Der Mann, der mitten im Tsunami aufwachte

Eigentlich war seine politische Zeit schon vorbei. Jetzt soll Christoph Matznetter den Facebook-Skandal untersuchen und die SPÖ retten.

Der Steuerberater und Wirtschaftsprüfer Christoph Matznetter soll die Hintergründe des Facebook-Skandals der SPÖ untersuchen.
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Der Steuerberater und Wirtschaftsprüfer Christoph Matznetter soll die Hintergründe des Facebook-Skandals der SPÖ untersuchen.
Der Steuerberater und Wirtschaftsprüfer Christoph Matznetter soll die Hintergründe des Facebook-Skandals der SPÖ untersuchen. – (c) Mirjam Reither

Wien. Christoph Matznetter, erzählen Personen, die mit ihm schon bei einem langen Abendessen zusammengesessen sind, habe eine Schwäche für Verschwörungstheorien. Er könne lange und leidenschaftlich über alle möglichen Taten spekulieren, etwa über die Hintergründe des Abschusses einer Boeing 777 im Jahr 2014 über der Ukraine.

Insofern ist Matznetter – je nach Perspektive – genau der richtige oder der absolut falsche Kandidat, um die Vorwürfe gegen die SPÖ zu untersuchen. Er soll herausfinden, wer hinter den gefälschten Facebook-Seiten steckte, die sich als Fanseiten bzw. als kritische Seiten getarnt gegen den ÖVP-Kandidaten, Sebastian Kurz, richteten. Oder eher: Warum wurden die Seiten noch weiter betrieben, obwohl die SPÖ die Zusammenarbeit mit Tal Silberstein Mitte August beendet hatte – dem Wahlkampfberater der SPÖ, der nach Informationen der „Presse am Sonntag“ die Seiten konzipiert hat?

Im gestrigen „Morgenjournal“ des Ö1-Radios begann Matznetter bereits, ein Netz aus Intrigen, Verschwörungen und doppelten Spielchen zu spinnen: „Die Affäre ist ja in der Art, wie sie abgelaufen ist, mehr als sonderbar.“ Man müsse sich frage, wem der Skandal nütze. „Jemandem hat er sicher nicht genützt, nämlich Christian Kern und der SPÖ.“ Er glaube jedenfalls nicht an Zufälle, „wenn es zeitlich so schön passt“.

Dass der langjährige SPÖ-Wirtschaftsexperte von seiner Partei auserkoren wurde, die Affäre aufzuklären und bis zur Wahl als Co-Geschäftsführer neben Andrea Brunner zu agieren, hat für einige Überraschung gesorgt. Die politische Zeit des 58-Jährigen schien eigentlich vorbei, die Partei hat ihm nur ein Kampfmandat für die Wahl am 15. Oktober gegeben, sein Einzug in den Nationalrat ist also alles andere als fix.

Matznetter ist eigentlich ein Gusenbauer-Mann. Der ehemalige Parteichef und Bundeskanzler, Alfred Gusenbauer, hatte den Wirtschaftsprüfer und Steuerberater als Schatten-Finanzkanzler aufgebaut. Gereicht hat es nur für die Funktion des Staatssekretärs in der Regierung Gusenbauer (ab Jänner 2007), nachdem die ÖVP das Finanzressort für sich ausverhandelt hatte.

 

Hat Parteifinanzen saniert

In der Funktion waren dem Wiener keine großen Erfolge vergönnt. Als Werner Faymann Bundeskanzler wurde, war Matznetters Regierungskarriere nach nicht einmal zwei Jahren wieder vorbei: Anfang Dezember musste er sich auf sein Mandat im Nationalrat zurückziehen, das er seit 2002 innehat.

Im Hohen Haus kümmerte er sich vor allem um wirtschaftliche Fragen. Der 58-jährige, der als ausgesprochener Genussmensch gilt, erwies sich dort zwar oft als kämpferischer Redner selbst gegen den Koalitionspartner ÖVP, in der Sache ist der Steuerberater jedoch ein Pragmatiker. Als Schwäche gilt, dass Matznetter, der sich selbst unzweifelhaft gerne reden hört, oft nicht gerade rasch zur Sache kommt.

Wie hilfreich diese Eigenschaft in der aktuellen Situation ist, wird sich weisen. Bis zur Wahl sind es nicht einmal mehr 14 Tage und die SPÖ sei „in einem Tsunami aufgewacht”, wie Matznetter den Facebook-Skandal beschrieb. Zur Aufklärung der Causa will er auch externe Berater einbeziehen.

Einmal war der Politiker bereits recht erfolgreich für die Rettung der SPÖ im Einsatz, als er die zerrütteten Parteifinanzen wieder auf Vordermann brachte. Aber damals ging es nur ums Geld. Diesmal geht es um die Zukunft der Partei. (rie/APA)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.10.2017)

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