Feldmarschall Paulus: Bis ins Grab verflucht

Vor siebzig Jahren tobte die Schlacht um Stalingrad auf ihrem mörderischen Höhepunkt. Der Untergang der VI. deutschen Armee als Wendepunkt des Krieges, mit einem grausigen Finale.

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(C) Militärgeschichtliches-Forschungsamt Podsdam, Bildarchiv NVA

Ich weiß, die Kriegsgeschichte hat schon jetzt das Urteil über mich gesprochen.“ Als er das sagte, saß der Oberbefehlshaber über die VI. Armee, Generalfeldmarschall Friedrich Paulus, in den Ruinen von Stalingrad. Seit dem 21. November 1942 sahen sich dort 230.000 Soldaten der deutschen Wehrmacht und ihrer Verbündeten in der Falle. Eingekesselt von der Roten Armee Josef Stalins. Am 31. Jänner 1943 war der mörderische Kampf an der Wolga zwischen der deutschen Wehrmacht und der Roten Armee zu Ende: ein Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg – zumindest in Europa.

Entkräftet und auch seelisch zermürbt kapitulierte Paulus, begab sich in sowjetische Kriegsgefangenschaft, aus der er erst 1953 nach Deutschland zurückkehrte – nach Dresden, in die damalige DDR.

 

Beim Einmarsch in Österreich dabei

Für die österreichische Geschichtsschreibung wiegt die Person Friedrich Paulus doppelt schwer. Mit der 2. Panzerdivision hatte er als Stabschef im März 1938 am triumphalen Einzug Adolf Hitlers in dessen Geburtsland teilgenommen – von Passau über Linz nach Wien. Hier erlag Paulus dem Charisma Hitlers. Auch wenn die Operation nicht nach den Wünschen der Militärs verlief: Die Treibstoffversorgung war mangelhaft, dazu kamen die vielen Ausfälle von Panzern auf ihrem völlig unbehelligten Marsch durch Österreich: 30 Prozent der Fahrzeuge blieben liegen. Die zweite Tangente von Paulus zu Österreich liegt in der überdurchschnittlichen Zahl von Wienern und Ostösterreichern in der VI. Armee: Rund 50.000 waren es, darunter die 44. Infanteriedivision Hoch- und Deutschmeister. Nur 1200 Österreicher kehrten zurück.

 

Die neue Paulus-Biografie

Im Westen galt Paulus lange Zeit als Hitler höriger Befehlsempfänger, der nicht früher kapitulierte, weil es ihm verboten war. Und die wenigen Stalingrad-Überlebenden, die Mütter, Eltern, Ehefrauen der dort Gefallenen, verfluchten ihn über sein Grab hinaus.

In einer neuen Biografie zeichnet der Militärhistoriker Torsten Diedrich aber ein völlig anderes Bild von Paulus, den Hitler ganz zuletzt noch zum Generalfeldmarschall machte, um ihn zum Selbstmord zu zwingen: Noch nie sei ein deutscher Marschall Feinden lebend in die Hände gefallen. Diedrich ist ein beachtenswerter Autor: Er arbeitete am Militärgeschichtlichen Institut der DDR, heute forscht er in Potsdam.

 

Glänzender Karriere-Offizier

Er meint, den Lebensbogen von Paulus nur auf die Tragödie von Stalingrad zu beschränken, werde diesem Offizier nicht gerecht. Es sei nämlich eine glänzende Karriere gewesen, die ihn bis ins Zentrum des Oberkommandos der Wehrmacht führte.

Wenig beachtet blieb bisher, dass Paulus eigentlich jene Position zugedacht war, die später Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel zum Verhängnis werden sollte: engster Ratgeber, oberstes militärisches Exekutivorgan Hitlers. Man wollte dem Hochbegabten nur noch zuvor für ein paar Monate eine Truppenverwendung zukommen lassen. Das war das Kommando über die VI. Armee. Und damit erfüllte sich das Schicksal des Friedrich Wilhelm Ernst Paulus, geboren 1890 in Guxhagen (Nordhessen), gestorben 1957 in Dresden.

Die grausame Ironie des Schicksals gebot, dass Paulus ab September 1940 als „Generalquartiermeister“ im Generalstab des Heeres in Zossen (Brandenburg) eine spezielle und natürlich streng geheime Aufgabe hatte: Er plante auf Befehl den Überfall auf Russland, obwohl er persönlich skeptisch war. Als Stratege sah er die Schwierigkeiten für den Nachschub weit entfernter Truppen. Das hatte er auch an Feldmarschall Erwin Rommels Afrika-Feldzug kritisiert. Im Oberkommando der Wehrmacht sah man das ungern. Und Paulus? Er glaubte, dem Ideal des preußischen Offiziers entsprechen zu müssen – schwieg, gelobte Gehorsam und führte Hitlers Auftrag aus. „Geblendet durch die außenpolitischen Erfolge Hitlers“, schreibt Diedrich, „durch den schnellen Aufstieg der Wehrmachtselite, war auch Paulus wie die Wehrmacht selbst zum willigen Erfüllungsgehilfen in der Kriegsvorbereitung des Dritten Reiches geworden.“

 

Detailarbeit für „Fall Barbarossa“

Er war der dritthöchste Soldat des Heeres. Erste Operationsstudien für „Barbarossa“, den Angriff auf die Sowjetunion, gab es bereits. Paulus übernahm nun die Detailarbeit: Ein rascher Vorstoß sollte die Eroberung Moskaus bringen. Um die Sowjetunion sofort niederwerfen zu können, war es nach seinem Dafürhalten notwendig, mit schnellen Panzerverbänden vorzustoßen und zu verhindern, dass kampfkräftige feindliche Verbände in die Weite des Raumes abziehen konnten. Für den Fall des Misslingens prophezeite Paulus einen lang andauernden Krieg, dem die Wehrmacht wohl schwerlich gewachsen wäre...

 

Kommandeur über 300.000 Mann

Ab 5. Jänner 1942 war Paulus Befehlshaber – unter gleichzeitiger Beförderung zum General der Panzertruppe. Es gab interne Kritik: So waren nicht nur ältere Offiziere übergangen worden, Paulus hatte noch nicht einmal eine Division oder ein Armeekorps geführt und bekam nun den Befehl über eine ganze Armee mit rund 300.000 Mann. Am 20. Januar trat er seinen neuen Posten bei der im Großraum Charkow liegenden Armee an.

Wie viele seiner Offizierskameraden, die noch preußische Zucht als erstrebenswert erachtet hatten, sah sich Paulus als ausschließlich militärischer Handwerker im Interesse des deutschen Volkes. Politik sollte den Politikern überlassen bleiben. Diese Auffassung vertrat der geschlagene Feldherr unverdrossen auch noch nach der Kapitulation in Gefangenschaft. Diese war zunächst relativ komfortabel, zwar in den Weiten Sibiriens, aber in Holzhäusern, die mit je fünf bis sechs Generalen belegt warem. Paulus war für Stalin die wertvollste Trophäe, der ranghöchste deutsche Soldat in Gefangenschaft. Dementsprechend behandelte man ihn. Das tat der verwundeten Seele des gut aussehenden und durchaus eitlen Offiziers gut. Sobald er Postkarten verschicken durfte, wandte er sich an den deutschen Botschafter in Ankara, den Freiherrn Franz von Papen, mit einer skurrilen Bitte: Man möge ihm die Schulterstücke verschaffen, die ihm als neuem Generalfeldmarschall zustünden.

 

Das Leben „danach“

Die Katastrophe vor siebzig Jahren, die Entschlusslosigkeit des Oberbefehlshabers, der seit Jahren an den Folgen einer Amöbenruhr aus dem Ersten Weltkrieg litt, die Depressionen und letztliche Selbstaufgabe – all dies füllt heute ganze Bibliotheken. Torsten Diedrich eröffnet aber für die „Zeit danach“ erstaunliche neue Facetten im Leben dieses Mannes, der in die Annalen der Weltgeschichte als Mann blinden Gehorsams eingegangen ist.

„Soldaten bleiben Soldaten. Sie kämpfen und erfüllen ihre Pflicht getreu ihrem Eid, ohne nach Gründen zu fragen.“

Paulus in sowjetischer Gefangenschaft

Da war einerseits die ständige Angst, von den Sowjets doch noch gehängt zu werden. Das bewog ihn, als Zeuge der Anklage im Kriegsverbrecherprozess zu Nürnberg auszusagen. Er bot sich selbst an. Und stand im Zwiespalt zwischen Schuld und Wiedergutmachung. Vielleicht wollte er auch der Weltöffentlichkeit ein Signal für sein Umdenken geben, indem er Verantwortung übernahm.

Am 11. Februar 1946 trat Paulus im eleganten blauen Anzug vor die Schranken des Gerichts. Besonders die „Nummer eins“ auf der Anklagebank, Hermann Göring, tobte. Seinen Verteidiger forderte er auf, „das dreckige Schwein zu fragen, ob er wisse, was ein Verräter sei“. Paulus bezeichnete in seinen mehrtägigen Aussagen Göring, Keitel und Jodl als die Triebkräfte des Angriffskrieges.

 

Eine Villa in Dresden

So hatte er sich auf Gedeih und Verderb den Sowjets in die Hände gegeben. Diedrich zeichnet die Umwege nach, die Paulus bis zu seiner Heimkehr nach Deutschland zu machen hatte, wobei er stets Grenzen der Kooperation wahrte. Er unterschrieb beileibe nicht jeden antifaschistischen Aufruf in der Sowjetzone Deutschlands, trat nur ganz selten bei „Friedenskundgebungen“ in der DDR auf, sondern konzentrierte sich auf die militärtechnische Aufarbeitung seines missglückten Feldzuges. So erhielt er sich die Gunst der Sowjetbehörden, bewohnte eine beschlagnahmte Villa in Dresden mit Chauffeur, wo er „forschte“. Sein Auto: ein westdeutscher „Opel Kapitän“. Während sich der Sohn in den Westen absetzte, versuchte Paulus, ehemalige Generalskollegen aus den DDR-Gefängnissen freizubekommen.

In tiefer Depression erlag Paulus am 1.Februar 1957 einer Amyotrophen Lateralsklerose, die zur Lähmung der rechten Körperhälfte und Sprachstörungen geführt hatte. Zur Trauerfeier kamen höchste Vertreter der DDR-Armee, das Präsidium des Nationalrats der DDR und – nach langem Hin und Her – ein evangelischer Pastor.

Lesetipp:

Torsten Diedrich

Paulus

Das Trauma von Stalingrad

Schöningh-Verlag, 579 Seiten, 39,90 €

Nächsten Samstag:

Weihnachten 1942 in den Ruinen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.12.2012)

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