''Operation Uranus'': Die Wende in der Hölle von Stalingrad

"Brennende Fabriken, Hochhäuser, Ruinen, immerfort mit heulenden Sirenen, herabstoßende Stukageschwader, Luftduelle, feuernde Panzerabteilungen, ein riesiges Schlachtenbild; Nebelwerfer, Flammenwerfer, das Getöse, die Verwundeten (…) der Hunger, das Elend, der Untergang, so bildhaft konzentriert wie nie." Der deutsche Generalstabsoffizier Udo von Alvensleben notiert diese Zeilen am symbolträchtigsten und wohl auch verheerendsten Kriegsschauplatz des Zweiten Weltkriegs: Stalingrad. Vor 70 Jahren leitete die „Operation Uranus“ die Wende in der Schlacht um die Stadt an der Wolga ein. Ein Rückblick.

Sommer 1942: Nach dem Scheitern von Hitlers Überfall auf die Sowjetunion 1941 startet Nazi-Deutschland im Süden der UdSSR eine zweite Offensive - die "Operation blau“. Sie hat zwei Hauptziele: Stalingrad mit seiner Rüstungsindustrie und (Wolga)-Wasserstraße sowie die Ölfelder im Kaukasus. Die Deutschen kommen zunächst rasch voran, was Hitler zu einer fatalen Entscheidung verleitet.(c) Bundesarchiv, Bild 183-P0613-308 / CC-BY-SA

Beide Hauptziele sollen nun gleichzeitig in Angriff genommen werden. Die Front wird dadurch lang und schwer zu verteidigen. In Stalingrad stoßen die Deutschen schließlich auf erbitterten Wiederstand. Im Spätsommer 1942 beginnt der Kampf um die Stadt, die heute Wolgograd heißt.

Beide Seiten müssen enorm hohe Verluste einstecken. Es kommt zu einem grausamen Patt. Hitler verbietet seinen Truppen aber den Rückzug. Und Stalin erlässt den sogenannten Befehl 227 ("Keinen Schritt zurück"): „Feiglinge vor dem Feind“ kommen in Strafbataillons oder werden ohne Umwege getötet. Tausende vor der Front flüchtende Rotarmisten werden dann auch erhängt oder erschossen.(c) ORF (Ullstein Bild)

Hitler gibt für sein Beharren auf Stalingrad weiter strategische Ziele vor: "Dort schneidet man nämlich 30 Millionen Tonnen Verkehr ab, darunter fast 9 Millionen Tonnen Ölverkehr." ZDF-Historiker Guido Knopp zeigt sich dagegen Jahrzehnte später überzeugt, dass Hitler die Stadt einnehmen wollte, weil sie den Namen Stalins trug. „Hitler wollte dieses Symbol haben, und Stalin musste es um jeden Preis verteidigen.“

Am 8. November 1942 verkündet Hitler im Münchner Hofbräuhaus den vermeintlichen Sieg in Stalingrad – und beraubt sich damit jeglicher Rückzugsoption. Was der „Führer“ nicht weiß: Seit September planen die Generäle Georgi Schukow und Alexander Wassilewski eine Gegenoffensive namens „Operation Uranus“: Hitler wähnt die Rote Armee zu diesem Zeitpunkt schon am Ende ihrer Kräfte.

Bild: Kriegsrat der Stalingrader Front(c) RIA Novosti archive, image #882837 / Knorring / CC-BY-SA 3.0

Am 19. November 1942 um 7.30 Uhr schlagen die Sowjet-Truppen zu: Nördlich und dann auch südlich von Stalingrad durchbrechen sie die Einheiten der rumänischen Armee, die neben den Italienern mit der Absicherung der Flanken der Wehrmacht betraut war. Die 6. Armee der Deutschen sitzt jetzt in einer tödliche Falle. Bis zum 22. November ist sie vollständig eingekesselt - eine Taktik, die zuvor die Deutschen gegen die Sowjets eingesetzt hatten. Einen Ausbruchsversuch aus dem Kessel verbietet Hitler. Die 230.000 eingeschlossen Soldaten sollen über eine Luftbrücke versorgt werden.Bundesarchiv, Bild 183-P0613-308 / CC-BY-SA

Mitte Dezember läuft unter dem Namen „Unternehmen Wintergewitter“ zudem ein Befreiungsversuch durch die 4. Panzerarmee an – und scheitert. Als Generalfeldmarschall Friedrich Paulus l. von der 6. Armee im Jänner eine Kapitulationsaufforderung ablehnt, ziehen die Sowjets den Kessel noch einmal enger. Landebahnen werden zerstört, die ohnehin unzureichende Luftbrücke bricht in sich zusammen. Viele Soldaten werden in den Wahnsinn oder Selbstmord getrieben.(c) ORF (Ullstein Bild)

„Die 6. Armee hat mein Wort, dass alles geschieht, um sie herauszuholen. Ihr könnt euch felsenfest auf mich verlassen. Adolf Hitler.“ Drei Tage nach diesem Funkspruch, am 2. Februar 1943, kapitulieren auch die letzten Verbände. Paulus und 110.000 seiner Kameraden gehen in Kriegsgefangenschaft.

Die Reichspropaganda in der Heimat dichtet ihnen aber einen Heldentod an und berichtet, alle Soldaten wären umgekommen. Wie viele Menschen tatsächlich in der monatelangen, grausamen Schlacht um Stalingrad den Tod gefunden haben, lässt sich heute nicht genau beziffern. Schätzungen gehen jedoch von insgesamt bis zu zwei Millionen Opfern aus.(c) Bundesarchiv, Bild 183-E0406-0022-010 / CC-BY-SA

War Stalingrad die Wende im Zweiten Weltkrieg? Viele Historiker halten das für einen Mythos. Die deutsche Blitzkrieg-Strategie war schon zuvor, im Winter 1941, gescheitert. Damals hatte die Rote Armee den raschen Vormarsch der Deutschen vor Moskau gestoppt.

Viel größer als die strategische war aber die symbolische Bedeutung: Stalingrad, das Schlachtfeld zweier Diktatoren, sollte schließlich als Sinnbild für den Untergang Hitler-Deutschlands in die Geschichtsbücher eingehen.(c) Heeresgesch. Museum
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