Niederösterreich: Des Fürsten braves Volk

Zwanzig Jahre regierte er schon, aber der Fürst stützte sorgenvoll die kahle Stirn in die Hand. Hatte er sein absolutistisches System derart perfektioniert, dass es droht, genau daran zu scheitern?

Niederoesterreich Fuersten braves Volk
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(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Der Fürst hatte erreicht, was er erreichen wollte – trotzdem war er betrübt. Wie gut ihm das Werk doch gelungen war, ach wie gut, wie erschreckend gut! Das Land hatte er fest im Griff, Widersacher waren glimpflich beiseitegeschoben, Oppositionelle eingelullt. Zwanzig Jahre regierte er nun schon, Sonntag ist Wahltag, und so würde er vom Volk gebeten werden, es für weitere fünf Jahre anzuführen. Sorgenvoll stützte er die kahle Stirn in die Hand.

Wie einfach es letztlich gewesen war, dieses Land mit seinen Gleichgesinnten von der giebelgrünen Finanz- und Agrargemeinschaft unter Kontrolle zu bringen! Nicht auszudenken, wenn ein anderer, ebenso Fähiger wie er, an seiner Stelle gewesen wäre, ein Mensch mit despotischen Zügen etwa, ein Volksverhetzer, gefährlicher Radikaler. Der Fürst erschauderte ob des blinden Glaubens der Menschen, ob der Propaganda, die sie gedankenlos schluckten. Dachte er wiederum an den Trupp Unfähiger, die sich Oppositionelle nannten, schwankte er zwischen Mitleid und Lachanfall. Etliche Bürgermeister der einst so stolzen gegnerischen Arbeiterbewegung hatten ihm naiv für seine finanziellen Zuwendungen gedankt und waren nicht einmal auf die Idee gekommen, dass ihnen das Geld wegen der im Finanzausgleich festgelegten Bedarfszuweisungen ohnehin zustand.

Manche Oppositionelle, der Fürst hob amüsiert die Mundwinkel, gingen gar so weit, den Bürgern nicht die eigene Wahlpartei zu empfehlen, sondern jene des Fürsten. Darunter befand sich sogar einer seiner einst härtesten politischen Rivalen, der ehemalige ach so selbstbewusste Innenminister der Republik. Selbst angebliche Freigeister, Wissenschafter und Künstler hatte der Fürst vor seinen Karren spannen können. Ja, alle, alle, alle hatte er eingelullt – mit Worten und Freundschaftsbekundungen, mit Ansehen und Subventionen, mit positiven Bescheiden und billiger Symbolik. Abermals erschauderte der Fürst.

Finanziert hatte er die Almosen nicht aus seiner Privatschatulle, wie es ihm stets gelang, den Anschein zu erwecken. Finanziert wurden die Überzeugungsgelder allesamt von den zu Überzeugenden selbst – und freilich von den vielen übrigen Steuerzahlern, die dies geduldig hinnahmen. Vom Volk Geld und Stimme. Diese gewinnbringende Altersweisheit hatte ihm sein Vorgänger vermacht, so wie das Land selbst. Immer schon seien die einfachen Menschen bereit gewesen, dem Adel Robot zu leisten. Ein einziges Mal, 1768 bei der Gföhler Bauernrevolte, hätten sie gegen die Obrigkeit aufbegehrt – nicht weil sie benachteiligt wurden, das hätten sie ertragen wie eh und je, sondern weil sie sich mit einem Mal ausgenutzt fühlten. Bedenke also Folgendes, riet des Fürsten Ziehvater: Sie nehmen so manches hin, zahlen Zins und Steuern, danken dir trotz allem für deine Gunst, doch nur solange du ihnen ihren kleinen Stolz lässt. Mache sie also glauben, dass du nicht ihr Herrscher bist, sondern der erste Diener des Volkes.

Wie kaum ein anderer Machthaber im aufgeklärten Absolutismus hatte sich der Fürst diesen Rat zu Herzen genommen; ja hatte die Maskerade bis zur Meisterschaft kultiviert, sodass er mitunter selbst daran zu glauben vermochte.

System zur Perfektion gelangt. Ebenso zur Perfektion gelangt war in den vergangenen Jahrzehnten das machiavellistische System der wirtschaftlichen Abhängigkeiten, der nutzbringenden Freundschaften sowie der Förderung handzahmer gesellschaftlicher Eliten. Für den Machterhalt war das wichtig und richtig, doch die Nebenerscheinungen machten den Fürsten zunehmend fahrig. Wohin er sich auch wandte, er war umringt von Speichelleckern, Karrieristen, treu ergebenen Stümpern, aus Vorsicht stumm gewordenen Künstlern, domestizierten Denkern sowie nervenden Bittstellern. Ein Wunder schien es ihm da zuweilen, dass das Land sich noch halbwegs in den Fugen hielt. Aber was, wenn er einmal nicht mehr sein würde? Er war schließlich der Kopf des Systems. Alle ordnenden Fäden liefen bei ihm zusammen. Sorgenvoll blickte der Fürst auf den Silbersee.

Waren rundum denn alle erstarrt? Wo etwa blieb eine fundierte Kritik an den horrenden Schulden, wo jene am zunehmenden Auseinanderdriften der Regionen? Wer regte sich auf über die rein asphaltgetriebene Verkehrspolitik zuliebe von Banken-, Bau- und Frächterlobby? Sein braves Volk erwartete doch hoffentlich nicht von ihm, dass er selbst auf derlei Verfehlungen aufmerksam machte!

Wo waren nur die klugen, mutigen Menschen geblieben, mit denen sich das Land wahrlich voranbringen ließe? Alles muss ich selber machen! Vor Wut herrschte der Fürst einen hereinkommenden Beamten an. Hatte er sein absolutistisches System tatsächlich derart perfektioniert, dass es drohte, genau daran zu scheitern? Erwartete das Volk denn tatsächlich von ihm, die Günstlingswirtschaft abzuschaffen, den Druck auf Andersdenkende, die Politik der Potemkinschen Dörfer? Ja erwartete das Volk denn vom Fürsten, das Fürstentum abzuschaffen?


Das Volk wartet auf ihn. Eure Durchlaucht, wagte es der Beamte erneut: Die Menschen haben gewählt, sie warten auf Sie. Der Fürst seufzte, erhob sich, atmete tief durch und setzte sein geübtes Lächeln ins Gesicht. Zuversicht, Sicherheit und Klarheit strahlte er aus. Da draußen war sein braves Volk, es wartete auf ihn.

zum autor

Thomas Sautner,
Jg. 1970, ist Schriftsteller und Essayist. Er lebt in seiner Heimat, dem nördlichen Waldviertel, sowie in Wien. Zuletzt erschienen von ihm die Romane „Fremdes Land“ sowie „Der Glücksmacher“, beide im Berliner Aufbau Verlag. Alexandra Eizinger

1,84 Millionen Wähler

In Niederösterreich und Kärnten werden heute, Sonntag, die Landtage neu gewählt, es geht dabei um 56 bzw. 36 Mandate. In Niederösterreich hält die ÖVP mit Landeshauptmann Erwin Pröll seit der Landtagswahl 2008 mit 54,4Prozent die absolute Mehrheit. In Kärnten stellt die FPK, die 2009 noch als BZÖ angetreten ist, mit Gerhard Dörfler den Landeshauptmann und hält bei 44,9 Prozent.

1,4 Millionen Wahlberechtigte gibt es in Niederösterreich bei rund 1,6 Millionen Einwohnern. In Kärnten sind 440.000 der knapp 560.000 Kärntner stimmberechtigt. In Niederösterreich (19.178 Quadratkilometer) gibt es 573 Gemeinden, in Kärnten (9536 Quadratkilometer) sind es 130 Gemeinden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.03.2013)

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