Die Fußtruppen Barack Obamas in den Vorstädten

Die Demokraten haben das ganze Land mit einem Netz von Wahlhelfern überzogen, die per Telefon oder bei Hausbesuchen Überzeugungs-Arbeit leisten.

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(c) EPA (Mike Theiler)

Washington. Der Tag beginnt mit Gottes Segen und der Nationalhymne, mit einem Gebet und einer Demonstration von inbrünstigem Patriotismus. Im Hauptquartier der Demokraten, unweit des Kapitols in Washington, wurlt es von freiwilligen Wahlhelfern, die von einem ganzen Chorus an Motivationskünstlern eingestimmt werden auf ihren Einsatz für Barack Obama. Das „Klinkenputzen“, die Wahlwerbung von Haus zu Haus, ist ein unbezahlter Knochenjob – noch dazu an einem Tag, an dem es draußen in Strömen regnet. „Weder Regen noch Schnee kann uns abhalten“, lautet die Parole.

Marion Berry, der ehedem so skandalumwitterte Exbürgermeister von Washington, feuert die Menge mit einem „Pep-Talk“ an, mit aufpeitschenden Worten, einem Victoryzeichen und dem Bekenntnis: „Ich hätte nie gedacht, dass dieser Tag kommen wird.“ Sein jugendlicher Nachfolger, Adrian Fenty, ballt die Fäuste, und Etan Thomas, der zwei Meter große Basketballstar der „Washington Wizards“ und Poet mit schwarzer Strickmütze, hält eine politische Predigt, die ihn für höhere Aufgaben qualifiziert: „Es ist Zeit für eine neue Vision für Amerika.“ Der volle Saal bebt vor Applaus.

So aufmunitioniert, schwärmen die Fußsoldaten, Obamas Bodentruppen, nach Virginia aus, um die einst republikanische Hochburg im Sturm zu erobern. „Wir müssen in Nordvirginia ganz groß gewinnen“, gibt einer die Devise aus.

Bevor sich Laura Foster und Joel Whitaker, ein Paar aus Washington, an die Überzeugungsarbeit machen, stärken sie sich freilich noch mit einem Snack. „Das ist harte Arbeit, das ist kein Spaß. Doch die letzten beiden Wahlen waren wie ein Schlag in die Magengrube. Ich will nicht, dass das noch einmal passiert“, erzählt Laura. „Und die Nominierung von Sarah Palin zur Vizepräsidentschaftskandidatin hat mich so aufgebracht, dass ich mich entschlossen habe, etwas zu unternehmen.“ Joel pflichtet ihr bei: „Noch einmal vier Jahre mit den Republikanern wären unerträglich. Ich will mich nicht mehr für die Politik der Regierung entschuldigen müssen.“

In der demokratischen Wahlkampfzentrale von McLean, einer reichen Vorstadt von Washington mit 40.000 Einwohnern, bekommen Laura und Joel ihren Einsatzbefehl. Mit 700 solcher Wahlkampfbüros hat das Obama-Team das ganze Land überzogen, Zehntausende Helfer rackern sich ehrenamtlich für den demokratischen Kandidaten ab – viel mehr als auf der Gegenseite. An der Wand hängt ein Obama-Poster in Pop-Art-Manier, darunter prangt der Slogan „Hope“. Wahlhelfer haben sich ans Telefon geklemmt, um Unentschlossene zu bearbeiten. „Obamonos“, ruft der Einsatzleiter – eine Verballhornung von „Vamonos“: Los geht's.

 

Ausgetüfteltes System

Mit einer exakten Adressenliste rollen Laura und Joel, zwei Managementberater Mitte dreißig, staunend durch das Villenviertel Holly Leaf, an dem sich ein protziges Haus an das andere reiht. Vor der Garage stehen meist zwei oder noch mehr Karossen, die Vorgärten sind akkurat gestutzt und mit Halloweenschmuck geziert. „Ein Volvo war früher eher ein Hinweis auf einen Demokraten, ein Sternenbanner auf einen Republikaner. Aber das stimmt so nicht mehr“, weiß Laura. „Ein Abonnement der ,Washington Post‘ ist aber immer noch ein sicheres Zeichen für einen Demokraten.“

Die beiden gehen nach einem ausgetüftelten System vor, bei dem die bereits registrierten Demokraten ausgeklammert sind. Ruhig und freundlich spult Joel sein Sprüchlein herunter. Es gehe nicht so sehr darum, die Leute in eine politische Debatte zu verstricken, sondern sie zum Nachdenken zu bringen, sagt Joel. „Es geht um die kleinen Siege.“

Bei David Aronson ist das gar nicht mehr nötig. Er stürzt aus der Tür und verkündet frei heraus: „Ihr habt alle drei Stimmen aus unserem Haus.“ Und auch Sanaa Atta und ihre Familie stimmen geschlossen für Barack Obama. Die Beamtin im Gesundheitsministerium, eine gebürtige Palästinenserin, lädt die vom Regen durchweichten Wahlhelfer zu Tee und Kuchen ins Wohnzimmer, wo auf einem Großbildschirm gerade ein Footballspiel läuft. „Ich bin eine Mama für Obama“, scherzt sie in Anspielung auf ihre beiden Töchter, die ihre politische Haltung mit Obama-T-Shirts zur Schau tragen. So wie sie, tun viele ihre Überzeugung kund.

Republikanische Wähler reagieren auf die Obama-Werbetour eher kühl. Trotz mancher Zweifel bleiben viele in der Nachbarschaft den Republikanern treu. Doch einer gesteht unumwunden zu: „Euer Freund wird gewinnen.“


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WISSEN

Obamas Wahlkampf wird sehr direkt und intensiv geführt. In Nebraska wurde kurz vor der Wahl noch ein Wahlkampfbüro eröffnet. In North Carolina unterhält der Kandidat 45 Büros, in Virginia sogar 70. Ziel der Kampagne ist es auch, die Wahlbeteiligung zu steigern. Obama ist ebenso im Internet stark präsent: Er schaltet 100-mal mehr Anzeigen im Netz als sein Konkurrent McCain.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.10.2008)

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