Schönborn: "Schuldenmachen ist Verstoß gegen Gerechtigkeit"

Kardinal Christoph Schönborn betont den Wert der Solidarität angesichts der Krise in Europa. Und reklamiert für alle Religionsgemeinschaften: Deren Ausschluss aus dem öffentlichen Diskurs sei schädlich.

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Die Presse

Die Presse: Europas Politik, Wirtschaft und Währung stecken in einer tiefen Krise. Für wie zukunftsfit halten Sie das Projekt Europa?

Kardinal Christoph Schönborn: Es ist von Anfang an ein irreversibles Zukunftsprojekt gewesen. Ist es nicht faszinierend, wie dieses Europa aus so vielen Krisen und Katastrophen entstanden ist?

Werden derzeit die zentrifugalen Kräfte einer Desintegration in Europa nicht eher stärker?

Dass es Phasen gibt, in denen man sich stärker auf die eigene Identität besinnt, ist etwas Normales. Deswegen müssen wir nicht das Schreckgespenst eines radikalen Nationalismus an die Wand malen. Nationale Identität und europäische Integration sehe ich als komplementäre Entwicklungen, solange der Nationalismus sich nicht gegen das europäische Projekt richtet.

Ist nicht eines der Grundprobleme, dass es keine europäische Identität gibt?

Wenn ich aus einem anderen Kontinent zurückkomme, weiß ich schon auf dem Flughafen, dass ich in Europa bin. Da ist eine europäische kulturelle und auch religiöse Identität, die mich sagen lässt: Ich bin österreichischer Europäer, europäischer Österreicher.

Ist die christliche Identität in den USA nicht manchmal stärker als in Europa?

Die christliche Identität ist in Europa ganz eindeutig stärker ausgeprägt.

Auch in der Politik und im Bekenntnis zum Christentum?

Im amerikanischen öffentlichen Diskurs ist die Präsenz der Religion sehr viel stärker. Trotzdem ist das Christliche in Europa deswegen nicht weniger präsent. Man sollte genauer hinschauen, mit wie viel aus dem Glauben motivierter christlicher Verantwortung auch in der Politik agiert wird. Warum bemüht man sich um Solidarität in Europa?

Geschieht das nicht auch aus Angst?

Mit welcher Selbstverständlichkeit wird von einem Großteil der europäischen Bevölkerung die zwischenstaatliche Solidarität in Europa mitgetragen – wenn auch mit Murren! Das hat auch etwas zu tun mit einem christlichen Menschen- und Gesellschaftsbild, das nach wie vor auf diesem Kontinent vorhanden und prägend ist.

Würde durch einen Beitritt eines großen islamischen Landes wie der Türkei das christliche Bild Europas verwässert werden?

Die Frage der Präsenz des Islam in Europa stellt sich mit oder ohne Türkei sehr massiv. Wie verhalten sich die Menschen dieser Glaubensrichtung gegenüber liberalen demokratischen Staaten? Eine Frage, die sich für die Christen im 19. Jahrhundert sehr massiv gestellt hat, stellt sich heute beim Islam. Eines ist auf jeden Fall sehr spannend: dass wir nicht umhinkommen, das Thema Religion in der zivilen Gesellschaft ernster zu nehmen. Man darf nicht von religiösen Menschen erwarten, weil sie in einem liberalen demokratischen Staat leben, dass sie ihre Identität einklammern, um Bürger dieses Staates zu sein.


Das klingt so, als würden Sie das konstatieren.

Die Tendenz gibt es zweifellos in Form eines aggressiven Laizismus, der zwar sehr wohl entschieden fordert, dass die laikalen Werte hochgehalten werden, aber die Wertvorstellungen von religiösen Menschen en bloc diskriminiert oder gar eliminieren will aus dem politischen Diskurs. Eine radikale Exklusion des Themas Religion aus dem öffentlichen Diskurs ist nicht durchhaltbar und auch ausgesprochen schädlich.

Das führt direkt zur kürzlich sehr aktuell gewordenen Frage der Beschneidung...

Ich halte das für eine sehr wichtige und sehr entscheidende Debatte. Es muss Religionsgemeinschaften in einem freiheitlichen demokratischen Staat möglich sein, ihre religiöse Identität in Freiheit zu leben. Dass es zu Wertekollisionen kommen kann, ist klar. Aber da kann der Wert der Religionsfreiheit nicht einfach als unter ferner liefen betrachtet werden. Und wenn in Deutschland und in Österreich unsere jüdischen Mitbürger dieses für sie wirklich identitätsstiftende Zeichen, das mehr ist als nur ein Ritual, nicht mehr legitim praktizieren können, dann sagen sie zu Recht, dass sie in diesem Land keine Lebensmöglichkeit mehr haben. Mit der belasteten Vorgeschichte des Judentums in unseren Ländern muss eine solche Sorge sehr, sehr ernst genommen werden.

Ist Schuldenmachen eine Sünde?

Sünde ist eine religiöse Kategorie und betrifft immer das persönliche Verhalten. In politischen Kategorien ist das zuerst eine Frage der Klugheit und der Gerechtigkeit. Exzessives Schuldenmachen ist ein schwerer Verstoß gegen die Gerechtigkeit.

Und nach der klassischen Tugendlehre ist die Klugheit die Leiterin aller anderen Tugenden. Schuldenpolitik ist äußerst unklug und ungerecht. Erfahrungsgemäß kann es nicht anders ausgehen, als dass kumulierte Staatsschulden und Kommunalschulden und Landesschulden früher oder später auf dem Rücken vor allem der Ärmeren, Schwächeren in der Gesellschaft ausgetragen werden. Und man sieht ja schon jetzt an der massiven Teuerung, dass das einfach die Menschen mit niedrigen Einkommen in wirklich traumatischer Weise trifft. Insofern ist die Frage zu stellen, ob die, die das Schuldenmachen populär gemacht haben oder es im großen Stil betrieben haben, damit nicht auch eine Sünde begangen haben.

So gesehen sind die Griechen die großen Sünder.

Gott ist barmherzig und wir sind alle Sünder. Eines ist sicher, wie immer die Krise ausgeht: Auf die Solidarität können und dürfen wir nicht verzichten. Auch wenn in der Familie jemand Fehler macht, ist es ein Gebot der Solidarität, ihn nicht ganz hängen zu lassen.

Diese Solidarität, die Sie angesprochen haben, gibt es die ausreichend in Österreich auch zwischen den Generationen?

Es wird den kommenden Generationen sicher schlechter gehen. Und das haben wir alle miteinander zu verantworten, weil wir auf Kosten der nächsten Generationen einen Teil, vielleicht sogar einen Gutteil, unseres Wohlstands konsumieren. Aber trotzdem ist Hoffnung. Wer das bezweifelt, dem kann man empfehlen, einmal in Erdteile zu gehen, wo es den Menschen zum Teil sehr, sehr viel schlechter geht. Und wo trotzdem viel mehr gelacht wird.

Im Oktober jährt sich der Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils zum 50. Mal. Wo sehen Sie in 50 Jahren die katholische Kirche Europas? Der Trend des Rückgangs der Zahl der Katholiken ist eindeutig.

Es ist ein tiefer gesellschaftlicher Umbruch, den ich in meiner eigenen Lebensspanne intensiv miterleben konnte. Von einer Kinderzeit im Dorf, wo am Sonntag mit ganz wenigen Ausnahmen alle in der Kirche waren, zu einer Situation, wo in demselben Dorf mit wenigen Ausnahmen am Sonntag alle nicht in der Kirche sind. Das Kerngeschäft der Kirche ist dasselbe geblieben, ein Weg des Menschen zu Gott zu sein. Das ist der Kern. Religion ist nicht primär Social Compatibility oder in josephinischer Betrachtung eine bürgerliche Moralanstalt. Kirche hat als primäre und erste Aufgabe, Menschen auf dem Weg zu Gott zu begleiten. Ob das heute schlechter gelingt als vor sechzig Jahren, würde ich durchaus nicht behaupten. Es geschieht anders. Und es geschieht in ganz faszinierender Weise. Die Grundfragen sind dieselben geblieben. Die Gottesfrage ist die entscheidende Frage. Kirche ist eine Pilgergemeinschaft. Wir haben in den letzten Jahren, in den letzten 50 Jahren sehr Entscheidendes und Wichtiges durch das Konzil über die Kirche gehört, Großartiges. Wir haben uns aber zu viel mit uns selbst beschäftigt. Vielleicht sagt uns die Situation des starken Rückgangs der Katholikenzahl auch, dass die Gottesfrage die eigentliche Lebensfrage ist.

Ist das eine Einladung an Kritiker oder ist das eine Kritik?

Das ist eine Einladung zuerst, weil wir uns alle furchtbar intensiv mit der Kirche und ihren Image und ihren Konflikten beschäftigt haben. Und wir wurden massiv dabei von Medien unterstützt.

Begleitet...

Orchestriert. Aber bewegt wirklich zuerst einmal die Frage, wie die Kirche ausschaut, wie die Kirche organisiert ist? Das ist alles sehr, sehr wichtig, aber nicht die entscheidende Frage. Es wäre interessant, quer durch Österreich zu fragen, Priester, Laien, Bischöfe, wie schaut's eigentlich bei uns mit der Gottesfrage aus? Bewegt uns die? Und tauschen wir uns darüber aus? Das wäre ein Österreich-Thema.

Ist das als Ankündigung für ein österreichweites Gespräch, einen Katholikentag oder Dialog zu verstehen?

Nein. Das ist eine Einladung im Jahr des Glaubens, das mit dem 11. Oktober beginnt, in Erinnerung an den Konzilsbeginn vor 50Jahren, uns dieser Glaubensfrage zu stellen.

Zur Person

Christoph Schönborn wurde am 22. Jänner 1945 im böhmischen Skalken als Spross einer Adelsfamilie geboren und wuchs in Schruns in Vorarlberg auf. Nach der Matura 1963 trat er im westfälischen Warburg in den Dominikanerorden ein. Schönborn studierte Theologie und Philosophie in Walberberg bei Bonn, in Wien und Paris. Am 27. Dezember 1970 wurde er von Kardinal Franz König in Wien zum Priester geweiht. 1971/72 absolvierte er ein Doktoratsstudium am Institut Catholique in Paris, 1972/73 ein Studienjahr in Regensburg, wo der heutige Papst Benedikt XVI. sein Lehrer war. Der Kontakt zu ihm ist nie abgerissen.

Erzbischof und Kardinal. Nachdem Schönborn 1991 zum Weihbischof der Erzdiözese Wien ernannt wurde, folgte am 14. September 1995 die Ernennung zum Erzbischof durch Johannes Paul II. 1998 wurde er Kardinal und übernahm den Vorsitz der Bischofskonferenz.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.09.2012)

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