Reportage

Sebastian Kurz – der Mobilisierer

In den Umfragen liegt er vorn, doch noch hat er nicht gewonnen. Für Kurz heißt das: Keinen Fehler mehr machen und Sympathisanten anspornen, auch zur Wahl zu gehen. Ein Nachmittag zwischen Arbeitern und Anhängern.

Sebastian Kurz auf Besuch bei Wahlkampfhelfern in Wien: Die ÖVP will am Ende des Wahlkampfs mobilisieren, um als Erste durchs Ziel zu gehen
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Sebastian Kurz auf Besuch bei Wahlkampfhelfern in Wien: Die ÖVP will am Ende des Wahlkampfs mobilisieren, um als Erste durchs Ziel zu gehen
Sebastian Kurz auf Besuch bei Wahlkampfhelfern in Wien: Die ÖVP will am Ende des Wahlkampfs mobilisieren, um als Erste durchs Ziel zu gehen – (c) Stanislav Jenis

Wien. „Präzise, bitte!“. Plötzlich wird der sonst höfliche ÖVP-Chef streng, als ihn ein im Wahlkampfbus mitfahrendes deutsches Kamerateam mit einer Aussage konfrontiert, in der sich der Außenminister nicht richtig wiedergegeben fühlt. Es geht um Wiener, die sich darüber beklagen, dass ihre Gasse sich in den vergangenen Jahrzehnten zum Negativen verändert hat und die deswegen einen Umzug erwägen.

Während das Interview läuft, rollt der türkise Wahlkampfbus durch die Bundeshauptstadt. Es geht den Ring entlang der Oper in Richtung Meidling. In jenen Bezirk, in dem Sebastian Kurz aufwuchs. Dort will der Minister einen Betrieb für Sicherheitstechnik besuchen. Neben Kurz befinden sich im Bus Wahlkampfmitarbeiter und mehrere Journalisten. Kurz plaudert mit allen nett, ist aber auffallend vorsichtig, in dem, was er sagt. Der Feststellung des TV-Journalisten, dass die ÖVP sich der FPÖ angenähert habe, kontert Kurz mit der unschuldigen Gegenfrage: „Inwiefern?“.

Der Wahlkampf könnte für Kurz momentan nicht besser laufen. Er zieht durch die strikte Linie beim Thema Asyl Wähler von der FPÖ ab. Und die SPÖ ist mit der Dirty-Campaigning-Affäre beschäftigt, nachdem bekannt wurde, dass zumindest ein SPÖ-Mitarbeiter an Facebookseiten, die Kurz diskreditierten, beteiligt war.

 

„Grüß Gott, wie geht's, alles OK?“

Einige der Journalisten im Bus interessiert bereits, mit wem Kurz nach dem Wahlsieg koalieren will. Dieser betont, dass das Rennen noch nicht gelaufen sei. Auf den letzten Metern des Wahlkampfs geht es für den ÖVP-Chef vor allem darum, nur bloß keinen Fehler zu machen. Sei es durch unbedachte Äußerungen. Oder sei es darin, dass die Anhänger von Kurz wegen des allseits schon erwarteten Wahlsiegs auf den letzten Metern nicht genügend mobilisiert werden.

Darum lässt der Wahlkampf täglich grüßen. An diesem Montag Nachmittag steht eine Betriebsbesichtigung an. Die meisten Arbeiter schauen interessiert, einer zückt sein Handy, um den Moment des hohen Besuchs festzuhalten. „Grüß Gott, wie geht's, alles OK?“, fragt Kurz einen Mann. Nach dem unverbindlichen Small Talk folgt meist ein freundlicher Klopfer des Ministers auf den Oberarm des Gesprächspartners, gefolgt vom festen Kurzschen Händedruck.

Andere Mitarbeiter schauen etwas verängstigt ob des großen Aufsehens, für den Kurz und der Wahlkampftross sorgt. Sie interessiere sich eigentlich nur wenig für Politik, sagt eine Frau schüchtern. Eine andere Mitarbeiterin ist da schon mutiger: Sie fordert höhere Pensionen. Kurz erklärt ihr, dass es von der Leistung der Wirtschaft abhänge, wie hoch die Pensionen sein könnten. Aber gerade bei den niedrigen Pensionen sei es natürlich sein Ziel, diese zu erhöhen. Ein Mann will mehr Netto vom Brutto und fordert, dass sich Kurz auch nach der Wahl noch an seine Versprechen erinnert. „Erinnern ist zu wenig“, sagt Kurz. Er wolle sie auch umsetzen. Ganz überzeugt schaut der Arbeiter trotzdem nicht.

Eine Frau hingegen hat schon den ganzen Tag auf Kurz gewartet, sie lächelt bereits, als der Minister sich nähert: „Guten Tag, Sie sind meine Favorit! Alles, was Sie haben vor, ist richtig“, sagt die Frau mit leichtem ausländischen Akzent enthusiastisch. Kurz freut sich, einen echten Fan gefunden zu haben. „Da müssen Sie am 15. Oktober aber auch wählen gehen,“ erklärt Kurz der Frau. Die Familie solle sie dabei bitte auch mitnehmen. Mobilisierung eben. Die Frau lächelt derweil immer noch.

Keine Beachtung schenkt Kurz einem Karton in der Fabrik, der mit den Worten „1000 Kerne“ beschriftet ist. Der Minister, dem in politischer Hinsicht schon ein Kern reichen dürfte, kehrt dem Karton den Rücken zu und beginnt ein weiteres Gespräch mit Mitarbeitern. Inzwischen ist es an diesem Nachmittag schon fast dreiviertel vier. „Bis 16 Uhr habt ihr, glaube ich, noch“, sagt Kurz, der vorher von einer Mitarbeiterin über deren Arbeitsende informiert wurde. Pech für Kurz: Die von ihm aufgeschnappte Zusatzinformation bringt hier keine Pluspunkte, denn die jetzt angesprochenen Mitarbeiter haben noch nicht so bald aus, sondern sie müssen noch bis 17.30 Uhr arbeiten, wie sie betonen.

 

Warten auf den Tag X

Weiter geht es im türkisen Wahlkampfbus, Kurz braucht nun etwas zu trinken. Zum Glück winkt nur noch ein leichter Wahlkampftermin. Ein Besuch im Freiwilligenbüro des Team Kurz an der Schottenbastei. Eine junge Frau begrüßt Kurz mit strahlenden Augen. Sie ist eine von drei Teamcoaches, die Verteil- und Flyeraktionen koordiniert. Der Wahlkampf laufe gut, meint die Frau. Neben Geschenken wie etwa Pez-Zuckerln verteile man schon am Morgen nach jeder TV-Debatte mit Kurz auch Zetteln mit den aktuellen Äußerungen des ÖVP-Chefs an Passanten. Und mit Anrufen aus diesem Büro wolle man ÖVP-Sympathisanten auch erinnern, zur Wahl zu gehen.

Kurz bedankt sich an diesem Montag artig bei den Helfern im Büro. Auf der Wand hängt eine Zahl, die die Tage bis zur Wahl zeigt. „Ah, 13 Tage noch“, sagt Kurz.

So, als wüsste er nicht, wann der große Tag, auf den er hinarbeitet, kommt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.10.2017)

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