Pressestimmen: ''Beständiger Obama, sprunghafter Romney''

''de Volkskrant''

"Dass Obama sein Wahlversprechen eingelöst hat, ist seine größte Leistung. Er hat Amerikas Schande ausgelöscht. Die Tatsache, dass in diesem reichen Land 40 Millionen Amerikaner ohne Krankenversicherung auskommen mussten. Das war nicht nur ein Unrecht, sondern auch pure Geldverschwendung. Die Ausgaben im Gesundheitswesen liegen in den USA deutlich über denen in Europa. "Obamacare" mag in den USA fast ein Schimpfwort sein - Romney will das Gesetz wieder rückgängig machen -, aber die Einführung der allgemeinen Krankenversicherung war ein Durchbruch großen Formats. Wer es in seiner ersten Amtszeit als Präsident geschafft hat, einen solchen Meilenstein zu errichten, verdient eine zweite Chance. Auch wenn er nicht über Wasser laufen kann."

''Le Monde'' (Paris)

"Eine Frage interessiert die ganze Welt: Haben die amerikanischen Politiker die Lehren aus der Krise 2007-2008 gezogen? Obama verteidigt seine Bilanz, nicht immer brillant, aber solide. Er hat begonnen, die Finanzwelt zu reglementieren und mit seinem Plan für den Wiederaufschwung der Wirtschaft wurde eine schlimme Rezession vermieden. Mitt Romney hat keine Lehre aus der Krise 2008 gezogen. Er setzt auf vergangene Lösungen: Steuersenkungen, eine allgemeine Deregulierung und mehr Geld für die Verteidigung. Romney steckt im falschen Jahrhundert, doch er tut es mit Brillanz. Die Welt braucht jedoch eher einen beständigen US-Präsidenten wie Obama als einen ideologisch sprunghaften Mitt Romney."

''Aftenposten'' (Oslo)

"Barack Obama gewann die Wahl 2008 mit vagen Versprechungen zu 'Hoffnung' und Veränderung'. Die großen Visionen trafen brutal auf die Wirklichkeit und sind jetzt im Wahlkampf nicht wieder aufgetaucht. Stattdessen hat Obama versucht, sich den Wählern als Politiker zu vermitteln, der eine wirtschaftliche Depression verhindert und die Grundlage für einen neuen Aufschwung gelegt hat. (...) Mitt Romney hat sich als erfolgreicher Geschäftsmann und Investor dargestellt, der weiß, wie man die Räder zum Rollen bringt. (...) Seine Schwäche war das Wackeln zwischen an der Mitte orientierten Haltungen und rechtsorientierten Initiativen."

''Magyar Nemzet'' (Budapest)

"Wer auch immer aus diesem Wettrennen als Sieger hervorgeht, sicher ist nur, dass gleich nach der Ergebnisverkündung die Krise an seine Tür klopfen wird. Der neue oder der alte Präsident sowie die Mitglieder des Kongresses müssen - die tiefe Gespaltenheit zwischen Demokraten und Republikanern überwindend - dringend Maßnahmen beschließen, um endlich das langsam unkontrollierbare Ansteigen der Staatsverschuldung zu beenden, ohne dabei die ohnehin schmalbrüstigen Wachstumsindikatoren zunichte zu machen. Unabhängig davon, welche Ideologie der Sieger bisher vertreten hat, werden sein Verhalten und seine Kompromissfähigkeit in dieser Frage für ihn den eigentlichen Maßstab darstellen. Mit anderen Worten: inwiefern er es schaffen wird, Amerika mit den neuen Realitäten zu konfrontieren."

''Kommersant'' (Moskau)

"Der Abschluss der US-Wahlkampagne glich dem verzweifelten Versuch beider Kandidaten, die vielleicht entscheidenden Stimmen zu sammeln. Denn zwölf Jahre nach dem spektakulären Unentschieden zwischen George W. Bush und Al Gore könnte sich ergeben, dass die Abstimmung wie damals zunächst keinen eindeutigen Sieger hat - so knapp sahen letzte Umfragen Barack Obama und Mitt Romney Kopf an Kopf. Auch wenn es sich derzeit so anfühlt, als hätte letztendlich der Amtsinhaber doch irgendwie die Nase vorne: Die USA sollten sich auch auf ein 'totes Rennen' einstellen - und damit auf eine mögliche lange juristische Auseinandersetzung."

''Libération'' (Paris)

"Die vier Jahre der ersten und vielleicht letzten Amtszeit Obamas haben die Blockade dieses politischen Systems gezeigt. Im Kongress riskieren die Republikaner lieber den Zusammenbruch der Wirtschaft, wie es der Kommentator Thomas Edsall schreibt, als einen Kompromiss zu finden. Diese Blockade in Washington hat das historische Misstrauen der Amerikaner gegenüber der Regierung und dem Staat nur noch vertieft. Obama hat es nicht geschafft, dieser Falle zu entrinnen, weder während seiner Amtszeit noch während des Wahlkampfes. In diesem Wahlkampf hätten sich zwei Visionen Amerikas gegenüberstehen sollen - doch dabei herausgekommen ist ein Kampf um Positionen. Wer auch immer die Wahl gewinnt, dieser ideologische Konflikt wird bleiben."
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