Stalin-Todestag: ''Nicht stören, der Genosse schläft''

„Das Herz des Kampfgefährten und genialen Fortsetzers der Sache Lenins, des weisen Führers und Lehrers der Kommunistischen Partei und des Sowjetvolkes, Josef Stalin, hat aufgehört zu schlagen.“ Am frühen Morgen des 6. März 1953 verkündet Radio Moskau den Tod eines der schlimmsten Despoten der Geschichte. Die Umstände seines Sterbens blieben lange im Dunkeln, alle Details sind auch heute noch nicht geklärt.

(Bild: Stalins Grab am 5. März 2013, dem 60. Todestag)(c) reuters

Stalins letzte Stunden

28. Februar 1953: Der sowjetische Diktator verbringt den Abend wie so oft mit vier Mitgliedern des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei: Lawrenti Beria, Georgi Malenkow, Nikita Chruschtschow und Nikolai Bulganin. Im Kino des Kreml sehen sie Filme, dann fahren sie in Stalins 10 Kilometer entferntes Anwesen, die "Datscha Blischnjaja“. Wie immer fließt der Alkohol in Strömen: Stalin leidet zwar an Bluthochdruck und Schwindelanfällen, ärztliche Ermahnungen ignoriert er aber.(c) AP (Sam Dean )

Am nächsten Morgen klingelt Stalin nicht wie gewohnt am späten Vormittag nach seinen Bediensteten. Auch in den folgenden Stunden gibt er kein Lebenszeichen von sich. Die anwesenden Wachen des Geheimdienstes wagen aber nicht, seine Zimmer zu betreten. Den Diktator zu stören, könnte Deportation oder Tod bedeuten.(c) AP (Mikhail Metzel)

Erst als am Abend die Post aus dem Kreml eintrifft, wird eine der Wachen in die Gemächer Stalins geschickt. Er findet Stalin am Boden, in seinem Urin liegend. Der Diktator hebt die Hand, gibt einen schwachen Laut von sich. Sprechen kann er nicht.(c) AP

Die Wachen informieren Beria (Bild), den Minister für Staatssicherheit. Der ordnet strengste Geheimhaltung an. Beria und die drei anderen engsten Führungsmitglieder machen sich erneut auf den Weg in die Datscha und versammeln sich um das Sofa, auf dem die Wachen Stalin gebettet haben. „Stört ihn nicht, der Genosse Stalin schläft doch nur“, herrscht Beria Bedienstete an.(c) AP (RIA

Erst am nächsten Morgen wird entschieden, Ärzte herbei zu rufen. Die Kreml-Mediziner sind allerdings nicht verfügbar: Erst wenige Wochen zuvor hat Stalin sie verhaften lassen. Er wirft ihnen vor, Giftanschläge auf Politiker geplant zu haben.

Den Ärzten, die am 2. März schließlich an Stalins Krankenbett eintreffen, zittern vor Angst die Hände. Ihre Diagnose lautet Schlaganfall, der Tod des 74-Jährigen sei "unabwendbar".(AP Photo/The Roanoke Times, Sam Dean)

Stalins Tochter Swetlana (im Bild 1935 mit ihrem Vater) wird an das Sterbebett ihres Vaters gerufen. Sie wird später seine letzten Minuten am Abend des 5. März so schildern: "Es war ein furchtbarer Blick, halb wahnsinnig, halb zornig, voll Entsetzen vor dem Tode".

Stalin wird im Kreml in einem offenen Sarg aufgebahrt. Millionen Menschen wollen einen Blick auf den Toten werfen, im Gedränge werden viele zu Tode getrampelt.

(Im Bild: Stalins Totenmaske)(c) AP

Erst Jahre später lässt der nunmehrige Machthaber Chruschtschow (Bild) den Personenkult um Stalin langsam zerbröckeln. Er nennt ihn einen Verbrecher, lässt ihn 1961 schließlich vom Mausoleum auf dem Roten Platz an die Kreml-Mauer umbetten.AP

Stalins Terrorregime fielen Millionen Menschen zum Opfer. Der als Josef Dschugaschwili geborene Despot ließ die Landbevölkerung verhungern, indem er die Ernten beschlagnahmte, schickte Millionen zur Zwangsarbeit in Gulags, ließ im Zuge von „Säuberungswellen“ echte und vermeintliche Gegner erschießen.

(Im Bild: Gulag in Birobidzhan)(c) EPA (SERGEI ILNITSKY)

Kurz vor seinem Tod soll der Diktator noch „Säuberungen“ in der alten Führungsriege geplant haben. Daher wurde immer wieder vermutet, Beria oder einer der anderen Vertrauten könnte Stalin vergiftet haben. Beria soll sogar selbst damit geprahlt haben. Beweise für die Mordtheorie fanden sich aber nie.(c) AP

60 Jahre nach Stalins Tod wird der „Führer“ von vielen Russen nach wie vor verehrt. In einer aktuellen Umfrage gaben 49 Prozent an, Stalin habe eine "positive" Rolle in der russischen Geschichte gespielt. Für neun Prozent war sie "unbestreitbar positiv", für 40 Prozent immerhin "eher positiv". Rund ein Drittel sah Stalin dagegen "unbestreitbar negativ" (zehn Prozent) oder "eher negativ" (22 Prozent).(c) AP (MIKHAIL METZEL)

Die russisch-orthodoxe Kirche, die selbst unter Repressionen der Stalin-Zeit gelitten hatte, hob auf einer Konferenz zum 60. Todestag auch Erfolge des Politikers beim Aufbau des sowjetischen Imperiums hervor. An Stalins Grab legten am Dienstag Trauernde Nelken nieder. Der prominente Publizist Nikolai Swanidse schreibt im Boulevardblatt "MK":"Er ist schon nicht mehr der blutrünstige Diktator, sondern fast Jesus Christus".

(Text: Maria Kronbichler)(c) Reuters