Vor 50 Jahren: Die Spiegel-Affäre als ''Kälteschock'' für Deutschland

Die Produktion der neuen Ausgabe des "Spiegel“ läuft am Abend des 26. Oktober 1962 auf Hochtouren, in den Redaktionsräumen des Hamburger Pressehauses herrscht die übliche Hektik kurz vor Redaktionsschluss. Doch was kurz nach 21 Uhr geschieht, ist alles andere als alltäglich: Beamte des Bundeskriminalamts, bald verstärkt durch Hamburger Polizisten, stürmen die Redaktionsräume. Es ist der Beginn einer politischen Affäre, die als ein entscheidender Wendepunkt in die Geschichte Deutschlands eingehen wird.

(Von Maria Kronbichler)(c) APA/Dpa (Heidtmann)

Auslöser der Affäre ist ein Artikel mit dem Titel „Bedingt abwehrbereit“ in der "Spiegel"-Ausgabe vom 8. Oktober. Darin berichtet Redakteur Conrad Ahlers von einem Planspiel der Nato, das gezeigt hat, dass die Bundesrepublik für einen Atomkrieg in Mitteleuropa nicht gerüstet ist.Der Spiegel

Die Bundesanwaltschaft vermutet Landesverrat. Verteidigungsminister Franz Josef Strauß (Bild) treibt die Strafverfolgung voran. In seinem Ressort wird ein Gutachten erstellt, dass der Artikel ganze 41 Staatsgeheimnisse preisgibt. Die Justiz erlässt neben dem Durchsuchungsbefehl für die Redaktionsräume auch sieben Haftbefehle für führende "Spiegel"-Mitarbeiter. Ahlers wird in der Nacht in Spanien verhaftet. Herausgeber Rudolf Augstein stellt sich am nächsten Tag selbst.(c) AP (AP)

Bei der Razzia im Pressehaus werden 5,5 Millionen Blatt Papier, 10.000 Meter Mikrofilme und 6000 Bücher beschlagnahmt. Die Durchsuchung zieht sich über mehrere Tage hin. Die Spiegel-Redakteure arbeiten in Büros weiter, die ihnen andere Medien zur Verfügung stellen. Auch die Öffentlichkeit zeigt sich solidarisch. „Spiegel tot - die Freiheit tot“, skandieren Demonstranten auf den Straßen. Vor dem Gefängnis, in dem Augstein einsitzt, rufen sie: "Augstein raus und Strauß hinein“. Studenten und Professoren protestieren erstmals gemeinsam.APA/dpa

Unterstützung kommt auch von einem Mann, der später Bundeskanzler werden wird: Der Hamburger Innensenator Helmut Schmidt nennt die Razzia eine „zweifelhafte Angelegenheit“. Schmidt gerät auch selbst ins Visier der Ermittler. Er hatte Ahlers Artikel vor dem Erscheinen gelesen und als Militärexperte fachliche Anmerkungen dazu gemacht.(c) EPA (MARCUS BRANDT)

Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) verteidigt das Vorgehen gegen den Spiegel. „Wir haben einen Abgrund von Landesverrat im Lande“, sagt er Anfang November im Bundestag.(c) AP

Strauß erklärt den Abgeordneten, er habe mit der Festnahme Ahlers in dessen Spanienurlaub „im wahrsten Sinne des Wortes nichts zu tun. Eine Lüge, wie er kurz darauf eingestehen muss: Er hat die Aktion persönlich angeordnet - und sich damit auch der Amtsanmaßung und Freiheitsberaubung schuldig gemacht, wie die Bonner Staatsanwaltschaft später feststellen wird. Nach einem Aufstand der FDP-Regierungsmitglieder muss Strauß gehen.

(Bild: Bundestags-Sitzung zur Spiegel-Affäre)Presseamt der Bundesregierung

Ende November werden die Redaktionsräume des "Spiegel" wieder freigegeben. Nach und nach kommen auch die verhafteten Mitarbeiter wieder frei. Am längsten sitzt Augstein im Gefängnis: Er kommt nach 103 Tagen am 7. Februar 1963 frei.

Im Mai 1965 lehnt der Bundesgerichtshof die Eröffnung eines Verfahrens gegen Augstein und Ahlers ab. Der Artikel „Bedingt abwehrbereit“ habe sich „mit kaum einem Gegenstand befasst, der nicht schon vorher in meist zahlreichen Veröffentlichungen“ behandelt worden wäre.(c) AP (LINDLAR)

Eine Klage des Magazins gegen die Durchsuchung und Beschlagnahme lehnt das Bundesverfassungsgericht 1966 ab. Es stellt aber fest, dass alle Staatsgeschäfte "einer ständigen Kritik oder Billigung des Volkes unterstehen" müssen.

Trotz dieses Urteils: Der "Spiegel" geht als eindeutiger Gewinner aus der Affäre, das Magazin ist in der öffentlichen Meinung aufgewertet. Für Augstein ist es auch ein persönlicher Triumph über Strauß, mit dem ihn eine langjährige Fehde verbindet.(c) APA/Dpa/Angelika Warmuth (Angelika Warmuth)

Bei einer Konferenz zum 50. Jahrestag der Affäre erzählt der damalige FPD-Fraktionsführer Hans-Dietrich Genscher, für ihn sei in diesen Tagen die Republik eine andere geworden: Die Nachricht von der Razzia sei ein „Kälteschock“ für das Land gewesen.

Die Affäre habe entscheidend zur Etablierung der kritischen Öffentlichkeit als vierte Staatsgewalt beigetragen, sagt der Bielefelder Historiker Hans-Ulrich Wehler. Die Bundesrepublik sei im Herbst 1962 zu einem demokratisch und liberal wachen Land geworden.

(Im Bild: Franziska Augstein)(c) APA/Dpa/Marcus Brandt (Marcus Brandt)
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