Novemberpogrom: Der Anfang vom Ende

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde ein großer Teil von Wiens jüdischem Leben vernichtet. 27 Menschen wurden getötet, 42 Synagogen zerstört.

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Novemberpogrom – (c) AP

Wien/Eko. Es war der Anfang vom Ende der jüdischen Gemeinde in Wien. Eine „spontane Vergeltungsmaßnahme“ der Bevölkerung, als solche hatte Reichspropagandaminister Joseph Goebbels in der Nacht vom 9. auf den 10.November 1938 mittels einer Hetzrede einen Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung initiiert. Gerächt werden sollte der Tod des deutschen Botschaftssekretärs Ernst vom Rath – der jüdische Jugendliche Herschel Grynszpan hatte am 7.November in Paris auf ihn geschossen. Als er zwei Tage später seinen Verletzungen erlag, kam es im gesamten deutschen Reichsgebiet zu Exzessen gegen die jüdische Bevölkerung.

 

Staatlich angeordneter Terror

Das Attentat war für die NS-Führung ein willkommener Anlass, um den Zorn auf die Juden zu legitimieren und in Gewalt umzusetzen. Gleichzeitig hatte man so auch eine Gelegenheit, die Juden aus dem wirtschaftlichen Leben zu verdrängen. SS, SA und Hitlerjugend führten die Ausschreitungen an, viele Menschen machten begeistert mit – oder schauten zumindest weg, um nicht selbst Opfer des angeordneten Terrors zu werden.

Der Zorn entlud sich an der jüdischen Bevölkerung – allein in Wien starben 27 Menschen, 6500 Juden wurden verhaftet, viele wurden in Konzentrationslager gebracht. Aber auch jüdische Einrichtungen wurden zur Zielscheibe. 42 Synagogen wurden verwüstet und in Brand gesetzt, lediglich der Stadttempel blieb verschont. Tausende Geschäfte und Wohnungen von Juden wurden geplündert, zerstört und beschlagnahmt.

Die Ereignisse dieser Nacht – und auch der folgenden Tage, an denen die Aggression noch weiterging – markierten einen Wendepunkt für die jüdische Bevölkerung. Massenproteste gegen all die Plünderungen, Zerstörungen, Misshandlungen und Morde blieben aus – und die NS-Herrscher konnten ihren Feldzug gegen die Juden, der in den Holocaust mit sechs Millionen toten Juden mündete, mit voller Intensität starten.

Auch Polizei und Feuerwehr schritten nicht ein – lediglich dann, wenn es darum ging, wirtschaftlich relevante Gebäude zu schützen. Mit den Ruinen der jüdischen Gebäude wurden hingegen Geschäft gemacht – die jüdischen Vereinigungen wurden selbst für die Beseitigung der Reste finanziell verantwortlich gemacht. Die Grundstücke wurden zum Teil verkauft, auf ihnen wurden Fabriken und andere Gebäude errichtet.

 

Begriff „Kristallnacht“

Die durch die Zerstörungen entstandenen Scherben gaben der Nacht schließlich einen Namen, der lange geläufig war: Die Begriffe „Kristallnacht“ oder auch „Reichskristallnacht“ etablierten sich. Weil derartige Bezeichnungen die Ausschreitungen und die Aggressionen gegenüber der jüdischen Bevölkerung allerdings zynisch und verharmlosend beschreiben, wird heute der Begriff „Novemberpogrom“ verwendet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2012)

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