Analyse: Die SPÖ ist heute eine andere Partei

Die SPÖ ist keine Arbeiterpartei mehr, sondern eine Partei der Mittelschicht, vor allem aber eine Funktionärspartei. Wiewohl diesmal auch wieder etliche Bürgerliche – wie zu Kreiskys Zeiten – ein Stück des Weges mitgegangen sind.

Im SPÖ-Zelt am Wahlabend: Eine Funktionärspartei feiert sich selbst. lntellektuelle gesellten sich dazu, Beamte, Freiberufler, Aktivisten der Zivilgesellschaft. Nur Arbeiter, die klassische SPÖ-Klientel, sah man kaum.
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Im SPÖ-Zelt am Wahlabend: Eine Funktionärspartei feiert sich selbst. lntellektuelle gesellten sich dazu, Beamte, Freiberufler, Aktivisten der Zivilgesellschaft. Nur Arbeiter, die klassische SPÖ-Klientel, sah man kaum.
Im SPÖ-Zelt am Wahlabend: Eine Funktionärspartei feiert sich selbst. lntellektuelle gesellten sich dazu, Beamte, Freiberufler, Aktivisten der Zivilgesellschaft. Nur Arbeiter, die klassische SPÖ-Klientel, sah man kaum. – (c) Stanislav Jenis

Man soll zwar nicht von Oberflächlichkeiten auf das große Ganze schließen. Dennoch kann ein Blick in die Festzelte an einem Wahlabend sehr aufschlussreich – und durchaus bezeichnend – sein. Das SPÖ-Zelt vor der Parteizentrale in der Löwelstraße war am Sonntagabend voll mit Jubelnden und Feiernden. Der überwiegende Teil davon: Funktionäre. Menschen, die im Umfeld von Partei oder Stadt Wien ihren Lebensunterhalt verdienen. Dazu noch Vertreter verschiedenster (Berufs-)Gruppen: Anwälte, Unternehmer, Schauspieler, Studenten, Journalisten, Aktivisten der Zivilgesellschaft. Arbeiter, die klassische Klientel der SPÖ, sah man hier kaum bis gar nicht.

Ganz anders im FPÖ-Zelt. „Wir sind das Volk!“, skandierten sie hier vor dem Rathaus. Und in der Tat: Hier saß „das Volk“, also ein Teil davon zumindest. Mit „HC“-Schals, viele in Tracht, in Oktoberfeststimmung. Funktionäre waren in der Minderzahl. Der Großteil „normale“ Bürger, in ihrer Eigenschaft als Strache-Fans da. Nicht wenige – um auf der oberflächlichen Ebene zu bleiben – dem Augenschein nach aus eher unteren sozialen Schichten. Ein doch starker Kontrast zu den Gucci-Handtaschen tragenden Damen aus der Funktionärsclique im Zelt.

Die FPÖ hat die SPÖ auch in Wien als Arbeiterpartei abgelöst. Die SPÖ ist heute annähernd das, was etwa die französische Schwesterpartei, die Parti socialiste, schon länger ist: eine Partei der Mittelschicht, des linken bis linksliberalen Establishments. Gewählt von Akademikern, Lehrern, Beamten.

Laut der Wahltagsbefragung von Peter Hajek haben am Sonntag nur 38 Prozent der Arbeiter SPÖ gewählt (FPÖ: 40 Prozent), dafür aber 45 Prozent der Beamten und immerhin 38 Prozent der Selbstständigen. In den innerstädtischen Mittelschicht-Bezirken innerhalb des Gürtels, aber auch darüber hinaus nach Westen hin, schnitt die SPÖ sehr gut ab, in den großen Arbeiterbezirken im Süden und Nordosten hingegen verlor sie stark an die FPÖ.

Die Wähler, die die SPÖ schon bisher an die FPÖ verloren hat, die werden nicht wiederzugewinnen sein: Das war die Prämisse der Wahlkampfstrategen der SPÖ schon zu Beginn des Wahlkampfs. Statt Simmering setzte die SPÖ also auf Bobostan. Und warb um die Grün- und Neos-affinen Wähler und auch um die Nichtwähler, um die Mehrheit zu sichern. Und die Rechnung ging auf. Viele Wähler, die man als bürgerlich bezeichnen kann – und dazu zählen durchaus auch viele Grüne –, machten ihr Kreuz bei Michael Häupl, um Heinz-Christian Strache als Bürgermeister zu verhindern. Die Frage ist freilich: Sind das „Leihstimmen“ für dieses eine Mal? Oder bleiben sie der SPÖ erhalten?

Ohne diese hätte die SPÖ nämlich ein ernst zu nehmendes Problem in ihrer Wählerstruktur. Die Arbeiter sind zu einem großen Teil zur FPÖ abgewandert – zuletzt auch in Oberösterreich – und die grün-pink-schwarzen „Leihstimmen“ können schnell wieder weg sein. Das spiegelt sich auch in den Umfragen die Bundespartei betreffend wider, in denen diese nicht eingepreist sind.

 

Der „Proletarier“ als „Prolet“

Eine Massenpartei wie zu Zeiten Bruno Kreiskys wird die SPÖ wohl nicht mehr werden. Der Exodus der Arbeiter und Angestellten in den sogenannten Arbeiterbezirken hin zur FPÖ ist ungebrochen. Aus dem einst „stolzen Proletarier“ ist in den Augen so mancher SPÖ-Funktionäre ein „Prolet“ mit schlechten Manieren und Ressentiments geworden, mit dem man besser nichts zu tun haben will. Und dass bürgerliche, (links-)liberale Wähler wieder ein Stück des Weges mitgehen, dürfte diesmal wohl die Ausnahme gewesen sein.

Die treuesten Wähler der SPÖ sind heute übrigens die Pensionisten. 48 Prozent der Generation 50 plus haben am Sonntag in Wien die Sozialdemokraten gewählt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2015)

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