seine Fraktion nur 0,6 Prozent der Stimmen bekommen. Am Sonntag konnte Gehring bei der Präsidentenwahl rund 5,4 Prozent erreichen. In Vorarlberg lag er sogar vor Barbara Rosenkranz, die im Gegensatz zu Gehring auf vielen Wahlplakaten zu sehen war.

Gehring zeigte sich bei seiner Wahlfeier in der Residenz Zögernitz in Wien-Döbling „außerordentlich zufrieden“. Der Spitzenkandidat bedankte sich bei seinen Wählern sowie bei „den vielen, die im Gebet mit mir verbunden waren“.

Rudolf Gehring: Christliche Mission gescheitert

Gehring hatte im Wahlkampf bewusst nicht das gemacht, wozu ihm Politexperten rieten. Sie hatten zur Maximierung des Wähleranteils empfohlen, dass Gehring es möglichst vermeiden sollte, über seine Kernthemen zu reden. Gehring machte das Gegenteil: Er bezeichnete die Fristenlösung als „Tötung“ und erklärte, dass Kinderkrippen das Hirn des Nachwuchses schädigen. Homosexualität bezeichnete Gehring als „Verirrung“, der Frage ob sie auch eine Krankheit sei, wich der Politiker aus.

Das Ergebnis

Die Alternative zu Rosenkranz

Der christliche Kandidat hatte sogar erklärt, dass er „mit Gottes Hilfe“ in die Stichwahl um den Bundespräsidentensessel einziehen wolle. So weit reichte Gottes Hilfe nicht, und das trotz der bisher 32 Fußwallfahrten Gehrings nach Mariazell. Der Kandidat führte das Verfehlen dieses Wahlziels  am Sonntag auf die vielen Nichtwähler zurück. Doch wodurch lässt sich Gehrings immerhin beachtliches Ergebnis erklären? Zum einen wirkte der stets Ruhe ausstrahlende Christen-Kandidat zumindest äußerlich nicht als strenger Sittenwächter. Der „freundliche Fundi“ konnte so auch bürgerliche Wähler ohne streng katholischen Hintergrund ansprechen. Freilich sind viele Stimmen, die Gehring bekam, Proteststimmen. Deswegen inszenierte sich Gehring im Wahlkampf bewusst als Alternative zu Rosenkranz.

Gerade der Aspekt, dass Gehring viele Protestwähler für sich gewinnen konnte, spricht aber dafür, dass sein Achtungserfolg nicht überbewertet werden darf. Bei den nächsten Wahlen wird es wieder ein breiteres Kandidatenangebot geben. Und bis es mit Hilfe von oben für einen Einzug ins Parlament reicht, muss Gehring wohl noch oft nach Mariazell pilgern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.04.2010)

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