Abraham Lincoln: "Eine monströse Ungerechtigkeit"

Die Befreiung von viereinhalb Millionen schwarzen Sklaven machte Abraham Lincoln zum größten US-Präsidenten nach George Washington. Annäherung an eine von Hollywood wiederentdeckte Lichtgestalt.

Abraham Lincoln Eine monstroese
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Abraham Lincoln Eine monstroese
Lincoln – (c) EPA (MICHAEL REYNOLDS)

Ich bin von Natur aus gegen die Sklaverei. Wenn Sklaverei nicht falsch ist, dann ist nichts falsch. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich jemals nicht so gedacht und gefühlt hätte.“

Diese Haltung, die Abraham Lincoln im April 1864 in einem Brief an den Zeitungsherausgeber Albert G. Hodges aus Kentucky zu Papier brachte, kennzeichnet das heutige Bild des sechzehnten Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. „Honest Abe“, der viereinhalb Millionen schwarze Sklaven befreite, die Einheit der von Sezession bedrohten Nation rettete und am Karfreitag des Jahres 1865 durch die Kugel eines mörderischen Fanatikers zum „gemarterten amerikanischen Christus“ aufstieg, wie es der Politikwissenschaftler Michael Cornfield von der George Washington University auf den Punkt bringt.

Doch wer war Abraham Lincoln wirklich? Am 12. Februar 1809 in einer Blockhütte in Kentucky geboren, wuchs er in einem rauen Grenzland auf. Sein Großvater väterlicherseits wurde von Indianern getötet, während er auf seiner Farm arbeitete. Es war ein hartes Leben für den jungen Abraham. An Schulbesuch war nicht zu denken; jede Hand wurde gebraucht. Geld verwendete man noch um 1830 herum kaum; Tauschhandel prägte das Leben.

Mehrfach wurde Abraham von seinem Vater zwecks Begleichung von Schulden zum Arbeiten an seinen Nachbarn verkauft. „Ich war ein Sklave“, soll er sich später beklagt haben. Sein lebenslanges politisches Credo, dass jeder Mensch die Früchte, die er im Schweiße seines Angesichts erntet, auch selbst genießen können soll, dürfte hier entstanden sein. Doch die Zeiten änderten sich rasch. Eisenbahn und Kanäle erschlossen das Hinterland von Chicago, verbanden es mit den aufstrebenden Häfen an der Ostküste. Lincoln hatte die Nase voll vom Leben als Hinterwäldler. „Manifest Destiny“ hieß für ihn, etwas aus sich zu machen.

Er las wie besessen: vom liberalen britischen Ökonomen John Stuart Mill bis Shakespeare. Er war begeistert von neuen Technologien, tüftelte selbst an Maschinen und erhielt 1849 ein Patent. Mit Anfang 20 studierte er Jus, wurde Anwalt, engagierte sich politisch. 1834 wurde er erstmals ins Parlament von Illinois gewählt, wo er mittlerweile lebte. Auch privat ging es voran: 1842 heiratete er Mary Todd, die Tochter seines Mentors und ersten Kanzleipartners.

„Er war ein Selfmademan“, sagt Eric Foner, Geschichteprofessor an der Columbia University in New York, im Gespräch mit der „Presse am Sonntag“. Foner hat 2011 für sein Buch „The Fiery Trial: Abraham Lincoln and American Slavery“ den Pulitzerpreis erhalten. Darin zeichnet er nach, wie die Sklaverei Lincoln von jungen Jahren an ständig begleitete: von den Sklaven, die er als junger Mann auf zwei Reisen nach New Orleans sah, über die Sklavenhalter in der Familie seiner Frau bis hin zu jenem Rechtsstreit „In Re Bryant“ im Oktober 1847, in dem er einen Sklavenhalter vertrat (Lincoln verlor den Fall).

Warum der zu diesem Zeitpunkt schon ziemlich etablierte Anwalt dieses Mandat annahm, ist rätselhaft. Denn ein Unterstützer der Sklaverei war Lincoln nie. Schon in seiner ersten dokumentierten politischen Handlung macht er das klar. „Sie ist auf Ungerechtigkeit und schlechter Politik gegründet“, hielt er im Jänner 1839 in einer Protestnote zu einer Entschließung des Parlaments von Illinois fest.

Doch gleichzeitig befand es der Jurist Lincoln für unmöglich, die Sklaverei abzuschaffen. „Vor dem Bürgerkrieg gab es nichts, was ein Mann wie Lincoln gegen die Sklaverei tun konnte“, erklärt Foner. „Sie war von der Verfassung geschützt. Ein Mann in Illinois konnte einen Mann in Louisiana nicht daran hindern, Sklaven zu besitzen.“

Und so setzte Lincoln alles daran, die weitere Ausbreitung der Sklaverei nach Westen zu unterbinden. Er verknüpfte dabei schon sehr früh die moralische Kritik an der Institution mit der Sorge, dass sie eine Kultur der Rechtlosigkeit fördert, welche die Säulen der Republik zum Einsturz bringen könnte. „Lincolns politisches Denken“, schreibt sein Biograf Allen C. Guelzo, Leiter des Instituts für Bürgerkriegsstudien am Gettysburg College, in einem Vorwort zur Penguin-Edition von Lincolns wichtigsten Reden, sei geprägt durch „die klare Verpflichtetheit der Gründerväter zur Freiheit und seinen Eifer, das Beispiel der amerikanischen Demokratie in einem von Monarchien dominierten Zeitalter zu schützen“.


Der Wendepunkt. Lincolns Sorge vor einem Coup der Sklavenstaaten schien spätestens 1854 begründet. Damals brachte Stephen A. Douglas, Lincolns langjähriger demokratischer Erzrivale, im Kongress den Kansas-Nebraska Act durch. Dieses Gesetz stellte das bisherige Prinzip, wonach die Sklaverei in neu dazukommenden Bundesstaaten nicht eingeführt werden durfte, auf den Kopf. Künftig sollten die Siedler selbst entscheiden, ob sie Sklaven halten wollen oder nicht. „Das war der Wendepunkt für Lincoln“, erklärt Foner. „Der Kansas-Nebraska Act öffnet riesige Gebiete im Westen für die Sklaverei. Lincoln hat die Sklaverei immer gehasst, aber jetzt sah er sie erstmals in ihrer aggressiven, expansiven Form.“

Und so ergreift er am 16. Oktober 1856 in Peoria, Illinois, erstmals öffentlich Partei für die Abolitionisten, nennt die Sklaverei eine „monströse Ungerechtigkeit“, die er hasse. Doch gleichzeitig legte Lincoln seine staatsmännische Größe an den Tag; er will die Union bewahren und fordert Verständnis für die materiellen Zwänge der Südstaaten: „Ich habe kein Vorurteil gegen die Leute im Süden. Sie sind bloß, was wir in ihrer Lage auch wären.“

Fünf Jahre später musste Lincoln dennoch in einen Bruderkrieg ziehen, der mehr als 600.000 Tote zurücklassen sollte. Ein Krieg, der anfangs von beiden Seiten fatal unterschätzt wurde – auch von Lincoln, sagt Michelle Krowl, Kuratorin einer sehenswerten Ausstellung in der Library of Congress in Washington. „Beide Seiten dachten, der Krieg würde schnell enden. Lincoln bat nur um 75.000 für die Dauer von drei Monaten“, erzählt sie. Vor Kriegsbeginn hatte die US-Armee 16.000 Soldaten. Vier Jahre später standen sich rund drei Millionen Soldaten gegenüber – und zerfleischten sich in Schlachten, in denen Offiziere ihre Truppen nach napoleonischen Taktiken ausrichtend in das Schnellfeuer moderner Waffen schickten.


Schwarze in Armee.
Das Ende der Versklavung der Schwarzen wurde kriegsentscheidend. Und so verlautbarte Lincoln am 1. Jänner 1863 die „Emancipation Proclamation“: Alle Sklaven in den Rebellenstaaten seien fortan frei, erstmals durften Schwarze in der US-Armee dienen – allerdings in segregierten Einheiten; das blieb bis 1948 so. Mehr als 180.000 Schwarze rückten ein und gaben den Ausschlag für Lincolns Sieg. Doch er war Pragmatiker; auch in einigen Staaten des Nordens gab es Sklaven, eine halbe Million sogar. Für sie kam die Freiheit erst zwei Jahre später – mit dem 13. Zusatz zur Verfassung, der die Sklaverei endgültig abschaffte.

Von wahrer Gleichberechtigung allerdings hielt Lincoln lange nichts. „Er war nicht überzeugt, dass die beiden Rassen miteinander auskommen könnten“, sagt Krowl. Noch am Vorabend der „Emancipation Proclamation“ genehmigte er einem windigen Unternehmer 250.000 Dollar dafür, 5000 befreite Sklaven auf der Île à Vache vor Haiti anzusiedeln. Das Experiment scheiterte, Lincoln gab die Idee der Kolonisierung der Schwarzen auf.

In seiner letzten dokumentierten politischen Äußerung am 11. April 1865 überraschte Lincoln noch einmal: „Es ist auch unbefriedigend für manche, dass das Wahlrecht dem Farbigen nicht gegeben wird.“ Zumindest besonders intelligente Schwarze und solche, die in der Armee gedient hatten, sollten wählen dürfen.

Vier Tage später war Lincoln tot. Was wäre, wenn John Wilkes Booth daneben geschossen hätte? „Wäre Lincoln die verehrte Figur, wenn er sich um den Wiederaufbau des Südens hätte kümmern müssen?“, lautet Krowls Gegenfrage. Eric Foner ist zuversichtlicher: „Anders als sein Nachfolger Andrew Johnson hätte er mit dem Kongress eine Lösung gefunden. Und er wäre, ebenfalls anders als Johnson, nicht fast seines Amtes enthoben worden. Dafür war Lincoln ein zu guter Politiker mit zu enger Tuchfühlung mit den Menschen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.01.2013)

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