Die Welt bis gestern: Kardinal Innitzer: „Heil Hitler!“: Der Fehler seines Lebens

1938 gutgläubig und überfordert – aber danach mutig gegen das NS-Regime.

Am 28.März1938 gibt es auf der Titelseite der NS-Zeitung „Völkischer Beobachter“ nur ein Thema: Die „Feierliche Erklärung“ der österreichischen Bischöfe, „aus innerster Überzeugung“ die Katholiken aufzurufen, am 10.April bei der Volksabstimmung über den „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich mit „Ja“ zu stimmen. Der Begleitbrief an Gauleiter Josef Bürckel ist von Wiens Erzbischof Theodor Innitzer unterschrieben, der eigenhändig in Kurrent dazusetzt: „...und Heil Hitler!“

Mit diesen drei Worten hat sich der unpolitisch denkende, impulsive und oft auch naive Kardinal Innitzer selbst das Brandmal aufgedrückt, das er bis zu seinem Tod 1955 unauslöschlich tragen sollte. Er ist 53 Jahre lang Priester, davon 23 Jahre Bischof gewesen.

Zwei Monate später hätte er das 80.Lebensjahr erreicht. Es muss also noch weit mehr in diesem Leben zu entdecken sein als dieses „Heil Hitler!“, das den Diktator im fernen Berlin übrigens recht kaltgelassen hat.

Und tatsächlich: Abseits der gutem Willen (und vorausahnender Furcht) entsprungenen Ergebenheitsadresse kommt oft eine Lebensleistung zu kurz, die man als „typisch unösterreichisch“ bezeichnen muss: Der allzu Gutgläubige dachte nämlich nach wenigen Wochen um. Als er erkennen musste, dass ihn das NS-Regime höhnisch hinters Licht führte, wandelte sich der Erzbischof der Wiener zu einem erklärten Hitler-Gegner, der dann während des Krieges Hunderten verzweifelten Juden die Flucht ermöglichte und Geldbeträge zusteckte, der den Vatikan um Hilfe anflehte, der letztlich bereit war, sein Leben zu riskieren. „Mehr als erschlagen können sie mich nicht“, meinte er zu seiner Umgebung. Dass es nicht dazu kam, lag nur an dem Umstand, dass Hitler seinen Krieg verlor. Denn für die Zeit nach dem erträumten Endsieg hatte der Braunauer schon die Vernichtung der katholischen Kirche auf seiner „Agenda“. Nach den Juden die Christen – als letzte widerspenstige Gesellschaftsgruppe.

 

Pius XI. war entsetzt

Zunächst freilich, in den Märztagen '38, ist die Welt über Innitzers Instinktlosigkeit entsetzt. Vor allem deshalb, weil er den Fehler in einem zweiten Schreiben an Bürckel am 31.März gleich noch einmal begeht. Der Oberhirte wird nach Rom zitiert, Pius XI. wäscht ihm den Kopf, beruft ihn aber nicht ab. Obwohl diesbezügliche „Anregungen“ empörter Katholiken – auch in Rom – einlangen. Die Audienz soll äußerst emotionell verlaufen sein. Erst nach dem Tod Pius' XI. gab Innitzer seinem Sekretär einen kleinen Einblick: „Der Hl. Vater war ein strenger Mann. Als ich ihm mein Verhalten in den Märztagen 1938 erklären wollte, fuhr er auf und sagte unwillig: ,Eminenz! Haben Sie auch schon rosarote Brillen auf?‘“ Pius glaubte längst nicht mehr Hitlers salbungsvollen Versprechen. Und Innitzer? Kehrte ziemlich deprimiert heim.

Es ist nicht zu leugnen, dass die politische Unwissenheit und der Leichtsinn Innitzers ein enormer Fehler waren, der nicht nur seine eigene Person diskreditierte, sondern auch der österreichischen Kirche schweren Schaden zugefügt hat. Freilich: Als Person der Zeitgeschichte hat er dafür auch schwer gebüßt. Sicher mehr als andere.

Nirgends ist heute die Rede vom Brief des evangelischen Oberkirchenratspräsidenten Robert Kauer: „...Gott segne Ihren Weg durch dieses deutsche Land und Ihre Heimat!“ Gewiss: kein „Heil Hitler“. Aber doch dieselbe falsche Erwartungshaltung an einen „Führer“, der übrigens bis zu seinem Tode brav die Kirchensteuer entrichtete.

 

Der NS-„Bierleiter Gauckel“

Einen letzten Versuch startet der Erzbischof am Tag vor der Volksabstimmung, also am 9.April. Der als „Nazikardinal“ in aller Welt Verfemte kann ohnehin nichts mehr an Reputation verlieren. Er trifft Hitler in Wien, wird aber höflich abgespeist: Nach der Abstimmung werde sich ein tragbarer Modus vivendi schon finden...

Keine Rede davon. Kaum hat Hitler die triumphale Zustimmung des deutschen Volkes zu Österreichs „Heimkehr ins Reich“, wird die Gangart verschärft, Katholiken werden von ihren Posten verjagt, Gauleiter Bürckel ist ein äußerst effizienter bürokratischer Büttel seines Herrn. Er denkt gar nicht daran, die Kirche ungehindert arbeiten zu lassen.

Innitzer bricht die Brücken ab, die sowieso nicht tragfähig waren. Für den 7.Oktober ruft er die katholische Jugend Wiens in den Stephansdom. Man erwartet sich nicht viel davon: 2500 Lied- und Gebetstexte sind vorbereitet. Es kommen 9000. So dicht gefüllt hat Innitzer „seinen“ Dom noch nie erlebt. Wenn das keine Demonstration ist! Dem schlechten Prediger Innitzer fliegen die Worte nur so von selbst zu: „Meine liebe katholische Jugend Wiens! Wir wollen gerade jetzt umso fester und standhafter unseren Glauben bekennen, uns zu Christus bekennen, unserem Führer und Meister, unserem König und seiner Kirche...“

Unter dem Jubel der Burschen und Mädchen geht der Kardinal hinüber in sein Palais. Sprechchöre verlangen, dass er sich am Fenster zeige. „Wir-wollen-unsern-Bischof sehen“, persiflieren sie die Nazis. Eine Verspottung, eine Kampfansage an das Regime, und die Hitlerjugend hat das auch ganz genau so verstanden.

Tags darauf rottet sich eine HJ-Menge zusammen, stürmt in den Hof des Bischofspalais, zerdrischt Fensterscheiben und sucht nach Innitzer, den die Sekretäre im Matrikelarchiv versteckt haben. Etwa hundert Rowdys wüten wie die Besessenen, zertrümmern Spiegel, Glas, Tische, Sessel. Weihbischof Weinbacher wollen sie aus dem Fenster schmeißen, beim Domkuraten Krawarik gelingt das auch. Mit beiderseitigem Oberschenkelbruch wird das Opfer monatelang im Spital bleiben müssen. Erst dann schreitet die Polizei ein und geleitet die Randalierer aus dem Haus des Bischofs.

Nicht genug damit: Am 13.Oktober veranstaltet die NSDAP nun auch offiziell eine Protestveranstaltung gegen „die Pfaffen“. Das goldene Wienerherz, wunderbar wandelbar, hat sofort 200.000 Menschen parat, die auf Transparenten „Innitzer nach Dachau“ fordern und „Pfaffen an den Galgen“. Tosender Beifall, Sprechchöre („Zwei, drei, vier – Innitzer krepier!“) und gellende Pfuirufe bei Bürckels übler Hetzrede gegen die „Staatsfeinde“.

 

Die Hilfsstelle im Palais

Die Weltöffentlichkeit verfolgt die Exzesse sehr genau, und Hitler bricht die Hetzpropaganda ab. Er braucht fügsame Christen für seine Politik, keine Widerständler. Die Amtskirche und ihre Infrastruktur hingegen sind so gut wie ausgeschaltet. Und die HJ sorgt dafür, dass den jungen Leuten die Lust am Kirchgang ausgetrieben wird.

In dem heimlichen Kulturkampf, der nun beginnt und bis Kriegsende dauern sollte, beweist der Kardinal, dass er aus dem größten Fehler seines Lebens gelernt hat. Trotz massiver Kirchenaustritte organisiert er den Religionsunterricht auf privater Basis. Er richtet eine Hilfsstelle im Palais ein, die bedrängten Juden Schiffspassagen in die USA vermittelt und Hinterbliebenen von KZ-Toten hilft. Viel Geld ist nötig, er bekommt es „schwarz“ von Chirurgen, von Industriellen wie von kleinen Gewerbetreibenden. 7000 Reichsmarkt monatlich bis Kriegsende gehen durch seine Hände. Er selbst zieht sommers keine Socken an, um sparen zu helfen. Die Küche des Palais kann täglich 70 Familien notdürftig ernähren.

 

Und dann ein Staatsbegräbnis

So überdauert die Kirche in den Katakomben den Weltkrieg. Aber Not und Elend werden 1945 mit der Befreiung nicht kleiner. Innitzer kennt inzwischen seine Wiener und weiß, dass plötzlich keiner mehr „dabei“ gewesen sein will. Die zwei Großparteien teilen sich das Land auf, alles Unheil wird den Nazis zugewiesen. Nur wer Sozialist oder ÖVP-ler wird, bekommt den „Persilschein“ – und damit eine zweite Chance.

Innitzer setzt sich nun für die NSDAP-Mitläufer ein – politisch wieder völlig unkorrekt, von den Menschen aber bedankt. Als der alte Erzbischof stirbt, gestaltet sich die Beisetzung zum Staatsbegräbnis. Auch die SP-Freidenker in der Koalitionsregierung geben Innitzer die letzte Ehre. Und Hunderttausende Wiener im Spalier setzen ein Zeichen: Dass man einen Menschen nur in der Zusammenschau seines gesamten Lebenswerks beurteilen sollte.

DER KARDINAL. Verführt, enttäuscht, bekennend

Sudetendeutscher. Geboren am 25.12. 1875 in Neugeschrei bei Weipert (Nordböhmen, an der Grenze zu Sachsen), Gymnasium in Kaaden an der Eger, fürsterzbischöfliches Klerikalseminar in Wien, ab 1902 Kaplan in Pressbaum.

Professor. Studienpräfekt am Wr. Priesterseminar, 1906 Promotion, Hochschulprofessor, 20 Jahre lang Ordinarius für das Neue Testament, dreimal Dekan, einmal Rektor der Wiener Universität.

Christlichsozialer Politiker. 1929 und 1930 Sozialminister im Kabinett Schober (Verbesserung der Lage der Kleinrentner).

Kirchenfürst. 1932 von Pius XI. zum Erzbischof von Wien ernannt und schließlich am 16.Oktober zum Bischof geweiht.

Manager. Neugliederung der „Katholischen Aktion“ ab 1933, Ausbau der Caritas, Gründung des Diözesanmuseums.

Pfarrgründer. In seine Amtszeit fällt die Gründung von 70 neuen Pfarren, bei seinem Tod umfasste die Diözese 602 Pfarren.

Beichtvater. Selbst in den Beichtstuhl nahm der Kardinal Geldmünzen mit, was viele Bettler und auch Gauner veranlasste, bei ihm kurzzeitig fromm zu werden.

Gestorben am 9.Oktober1955 in Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.03.2008)

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