RAF-Terror: Als ein blutiger Herbst Deutschland lähmte

Es ist die blutigste Zeit in Deutschlands Nachkriegsgeschichte und zugleich die größte Bewährungsprobe für die Bundesrepublik: Die Terrorwelle der Roten Armee Fraktion (RAF) gipfelt vor 35 Jahren im sogenannten Deutschen Herbst, dessen Ende und tragischen Höhepunkt der 18. Oktober markiert. Ein Dienstag, den Deutschland nie vergessen hat.

Von Jürgen Streihammer(c) APA/dpa

Rückblick: Es ist der 14. Mai 1970, also siebeneinhalb Jahre vor dem Deutschen Herbst. Der wegen eines politisch motivierten Kaufhaus-Brandanschlags im Zuchthaus einsitzende Andreas Baader wird gegen 11 Uhr von der Journalistin Ulrike Meinhof und Komplizen befreit. Meinhof hatte vorgegeben, mit dem Häftling ein Buch verfassen zu wollen und ihn unter Polizeiaufsicht in den Lesesaal eines Berliner Instituts führen lassen. Bei der Befreiungsaktion wird ein Angestellter schwer verletzt. Es ist die Geburtsstunde der RAF.

Bild: RAF-Terroristin Ulrike Meinhof

Die RAF – angelehnt an die sowjetische Rote Armee - erklärt sich erstmals programmatisch als "Stadtguerilla": Die radikalen Linken rufen dabei den bewaffneten "Klassenkampf“ aus. Der "Mythos von der Allgegenwart des Systems und seiner Unverletzlichkeit" soll zerstört werden. Vor dem Hintergrund des Vietnam-Kriegs, der Niederschlagung von Protesten in Westberlin 1968 mit einem toten Studenten und der deutschen Wiederaufrüstung beginnen sie ihren "antiimperialistischen Kampf".

Nach der Aufbauphase – inklusive Trainingslager in Jordanien - folgen Banküberfälle und schließlich auch Mordanschläge und Sprengstoffattentate, wie etwa auf das Hauptquartier der US-Streitkräfte im Frankfurt (Bild). Im Juni 1972 klicken für führende Mitglieder der sogenannten ersten RAF-Generation die Handschellen, darunter Baader und Meinhof, der gebürtige Tiroler Jan-Carl Raspe und Gudrun Ensslin.

Fünf Jahre später startet die RAF die Aktion "Big Raushole", der Deutsche Herbst beginnt. Baader, Raspe, Ensslin und acht weitere RAF-Mitglieder sollen freigepresst werden, Meinhof ist inzwischen tot – Suizid im Gefängnis. Erster Schauplatz von "Big Raushole“: die Vincenz-Statz-Straße in Köln. Die RAF überfällt die Wagenkolonne von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer. Ein Fahrer und drei Leibwächter werden von Kugeln durchsiebt, Schleyer entführt. Für ihn beginnt ein 43-tägiges Martyrium.(c) AP (HEINZ DUCKLAU)

Die Regierung von Helmut Schmidt (Bild) weigert sich, auf die Forderungen der RAF-Terroristen einzugehen. Schleyers Sohn zieht später vor den Verfassungsgerichtshof in Karlsruhe. Dieser soll die Bundesregierung anordnen, das Leben seines Vaters zu schützen. Doch Karlsruhe lehnt ab. Der Staat dürfe in seinen Reaktionen auf Geiselnahmen nicht berechenbar werden.(c) AP

Am 13. Oktober startet die RAF einen zweiten Erpressungsversuch: Vier palästinensische Verbündete - zwei Männer, zwei Frauen - entführen das Flugzeug "Landshut" mit 91 Menschen an Bord auf dem Weg von Palma de Mallorca nach Frankfurt. Sie wollen die Freilassung der RAF-Geiseln, zweier gefangener Palästinenser in der Türkei und 15 Millionen US-Dollar. Für die Passagiere beginnt ein Albtraum. Die Terroristen werden in den nächsten fünf Tagen an Bord nach Juden suchen und Geiseln mit Alkohol übergießen, damit sie im Ernstfall besser brennen.

Bild: Die "Landshut" in Dubai.(c) AP (HARRY KOUNDAKJIAN)

Schleyer ist zu diesem Zeitpunkt noch immer in Geiselhaft, obwohl schon zwei Tage nach seiner Entführung ein Polizist einen Hinweis auf das RAF-Versteck in einem Hochhaus in Köln gegeben hat. Der Hinweis des Beamten versickert aber im Polizeiapparat – aus ungeklärten Umständen.(c) APA/dpa

Zurück auf der "Landshut": Sie ist auf einem Irrflug, der mit einem Zwischenstopp in Rom beginnt und über Zypern auf die arabische Halbinsel führt. Nach der Landung in Dubai beweist Pilot Jürgen Schumann Mut: In versteckten Funkbotschaften gibt er den Behörden die Zahl und das Geschlecht der Terroristen an Bord durch. Schumann bestellt vier Stangen Zigaretten - "zwei von der einen, zwei von der anderen Sorte". Doch in Dubai darf die "Landshut" nicht bleiben.

Bild: "Die Landshut" in Mogadischu(c) AP (Anonymous)

In Aden, Jemen, dem ursprünglichen Ziel der Terroristen, muss der Lufthansa-Flieger auf einer Sandpiste notlanden, die Regierung ließ die Landebahnen blockieren. Pilot Schumann wird jetzt zum Helden: Er inspiziert mit Erlaubnis seiner Entführer das Fahrwerk und macht dabei einen Abstecher zu Luftwaffen-General Ahmed Mansur. Schumann drängt Mansur vergeblich, auf die Forderungen der Terroristen einzugehen - und verabschiedet sich dann von dem General mit den Worten: "Ich bin sicher, sie werden mich umbringen." Zurück im Flieger jagen ihm die Entführer eine Kugel in den Kopf.

Bild: Pilot Schumann im Flieger.

Die Maschine fliegt weiter ins somalische Mogadischu. Hier wird der fünftägige Albtraum der Geiseln enden. Die deutsche Bundesregierung gibt vor, die Forderungen der Terroristen erfüllen zu wollen und erwirkt eine Verlängerung des Ultimatums - Zeit, die Berlin braucht. Im Hintergrund wird der somalischen Regierung die Erlaubnis für einen Einsatz der deutschen Spezialeinheit GSG9 abgerungen. Sie war der "Landshut" nachgeflogen.

Am 18. Oktober um 0:05 Uhr erfolgt der Zugriff: Die GSG9, gegründet nach der missglückten Befreiungsaktion der Olympia-Geiseln 1972, stürmt das Flugzeug. Alle Geiseln werden befreit, drei Terroristen getötet.

Bild: Die Geiseln nach der Landung in Frankfurt/Main.(c) APA/Dpa

Nur die Terroristin Souhaila Andrawes überlebt schwer verletzt, Kugeln treffen sie in die Lunge und in die Beine. Auf der Trage hebt sie die Hand, formt das Victory-Zeichen und schreit: "Tötet mich, wir werden siegen."(c) ASSOCIATED PRESS (TALMASI)

Schauplatzwechsel: In Stuttgart-Stammheim erfahren die RAF-Terroristen im Hochsicherheitstrakt der Justizvollzugsanstalt aus dem Radio von der Geiselbefreiung – und erkennen ihre aussichtslose Lage. Baader und Raspe erschießen sich mit Pistolen, Ensslin erhängt sich. Die Waffen hatte Rechtsanwalt Arndt Müller ins Gefängnis geschmuggelt.

Baaders Zelle.(c) AP (DANIEL MAURER)

Spätestens jetzt ist auch das Schicksal von Schleyer besiegelt. Für die RAF-Terroristen ist er als Geisel wertlos, die Mission "Big Raushole" ist gescheitert. Sie jagen Schleyer drei Kugeln in den Hinterkopf. Tags darauf das Bekennerschreiben: „Wir haben nach 43 Tagen Hanns Martin Schleyers klägliche und korrupte Existenz beendet." Schleyers Leiche wird im französischen Mühlhausen entdeckt – im Kofferraum eines grünen Audi 100.

Damit endet der Deutsche Herbst, doch nicht die Geschichte der RAF: Bis zur Auflösung der Roten Armee Fraktion dauert es noch 21 Jahre. Die blutige Gesamtbilanz: 33 Morde, zahllose Überfälle und Sprengstoffanschläge.

Bild: Die Leiche des Vorstandsvorsitzenden der Treuhandanstalt, Detlev Karsten Rohwedder, wird abtransportiert. RAF-Scharfschützen töteten ihn am 21. April 1991 in seinem Haus in Düsseldorf.(c) AP (ROLAND WEIHRAUCH)

Und noch heute reißen immer wieder die Wunden der Opfer und Angehörigen auf. Weil viele Morde noch ungeklärt sind, weil Ex-RAF-Mitglieder noch immer schweigen oder in Talkshows auftreten, weil sie vor Gericht stehen, begnadigt, freigelassen oder verurteilt werden - etwa im Juli 2012, als Verena Becker wegen Beihilfe zum Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback eine Haftstrafe von vier Jahren ausfasst. Gudrun Ensslins Bruder fordert zum 35. Jahrestag der "Todesnacht von Stammheim" eine neue Untersuchung ihres Todes

Bild: Der Tatort des Buback-Mordes in Karlsruhe.(c) AP (Kurt Strumpf)

Welche RAF-Mitglieder den Arbeitgeberpräsidenten Schleyer hingerichtet haben, ist übrigens bis heute ungeklärt. Die vier Schützen, die 43 Tage zuvor 119 Schüsse auf Fahrer und Leibwächter abgaben, sind dagegen bekannt; sieben weitere RAF-Mitglieder wurden (auch) wegen der Schleyer-Entführung verurteilt. Mit einer Ausnahme sind sie heute noch am Leben - und mittlerweile auch wieder auf freiem Fuß.
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