Österreichische Wähler sind ein seltsames Volk

Die Gründe, warum etablierte oder neue (beziehungsweise neu erstarkte) Parteien gewählt werden, unterscheiden sich laut Wahlforschung deutlich.

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Österreichische Wähler sind ein seltsames Volk – (c) Clemens Fabry

Ist Österreich seltsam? In einem gewissen Ausmaß können wir die Frage mit einem klaren ,Ja‘ beantworten.“ In diesem Satz gipfelt eine Analyse des Wahlverhaltens der Österreicher in den vergangenen drei Jahrzehnten, die von Wiener Sozialwissenschaftlern durchgeführt wurde.

Konkret: Die Erklärungen für die Wahlentscheidungen seien über die Zeit „erstaunlich stabil“ geblieben – anders als in vergleichbaren westeuropäischen Ländern, in denen es zuletzt starke Veränderungen gab. In Österreich herrsche unverändert ein starkes Lagerdenken vor, alle Langzeit-Indikatoren (von Alter und Geschlecht über Religion und Gewerkschaftsmitgliedschaft bis hin zu Sozialstatus und Berufsstand) könnten unverändert einen großen Teil der Wahlentscheidung erklären. Aktuelle Themen – etwa Umwelt, EU oder Migration – spielten für die etablierten Parteien (ÖVP und SPÖ) kaum eine Rolle; nur bei der Wahlentscheidung für die neueren bzw. neu erstarkten Parteien (Grüne und FPÖ/BZÖ) sind sie wichtig.

Angebot und Nachfrage. So dezitierte Aussagen über das Wahlverhalten der Österreicher wären noch vor ein paar Jahren undenkbar gewesen. Bisher, so erläutert die Sozialwissenschaftlerin Sylvia Kritzinger (Uni Wien), seien Wahlumfragen fast ausschließlich für die Zwecke von Parteien gemacht worden – die Wissenschaft habe nur selten vollen Zugriff auf die Daten bekommen, zudem fehlten in den Umfragen manche Faktoren, die für sozialwissenschaftliche Modelle wichtig sind.

Im Jahr 2009 änderte sich das: Der Wissenschaftsfonds (FWF) genehmigte das Nationale Forschungsnetzwerk Autnes (Austrian National Election Study), in dem Politik-, Sozial- und Medienwissenschaftler um Wolfgang C. Müller, Sylvia Kritzinger und Klaus Schönbach die Nachfrageseite von Wahlen (die Wähler), die Angebotsseite (Parteien, Kandidaten) und die Medienberichterstattung (als Bindeglied dazwischen) im Detail analysieren.

Das wurde bereits für die Präsidentschaftswahl 2010 gemacht; die erste wirklich Bewährungsprobe für die neu entwickelten Methoden ist aber der heutige Wahlgang: Bisher wurden an die 10.000 Interviews geführt, zudem werden laufend Medienberichte ausgewertet. Die ersten konkreten Ergebnisse von Autnes wurden in der Vorwoche präsentiert: Für das Buch „The Austrian Voter“ (144 S., 30,90 Euro, V&R unipress) analysierte Kritzingers Arbeitsgruppe die Veränderungen des Wahlverhaltens zwischen den Nationalratswahlen 1986 und 2008.

Die Erkenntnisse bestätigen manch Erwartetes: etwa dass ältere Wähler eher zu etablierten Parteien tendieren. Oder dass gläubige Katholiken hauptsächlich ÖVP und Gewerkschaftsmitglieder SPÖ wählen. Überraschender ist da schon, dass das Geschlecht nur eine vernachlässigbare Rolle bei den Parteipräferenzen spielt – eine leichte Tendenz bei rechten Parteien (die männlicher waren) verschwand 2008.

Manche Zusammenhänge sind hingegen neu: So spielt der Berufsstand nur bei Wählern der etablierten Parteien eine Rolle – zur Erklärung, wer Grüne oder die Rechtsparteien wählt, ist er hingegen unwichtig. Und: Das Ausbildungsniveau ist für die Parteipräferenzen fast unbedeutend. Das gilt sogar für die Unterscheidung zwischen Grün- und FPÖ/BZÖ-Wählern: Hier ist die Einstellung zur Migration der viel wichtigere Faktor.

Bei den Themen, die den Wählern wichtig sind, gibt es einen Zusammenhang mit dem Alter: Ökonomische und soziale Fragen interessieren fast nur ältere Wähler, den jüngeren sind hingegen Bildung und kulturelle Themen wichtig.

Obwohl die Forscher grundsätzlich die bereits erwähnte „erstaunliche Stabilität“ beim Wahlverhalten sehen, bemerken sie dennoch beginnende, aber langsame Änderungen: Die Erklärungskraft der langfristigen Faktoren sinke, aktuelle Themen würden für die Wahlentscheidungen wichtiger. Kritzinger: „Die Änderungen, die wir derzeit beobachten, lassen vermuten, dass Österreich nur hinterherhinkt und schon bald den Wahltrends in anderen europäischen Ländern folgen wird.“

Links-rechts

Die ideologische Ausrichtung spielt laut den Analysen im Autnes-Projekt bei Wahlentscheidungen eine größere Rolle als bisher gedacht.
Bei Umfragen zur Nationalratswahl 2008 sah sich ein Viertel der Wähler genau in der Mitte – auf Stufe sechs einer elfteiligen Skala von eins (links außen) bis elf (rechts außen). Von der Mitte zu den Extremen hin fällt die Häufigkeit gleichmäßig ab. Nur jeder achte Wähler wollte oder konnte sich nicht in das Links-/Rechts-Schema einordnen.
Die Parteien werden in dieser Skala so eingeschätzt: Am linken Ende des Spektrums waren 2008 die Grünen (3,57) und die SPÖ (3,98), fast genau in der Mitte lag die ÖVP (6,66), weiter rechts kamen das BZÖ (8,38) und die FPÖ (9,02).
Bei SPÖ, ÖVP und den Rechtsparteien hing die Wahlentscheidung sehr eng mit der ideologischen Ausrichtung der Wähler zusammen; deutlich schwächer war dieser Zusammenhang bei den Grünen.

Fakten

Wahlen und das Wetter
Die Wahlbeteiligung, die in den 1980er-Jahren noch bei über 90 Prozent gelegen ist, sinkt beständig (2008: 78,8 Prozent). Dieser lineare Trend ist aber offenbar von anderen Faktoren überlagert: u. a. vom Wetter am Wahltag.
Experten der Hohen Warte (ZAMG) haben für die Nationalratswahlen seit 1994 einen „statistisch einigermaßen brauchbaren“ Zusammenhang zwischen Wahlbeteiligung und Sonnenscheindauer am Wahlort gefunden.
Jede Sonnenstunde am Wahltag verringert demnach die Wahlbeteiligung um 0,6 Prozentpunkte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.09.2013)

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