Die untypischen Wähler der FPÖ

Sie sind gebildet, erfolgreich und wohnen in bester Lage. 13 Prozent der Akademiker haben bei der Wien-Wahl die FPÖ gewählt. Weil sie, wie sie sagen, Veränderung wünschen.

Rechtsanwalt Michael Witt in seiner Kanzlei im vierten Bezirk. Er hat bei den Gemeinderatswahlen in Wien die FPÖ gewählt.
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Rechtsanwalt Michael Witt in seiner Kanzlei im vierten Bezirk. Er hat bei den Gemeinderatswahlen in Wien die FPÖ gewählt.
Rechtsanwalt Michael Witt in seiner Kanzlei im vierten Bezirk. Er hat bei den Gemeinderatswahlen in Wien die FPÖ gewählt. – (c) Stanislav Jenis

Nach geschlagenen Wahlen beginnt für gewöhnlich noch am Wahlabend die Zeit der Analysen. Wer hat wen aus welchem Grund gewählt? Wer konnte die meisten Proteststimmen gewinnen, wer ehemalige Nichtwähler mobilisieren? Und gibt es den für eine Partei typischen Wähler? Dass insbesondere die letzte Frage immer schwieriger zu beantworten ist, verdeutlichten einmal mehr die Wiener Gemeinderatswahlen.

Die FPÖ beispielsweise punktete vor allem bei Arbeitern. 53 Prozent jener, die zur Wahl gegangen sind, wählten die FPÖ. Für die SPÖ, der traditionellen Arbeiterpartei, stimmten hingegen nur 31 Prozent. Ist nun die FPÖ die neue Arbeiterpartei? Nicht unbedingt. Auch bei Personen mit einem Lehrabschluss liegt die FPÖ (mit 44 Prozent) vor der SPÖ (38 Prozent). Bei Maturanten reiht sich die FPÖ (23 Prozent) zwar hinter der SPÖ (40 Prozent) ein, aber vor den Grünen (17 Prozent), der ÖVP (zwölf Prozent) und den Neos (sechs Prozent). Bleibt die Frage nach den Akademikern. 13 Prozent von ihnen haben die FPÖ gewählt – exakt so viele wie die ÖVP und die Neos. Die meisten haben für die SPÖ (37 Prozent) gestimmt, gefolgt von den Grünen (22 Prozent). Bei den Gemeinderatswahlen 2010 lag die FPÖ bei Akademikern noch an letzter Stelle – mit neun Prozent. Während also alle anderen Parteien bei Akademikern verloren haben, legten die Freiheitlichen um vier Prozent zu – und haben unter ihren Wählern mehr Akademiker als je zuvor.

Akademiker wie Michael Witt. „Ich habe die FPÖ gewählt, weil ich in dieser Stadt eine Veränderung in Richtung mehr direkter Demokratie und Bürgerbeteiligung wünsche“, sagt der 57-jährige Rechtsanwalt aus dem vierten Bezirk. „Wie in der Schweiz, wo es auch zwischen den Wahlen regelmäßig verbindliche Bürgerbefragungen gibt.“ Auch die Haltung der FPÖ in Fragen der Sicherheit, sozialen Gerechtigkeit und Familienpolitik spreche ihn an. Familien gehörten gefördert und steuerlich entlastet. „Das bedeutet nicht, dass ich gegen die Ehe von Homosexuellen bin, ich wünsche mir aber, dass Kinder weiterhin in einer Familie mit Vater und Mutter aufwachsen“, betont Witt, der seine politische Gesinnung als „bürgerlich und konservativ“ bezeichnet. Ein weiterer Grund, die FPÖ zu wählen, sei ihre Position bei der Flüchtlingsfrage. „Mich hat sehr gestört, dass ad hoc und ohne Rechtsgrundlage bestehende Abkommen wie die Dublin-Verordnung außer Kraft gesetzt wurden“, sagt Witt. „Selbstverständlich gehören Kriegsflüchtlinge beschützt, aber eine unkontrollierte Einwanderung lehne ich ab.“

Dass der FPÖ wegen ihres Standpunktes bei diesem Thema Hetze vorgeworfen wurde, kann er nicht nachvollziehen. Gerade in diesem Wahlkampf habe Heinz-Christian Strache („ein engagierter, glaubwürdiger Mann“) auf Botschaften verzichtet, die man als hetzerisch bezeichnen könnte. Auch früher plakatierte Slogans wie „Daham statt Islam“ erachte er weder als hetzerisch noch diskriminierend sondern „als plakative Kurzbotschaft zum Bekenntnis der FPÖ zur Bewahrung unserer abendländischen Kultur in Europa und der Warnung vor einer Islamisierung von Stadt und Land“.


"Alle Kräfte einbinden." Von nicht amtsführenden Stadträten oder Vizebürgermeistern hält Witt ebenso wenig wie von dem aktuellen Wahlrecht. „Die FPÖ war damals treibende Kraft bei der Reform des Wahlrechts, leider wurde sie von der SPÖ verhindert“, sagt er. „So wie viele Initiativen der FPÖ. Vielleicht sollte man generell darüber nachdenken, wie man alle politischen Kräfte im Rathaus in Entscheidungen einbindet. Das macht mehr Sinn als der ständige Kampf der einen gegen die andere Hälfte.“ So wie er würden viele denken, sich aber nicht trauen, das öffentlich zu bekennen – aus Angst vor Anfeindungen.

Doris Schenkenfelder hat diese Angst nicht. „Ich wähle seit 30 Jahren die FPÖ“, sagt die PR-Managerin, die Publizistik- und Kommunikations- sowie Politikwissenschaften studiert hat. „Für mich als selbstständiger, studierter und engagierter Mensch kommt eine andere Partei gar nicht in Frage. Die Positionen der FPÖ entsprechen voll und ganz meiner Lebenseinstellung.“ Die gebürtige Oberösterreicherin, die den Hauptsitz ihrer Agentur in Salzburg hat, aber in Wien (Margareten) lebt, kommt, wie sie sagt, „aus einem bürgerlichen, konservativen Elternhaus“, wo man immer die ÖVP gewählt habe. „Aber das ist nun vorbei. In meiner Familie wählen seit einigen Jahren alle die FPÖ. Das gilt auch für meinen Freundeskreis, der aus Richtern, Anwälten, Notaren und Unternehmern besteht.“ Die FPÖ konnte bei der Wien-Wahl 17.000 ehemalige ÖVP-Wähler lukrieren. 29.000 Stimmen erhielt sie von ehemaligen Nichtwählern, 33.000 Stimmen von SPÖ-Wählern.

„Würde es den Leuten in Wien nicht viel zu gut gehen, hätte die FPÖ noch besser abgeschnitten“, meint die 52-Jährige. „Ich hatte mir so sehr ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen der SPÖ und der FPÖ gewünscht. Es ist nämlich an der Zeit, dass in der Stadtregierung jemand anderer zum Zug kommt.“ Aber das sei ohnehin nur eine Frage der Zeit. „Es kann ja nicht sein, dass wir uns in unserer eigenen Kultur dem Islam beugen müssen, aber in zehn oder 20 Jahren könnte es soweit sein“, so Schenkenfelder. „Ich bin weder radikal noch rassistisch, ich habe im Fünften mit vielen türkischen Geschäftsleuten zu tun. Tolle, fleißige Menschen.“ Aber dass in manchen Schulen bis zu drei Viertel der Schüler Migrationshintergrund hätten und nicht Deutsch sprechen würden, sei nicht akzeptabel. Sie selbst habe keine Kinder, bekomme aber in ihrem Bekanntenkreis täglich mit, wie Familien ihre Kinder in teure Privatschulen schicken müssten, aber nicht wüssten, wie sie das Geld dafür aufbringen sollen.

„Die Situation in Wien ist viel extremer als beispielsweise in Berlin“, sagt Schenkenfelder. „Damit bin ich nicht einverstanden. Auch mit vielen anderen Dingen nicht, wie etwa der Registrierkassenpflicht oder dem Rauchverbot in Lokalen. Wir Österreicher sollten in Österreich schon noch ein bisschen was zu bestimmen und zu lenken haben – und nicht entmündigt werden.“

FAKTEN

Arbeiter.
Die FPÖ hat bei der Wien-Wahl vor allem bei Arbeitern gepunktet. Das geht aus einer Wahltagsbefragung von ISA/SORA hervor. Insgesamt haben sich 53 Prozent der Arbeiter, die zur Wahl gegangen sind, für die FPÖ entschieden. Bei der SPÖ waren es 31 Prozent.

Wählerstromanalyse.
Die FPÖ konnte bei der Wien-Wahl 17.000 (sieben Prozent der Gesamtstimmen für die FPÖ) ehemalige ÖVP-Wähler lukrieren. 29.000 Stimmen erhielten die Freiheitlichen von ehemaligen Nichtwählern, 33.000 Stimmen von SPÖ-Wählern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.10.2015)

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