Jahrestag: Waldheim, die SA, sein Pferd und die 'Pflicht'

„Er war sicher kein Kriegsverbrecher“, aber: „Er hat viel gewusst“. Es war ein mit Spannung erwartetes Urteil, das Hans Rudolf Kurz, der Vorsitzende der Historikerkommission zum „Fall Waldheim“, am Tag der Übergabe seines Untersuchungsberichts in einem Interview fällte. 25 Jahre liegt das nun zurück. Die Debatte um die Vergangenheit Kurt Waldheims polarisierte und bewegte wie kaum eine andere in der Geschichte Österreichs, und sie veränderte das historische Bewusstsein des Landes.(c) AP (Berkun)

Am Anfang steht eine Schlagzeile: „Waldheim und die SA“ titelt das Nachrichtenmagazin „Profil“ am 3. März 1986. Redakteur Hubertus Czernin veröffentlicht darin die Wehrstammkarte des früheren UNO-Generalsekretärs und nunmehrigen Präsidentschaftskandidaten für die ÖVP. Waldheim wird darin als Mitglied einer SA-Reiterstandarte und des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes geführt. Am darauffolgenden Tag schreibt die „New York Times“, Waldheim habe in einer Wehrmachtseinheit gedient, die am Balkan Juden deportiert habe und brutal gegen Partisanen vorgegangen sei.

(Bild: Waldheim, 2. v. links, 1943 mit hochrangigen NS-Offizieren)(c) AP (STR)

Schon seit Jahren gab es in Wien Gerüchte, dass Waldheims Vergangenheit im Krieg mehr umfasst, als er selbst erzählt hat. In seiner Biografie „Im Glaspalast der Weltpolitik“ streifte Waldheim nur einen Einsatz an der Ostfront, wo er 1941 verwundet wurde. Dann springt er Jahre voran: „Knapp vor Kriegsende befand ich mich im Raum Triest“.(c) Clemens Fabry

Auf die Veröffentlichungen von „Profil“ und „New York Times“ reagiert der Präsidentschaftskandidat teils defensiv, teils unwirsch. Die Behauptungen seien unwahr, sagte er am 9. März in der Pressestunde des ORF. Es handle sich um eine „Verleumdungskampagne“. Dass er als SA-Mitglied geführt wird, erklärt er so: Als er an der Konsularakademie studierte habe, habe er ein paar Mal an reiterlichen Sportveranstaltungen teilgenommen. Später seien alle Reiterverbände in SA-Reiterstandarten übergeführt worden. Auf die Frage: „Also waren Sie Mitglied? En block überführt?“, meint er: „Nein, das ist ja der Irrtum. Die haben mich von der Konsularakademie offenbar dorthin gemeldet (..) und dann ist nichts geschehen, außer dass dort irgendetwas eingetragen wurde, was ich nicht weiß“.

(Bild: Waldheim, rechts, 1936)(c) APA (Archiv dpa)

Und Waldheim spricht einen Satz, der vielen Österreichern seiner Generation aus der Seele spricht, gerade von vielen Jungen aber als Zumutung empfunden wird: „Ich habe im Krieg nichts anderes getan als hunderttausende andere Österreicher, nämlich, meine Pflicht als Soldat erfüllt“. Heimische und internationale Medien graben immer weitere Details aus Waldheims Zeit bei der Wehrmacht aus, sitzen aber teils auch gefälschten Dokumenten auf. Es zeigt sich jedenfalls: Waldheim war ab 1942 in der Heeresgruppe E im damaligen Jugoslawien und in Griechenland eingesetzt. Er diente unter anderem als Dolmetscher im Stab des später wegen Kriegsverbrechen hingerichteten Generalmajors Alexander Löhr.(c) APA (Robert Jaeger)

Waldheim spricht in zahllosen Interviews teils von Unwahrheiten, teils von Erinnerungslücken. Er habe jedenfalls von Kriegsverbrechen „nichts mitbekommen“. Von der Deportation der Juden Salonikis, in dessen Nähe er stationiert war, habe er überhaupt erst jetzt durch die Medien erfahren. „Nazi-Jäger“ Simon Wiesenthal (der Waldheim in der Affäre teils auch gegen Angriffe verteidigte) wird dazu später in seinen Memoiren schreiben: „Außer Kurt Waldheim wusste das die gesamte deutsche Besatzung Griechenlands“. 50.000 Juden, das ist rund ein Viertel der Bevölkerung Salonikis, wurden damals in KZs deportiert.(c) AP

SPÖ-Bundeskanzler Fred Sinowatz reagiert auf Waldheims Aussagen zu seiner Registrierung bei einer SA-Reiterstandarte mit spöttischen Worten, die wohl heute noch jeder Österreicher kennt: „Ich nehme zur Kenntnis, dass Waldheim nicht bei der SA war - nur sein Pferd“.(c) APA (Jaeger Robert)

Die ÖVP rückt zur Verteidigung ihres Präsidentschaftskandidaten aus. „Jetzt erst recht“ und „Wir Österreicher wählen wen wir wollen“ lässt sie plakatieren. Die Linie: Angriffe auf Waldheim seien Angriffe auf Österreich. Dahinter stecke die SPÖ (was diese vehement bestreitet) und das Ausland. Kurt Bergmann, damaliger politischer Direktor des VP-Klubs, wird es später so formulieren: „Uns war klar, dass wir den Gewehrlauf umbiegen müssen und dem Gegner einen Schuss ins Knie verpassen“. Ungewollte Wahlkampfhilfe leistet der World Jewish Congress (WJC), der Waldheim unter anderem als „Teil der Nazi-Tötungsmaschinerie“ bezeichnet.(c) APA (Jaeger Robert)

Am 8. Juni 1986 gewinnt Waldheim die Stichwahl gegen SPÖ-Kandidat Kurt Steyrer mit 53,89 Prozent. Am Tag darauf räumt Sinowatz seinen Posten für Franz Vranitzky (im Bild mit Waldheim). 1987 klagt Sinowatz den damaligen Profil-Redakteur Alfred Worm, der schrieb, dass Sinowatz 1985 in einer Sitzung im Burgenland gesagt hatte, man werde die Bevölkerung „zur rechten Zeit vor der Präsidentenwahl“ über Waldheims „braune Vergangenheit“ informieren. Sinowatz verliert den Prozess und wird später wegen falscher Zeugenaussage verurteilt.(c) Reuters Photographer Reuters

Für Waldheim folgen nach seinem Wahlsieg Jahre internationaler Isolation. Einladungen westlicher Staaten an den Bundespräsidenten bleiben aus, Kanzler Vranitzky muss die Rolle des Repräsentanten im Ausland übernehmen. Am 27.4.1987 dann der größte Schlag für Waldheim: Die USA setzen ihn auf die „Watchlist“. Danach beschließt die Regierung „auf ausdrücklichen Wunsch des Herrn Bundespräsidenten“ die Einsetzung einer Kommission aus internationalen Historikern.(c) AP (Max Nash)

Am 8. Februar 1988 übergibt die Kommission ihren Bericht an Vranitzky. Ihr Ergebnis: Es gebe keinerlei Beweise für eine Beteiligung Waldheims an Kriegsverbrechen. Aber: Der Bundespräsident sei „hervorragend über das Kriegsgeschehen orientiert“ gewesen. Seine Einblicke hätten „in einigen Fällen auch die Handlungen und Maßnahmen“ eingeschlossen, „die im Widerspruch zum Kriegsrecht und den Grundsätzen der Menschlichkeit standen“. Die Kommission habe „von keinem Fall Kenntnis erhalten, in welchem Waldheim gegen die Anordnung eines von ihm zweifellos erkannten Unrechts Einspruch erhob (..) Er hat im Gegenteil wiederholt im Zusammenhang rechtswidriger Vorgänge mitgewirkt und damit den Vollzug erleichtert." Und: "Waldheims Darstellung seiner militärischen Vergangenheit steht in vielen Punkten nicht im Einklang mit den Ergebnissen der Kommissionsarbeit.“(c) APA

Waldheim und seine Mitstreiter sehen in dem Bericht eine „umfassende Entlastung“, seine Kritiker sehen das anders - bis heute. Von den einen wurde und wird die gesamte Affäre als ungerechtfertigte Hetzkampagne gesehen, die anderen sehen Waldheim als Lügner. Fest steht, dass der Fall Tabus aufbrach. Der Mythos von der Opferrolle Österreichs und von der sauberen Wehrmacht bröckelte, mehr als 40 Jahre nach Kriegsende wurde in vielen Familien erstmals über die Erfahrungen der Väter und Großväter als Soldaten gesprochen.(c) APA (Roland Schlager)

1991 gab Waldheim bekannt, dass er auf eine Kandidatur für eine zweite Amtszeit verzichten werde. Am 14. Juni 2007 starb er 88-jährig. Kurz zuvor veröffentlichte er noch ein „letztes Wort“, in dem er die „zu späte Aufarbeitung“ seiner Kriegsvergangenheit bedauerte. Ursache dafür sei die „Kränkung, ja das Entsetzen über Inhalt und Ausmaß dieser Vorwürfe" gewesen. Bundespräsident Heinz Fischer sagte in seiner Trauerrede: „Kurt Waldheim wurde zu einer Projektionsfläche für schlechtes Gewissen im Zusammenhang mit unserem Umgang mit der NS-Zeit und mit Versäumnissen in der Nachkriegsgeschichte“.(c) APA (Robert Jaeger)