Terror in München: Als die Spiele zum Albtraum wurden

Es sind heitere Olympische Spiele in München 1972. Zehn Tage lang. Bis zum Morgengrauen des 5. September, als palästinensische Terroristen ein israelisches Team-Quartier im Olympia-Dorf stürmen. 20 Stunden und eine missglückte Befreiungsaktion später sind elf israelische Sportler, fünf Terroristen und ein Polizist tot. Mitschuld: Ein beispielloses Versagen der deutschen Sicherheitsbehörden.

Bild: Gedenken an die Opfer bei den Olympischen Spielen in London.(c) AP (Sang Tan)

München hat sich zu Beginn der Spiele herausgeputzt: Liberal und weltoffen will man sein. Das neue Deutschland zeigen – auch in Abgrenzung zu den Spielen im Hitler-Deutschland 1936. Zu strenge Sicherheitsvorkehrungen passen da nicht ins Bild. Ein Dilettantismus, der in einer Katastrophe enden sollte und am Tor 25A des Olympischen Dorfs seinen Anfang nimmt.

Bild: Nach dem Attentat wird die Flagge im eigens für das Großereignis errichteten Olympiastadion auf Halbmast gesetzt. (c) EPA

5. September, 4.30 Uhr

Acht Mitglieder der palästinensischen Terrororganisation "Schwarzer September" klettern über das unbewachte Tor. Im Rückblick ist es die Stunde null des internationalen Terrorismus. Post-Monteure sehen die Männer zufällig, halten sie aber für heimkehrende Sportler. Befragt werden sie nicht, nur eine von zahlreichen Pannen der Sicherheitsbehörden.

Bild: Das Olympische Dorf, Jahrzehnte später.(c) APA/Dpa

Das Ziel der Terroristen: die Connolystraße 31, Unterkunft israelischer Sportler. Mit ihren zunächst in Sporttaschen versteckten AK-47-Sturmgewehren dringen die Terroristen in das nicht verschlossene Gebäude ein. Joseph Gutfreund drückt sich vergeblich gegen die Tür, der israelische Gewichtheber-Trainer Tuvia Sokolsky kann flüchten. Maschinengewehr-Salven verfehlen ihn.(c) APA/Dpa

Gewichtheber Josef Romano wird getroffen und erliegt Stunden später seinen Verletzungen. Die restlichen Sportler werden in das Zimmer des israelischen Fecht-Trainers Andre Spitzer gedrängt, der selbst unter den Geiseln ist. Vor ihren Augen wird der israelische Ringer-Trainer Mosche Weinberg mit vier Schüssen getötet. Er hatte Widerstand geleistet.

Die Witwe von Ilana Romano (links) bei den Spielen in London. (c) AP

Neun Israelis haben die Männer des „Schwarzen September“ jetzt noch in ihrer Gewalt - zwei Gewichtheber, zwei Ringer, zwei Kampfrichter und drei Trainer.

Die Terroristen verlangen die Freilassung von 234 in Israel gefangenen Palästinensern sowie der RAF-Gründer Ulrike Meinhof und Andreas Baader. Ein Ultimatum wird mehrmals verlängert. Doch Israel lehnt ab. Die damalige Premierministerin: "Sollten wir nachgeben, dann ist kein Israeli auf der ganzen Welt mehr seines Lebens sicher."(c) AP (Kurt Strumpf)

Auch der deutsche Innenminister Hans-Dietrich Genscher verhandelt mit den Terroristen (Bild), und riskiert dabei sein Leben: Genscher bietet sich - letztlich vergeblich - als Ersatzgeisel an. Der Innenminister darf aber gegen 16. 30 Uhr das Quartier der Geiseln betreten. Dann die nächste Panne: Eine geplante Befreiungsaktion scheitert im Ansatz. Die Terroristen erfahren aus dem Fernsehen davon. Die Behörden haben vergessen, den Strom abzuschalten.

Der Anführer der Terroristen, der sich "Issa" nennt, verlangt jetzt, dass seine Gruppe sowie die Geiseln nach Kairo ausgeflogen werden. Zum Schein lässt man sich darauf ein. Die Araber werden mit den gefesselten Geiseln in zwei Hubschraubern zum Fliegerhorst Fürstenfeldbruck transportiert. Dort sollen sie überwältigt werden.

Bild: Die Witwe eines Opfers in der Unterkunft der Israelis, wo die Geiselnahme ihren Anfang nahm.(c) AP

In Fürstenfeldbruck warten eine Boeing 727 und versteckte Schützen auf die Terroristen. Im Flieger sollen zudem Polizisten in Lufthansa-Uniform die Terroristen überwältigen. Doch die Beamten lehnen den Einsatz kurzfristig ab.

Die Polizei geht zudem nur von fünf Terroristen aus, weshalb auch nur fünf Schützen auf dem Flughafen platziert sind. Als sich zwei der "Schwarzer September"-Mitglieder nach einer Inspektion des Fliegers zurück zu den Hubschraubern bewegen, eröffnen die Schützen in einer katastrophal akkordierten Befreiungsaktion das Feuer. Eine stundenlange Schießerei beginnt.

Bild: Ein später zerstörter Hubschrauber (c) EPA/GOTTERT

Das Fernsehen vermeldet schließlich einen vermeintlichen Triumph: Die meisten Terroristen seien tot, und alle Geiseln entkommen. Eine Falschinformation. Denn auf dem Flugplatz zeichnet sich kurze Zeit später ein anderes Bild: Als nach stundenlanger Schießerei Panzerfahrzeuge auf den Flugplatz zusteuern, zerstören die noch lebenden Terroristen um Mitternacht mittels Handgranate einen der Hubschrauber und feuern auf die Geiseln im zweiten Helikopter. Ein Querschläger trifft zudem einen bayrischen Polizisten tödlich. Von den acht Terroristen überleben drei, sie werden verhaftet. Alle Geiseln sind tot.

Die Spiele werden nur für einen halben Tag unterbrochen. "The games must go on", verkündet IOC-Präsident Avery Brundage dann während einer Trauerfeier am Tag nach dem Blutbad. Der Präsident des deutschen Olympischen Organisationskomitees erklärt die Linie später: "Es ist schon so viel gemordet worden. Wir wollten den Terroristen nicht erlauben, auch noch die Spiele zu ermorden."(c) EPA (Iopp Pool)

Doch für ihn sind die Spiele gelaufen: Der US-Amerikaner Mark Spitz tritt die Heimreise an, sieben Goldmedaillen hat er bis dahin in München geholt. Spitz ist Jude. Auch die israelischen Sportler verlassen das Olympische Dorf.(c) EPA (STR)

Israel übt in den nächsten Jahren Vergeltung: Die Mossad-Spezialeinheit "Caesarea" jagt Mitglieder des "Schwarzen September" und tötet angeblich auch zwei der drei Terroristen, die das Attentat überlebt hatten. Die Männer waren zuvor durch eine Flugzeugentführung freigepresst worden. Die Mossad-Operation läuft in den Medien unter dem Namen "Zorn Gottes". Bekanntestes Mitglied von "Caesarea": Der spätere Premierminister Ehud Barak (Bild).

Über die Jahrzehnte werden immer mehr Verstrickungen bekannt: Im Juni dieses Jahres berichtet der Spiegel, dass die Gruppe „Schwarzer September“ damals Unterstützung aus der Neonazi-Szene erhalten hat. Abu Daud (Bild), Drahtzieher des Olympia-Attentats, soll sich zuvor mehrmals konspirativ mit dem Neonazi Willi Pohl (Bild) getroffen haben.(c) REUTERS (© Reuters Photographer / Reuters)

Pünktlich zum Beginn der Olympischen Spiele in London enthüllt "Der Spiegel" dann, dass die Behörden ihr Versagen 1972 vertuschen wollten. Das Auswärtigen Amt habe die Devise „keine Selbstkritik“ ausgegeben. Es soll sogar versucht worden sein, Akten zu vernichten.

Zudem soll es schon drei Wochen vor dem Attentat ernste Warnungen an die deutschen Behörden gegeben haben: Die deutsche Botschaft in Beirut zitierte in einer Meldung vom 14. August 1972 einen Vertrauensmann, wonach von „palästinensischer Seite während der Spiele ein Zwischenfall inszeniert wird.“

Die Schützen auf dem Flugfeld waren zudem völlig überfordert, wie einer von ihnen in einer ZDF-Doku gesteht. "Man kann nicht wehrlose Menschen, ob gut oder böse, einfach abschießen. Das muss man trainiert haben - und das hatten wir nicht."(c) EPA (BERND THISSEN)

40 Jahre nach München klafft die Wunden bei den Angehörigen wieder auf: Das Internationale Olympische Komitee weigert sich, bei den Olympischen Spielen in London mit einer Schweigeminute während der Eröffnungsfeier der Opfer zu gedenken. Stattdessen wird eine Gedenkfeier abgehalten. "Schande über Dich, IOC", schreit die Witwe des Fechters Andre Spitzer, der am Flugplatz sein Leben lassen musste. "Sie haben die elf Mitglieder der Olympischen Spiele im Stich gelassen."

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