Kubakrise: Als die Welt 13 Tage am Abgrund stand

Zwei Wochen lang stand die Welt im Oktober 1962 am Rand einer atomaren Katastrophe. Die Kubakrise war der mit Abstand gefährlichste Konflikt zwischen den USA und der Sowjetunion während des Kalten Krieges.

(Bild: Raketen im "Museum der Oktoberkrise" in Havanna)

(Von Maria Kronbichler)(c) AP (CRISTOBAL HERRERA)

Am Beginn steht ein Aufklärungsflug von US-Spähflugzeugen über der Karibikinsel Kuba. Sie fotografieren Abschussrampen für sowjetische Mittelstreckenraketen.

Sowjet-Führer Nikita Chruschtschow hat in der geheimen Operation „Anadyr“ Mittelstreckenraketen mit Atomsprengköpfen vor die Haustür des Erzfeindes USA verschiffen lassen. Über seine genauen Motive spekulieren Historiker bis heute. Der Schutz des Verbündeten Fidel Castro zählte wohl ebenso dazu, wie die Herstellung eines Gleichgewichts der Bedrohung angesichts von Nato-Stützpunkten in der Umgebung der Sowjetunion samt der Möglichkeit, im Berlin-Konflikt Druck auszuüben.

(Bild: Castro und Chruschtschow)(c) AP (MARTY LEDERHANDLER)

Am 16. Oktober legt Sicherheitsberater McGeorge Bundy US-Präsident John F. Kennedy die Fotos von den Aufklärungsflügen vor. Kennedy beruft ein Beraterteam ein (Executive Commitee, kurz ExComm), das in den folgenden 13 Tagen in teils wechselnder Besetzung beinahe durchgehend tagt. Die Welt steht in diesen 13 Tagen stets am Rande eines Atomkrieges.(c) AP (UNKNOWN)

ExComm ist in zwei Lager geteilt: Die „Falken“, allen voran die Militärs, drängen auf einen Angriff gegen die Raketenstellungen. Die „Tauben“ warnen vor einem Atomkrieg und setzen auf eine diplomatische Lösung. Kennedy folgt zunächst einem Vorschlag von "Taube" Robert McNamara, seinem Verteidigungsminister: Er ordnet am 21. Oktober eine Seeblockade an.

(Bild: Kennedy (rechts) mit McNamara (links) und General Maxwell Taylor) und(c) AP

Am Tag darauf wendet sich Kennedy an die Weltöffentlichkeit. In einer TV-Ansprache informiert er über die entdeckten Raketen und den Beschluss der Seeblockade. Und er warnt Chruschtschow: „Es wird die Politik dieser Nation sein, jede von Kuba aus gegen irgendeine Nation in der westlichen Hemisphäre gestartete Nuklearrakete als einen Angriff der Sowjetunion auf die Vereinigten Staaten zu betrachten, welcher einen Vergeltungsschlag in voller Stärke auf die Sowjetunion erfordert.

--> Video von Kennedys Ansprache (c) AP

Zwei Tage später ordnet der US-Präsident für die Streitkräfte „DEFCON 2“ an - das erste und bisher einzige Mal in der Geschichte. Die letzte darüber verbleibende Alarmstufe bedeutet Krieg und sieht einen Nuklearschlag vor.

(Bild: Lockheed SP-2H Neptune der US-Navy über russischem Frachter)

Die russischen Schiffe auf dem Weg nach Kuba beachten in den nächsten Tagen die Seeblockade und drehen ab. Die Arbeiten an den Raketenstellungen auf Kuba gehen aber ohne Unterlass weiter. Was die Amerikaner nicht wissen: Acht atomar bestückte Mittelstreckenraketen sind zu diesem Zeitpunkt bereits einsatzbereit. Sie haben jeweils eine Sprengkraft von 66 Hiroshima-Bomben.(c) APA

Am 25. Oktober betritt der Konflikt die Bühne des Weltsicherheitsrats. Der UN-Botschafter der USA, Adlai Stevenson, greift den russischen Botschafter Walerin Sorin an. „Bestreiten Sie, Botschafter Zorin, dass die UdSSR Mittelstreckenraketen auf Kuba aufgestellt hat? Ja oder nein - warten Sie nicht auf die Übersetzung - ja oder nein?“. Sorin antwortet nicht. Er sei bereit, auf die Antwort zu warten, „bis die Hölle gefriert“, sagt Stevenson - und präsentiert die Aufklärungsfotos von den Raketenstellungen.

--> Video von Stevensons Auftritt (c) AP

Chruschtschow signalisiert am 26. Oktober brieflich Entgegenkommen. "Lassen Sie uns staatsmännische Weisheit zeigen", beschwört er. Kennedy müsse ihm aber den Verzicht auf eine Invasion in Kuba garantieren. Dann gebe es auch keine Notwendigkeit mehr "für die Anwesenheit unserer Militärspezialisten auf Kuba". Am nächsten Tag legt Chruschtschow nach: Er fordert nun auch noch den Abzug der in der Türkei stationierten Raketen. Das kann Kennedy aber offiziell nicht eigenmächtig ohne seine Nato-Partner beschließen.

(Bild: Karte mit Notizen Kennedys)(c) REUTERS (© Brian Snyder / Reuters)

Der 27. Oktober geht als „schwarzer Samstag“ in die Geschichte ein. „Ich dachte, ich würde vielleicht keinen weiteren Samstag erleben“, wird Verteidigungsminister McNamara später erzählen. Die Ereignisse überschlagen sich an diesem Tag. Ein U-2-Jet der USA wird über Kuba abgeschossen, der Pilot stirbt. Die russischen Offiziere haben die Entscheidung eigenmächtig getroffen, ohne Befehle aus Moskau abzuwarten.

(Bild: Überreste der U-2 in Museum in Havanna)(c) REUTERS (© Reuters Photographer / Reuters)

Eine weitere U-2 verirrt sich in den sowjetischen Luftraum. Atomar bewaffnete Abfangjäger steigen auf, der Jet kann nur knapp entkommen.(c) Unknown

Auch auf See droht die Eskalation: Ein US-Zerstörer zwingt ein russisches Atom-U-Boot zum Auftauchen. Der Kommandant hat keinen Funkkontakt zu Moskau, er befiehlt, den Torpedo zum Abschuss vorzubereiten. Einer der Offiziere an Bord weigert sich.

Am Abend verhandelt Kennedys Bruder Robert mit dem russischen Botschafter Anataloy Dobrynin. Er erklärt die Bereitschaft der Regierung, auf eine Kuba-Invasion zu verzichten und die Raketen in der Türkei abzuziehen - letzteres dürfe aber nicht öffentlich werden.

(Im Bild: John F. Kennedy mit(c) AP

Am Tag darauf lenkt Chruschtschow öffentlich ein. "Die sowjetische Regierung hat den Abbau der Waffen auf Kuba angeordnet", sagt er im Radio Moskau. Chruschtschow gilt in seiner Heimat fortan als Feigling. Zwei Jahre später wird er von Leonid Breschnew gestürzt. Kennedy lässt sich dagegen als Held feiern.

Eine der Lehren, die die Supermächte aus der Krise ziehen, ist, dass die Kommunikation schneller und effizienter werden muss. 1963 beschließen sie die Einrichtung einer direkten Verbindung zwischen dem Weißen Haus und dem Kreml, des sogenannte Roten Telefons. Die Krise heizt das Wettrüsten aber auch weiter an. Die USA sind der Sowjetunion militärisch überlegen, und Breschnew will verhindern, dass dies sein Land noch einmal in eine schwächere Verhandlungsposition bringt. Seine Bestrebungen, das Rüstungsdefizit auszugleichen, treiben die Sowjetunion letztlich in den wirtschaftlichen Ruin.(c) REUTERS (� Reuters Photographer / Reuters)
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