Schuschnigg im KZ als privilegierter „Sonderhäftling“

Wie es dem Bundespräsidenten und dem Bundeskanzler nach 1938 erging.

 Kurt Schuschnigg
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 Kurt Schuschnigg
Kurt Schuschnigg – (c) ORF (Önb Bildarchiv Austria)

Was wurde nach dem „Anschluss“ aus den zwei wichtigsten Amtsträgern des bisherigen Österreich – Wilhelm Miklas und Kurt Schuschnigg? Der Bundespräsident, der am 13. März zurücktrat, um das „Anschluss“-Gesetz nicht unterschreiben zu müssen, wurde unter SS-Bewachung in seine Wohnung nach Erdberg gebracht. Er wurde nie inhaftiert oder verhört oder drangsaliert. Im Gegenteil. Miklas, der aus Sorge um seine große Kinderschar stillhielt, bekam sogar weiter seine Pension.

 

Sonderbehandlung durch die Gestapo

Für den bisherigen Bundeskanzler Kurt Schuschnigg wurden es hingegen Tage, Monate, Jahre der Angst. Zunächst unter Hausarrest, dann im Gestapo-Hauptquartier, durfte er, genehmigt von SS-Gruppenführer Ernst Kaltenbrunner, seine frisch angetraute zweite Ehefrau (er war Witwer) an jedem Freitag drei Minuten lang sprechen: Vera, eine geborene Gräfin Czernin.

Als er im Herbst 1938 nach München verlegt wurde, wog der 1,83 Meter große Mann knapp vierzig Kilo. So berichtet es der Sohn aus erster Ehe (Kurt Schuschnigg jun.: „Der lange Weg nach Hause“, Amalthea, 2008).

Der bisherige Bundeskanzler, seine Frau und die gemeinsame kleine Tochter landeten nach einer Odyssee und vielen Verhören schließlich im KZ Dachau, dann in Flossenbürg und schließlich ab 1941 in Sachsenhausen. Und zwar einem eigenen abgetrennten Bereich des KZ, der verhältnismäßig komfortabel genannt werden konnte. Die Bibliothek kam mit, die Familie bekam gehobene Verpflegung, den Haushalt führte eine „Ostarbeiterin“. Das Zugeständnis, mit dem Häftling leben zu dürfen, setzte bei der Familie die Bereitschaft voraus, über das KZ und den Aufenthalt Schuschniggs absolutes Stillschweigen zu bewahren. Der Sohn ging in Sachsenhausen ins Gymnasium und nächtigte später während seines Marinedienstes im Urlaub bei seiner Familie.

 

72 Kisten Hausrat

Die Schuschniggs hatten aber auch für die Wachmannschaften Vorteile. Mit deutscher Gründlichkeit, berichtet der Sohn, hatte die SS der Familie ihr Eigentum von einem KZ zum nächsten nachgeschickt – immerhin 72 Kisten. Auch der gesamte Czernin'sche Familienschmuck reiste mit. Kurz vor Kriegsende wurde er aber „in Gewahrsam“ genommen und tauchte nie mehr auf.

Warum Hitler, Himmler, Kaltenbrunner dem einstigen Kanzler eine derart privilegierte Stellung einräumten, kann heute nur vermutet werden. Möglich, dass man eine Generalabrechnung, einen Schauprozess nach gewonnenem Krieg vorhatte.

 

Zuletzt Professor in den USA

Dazu kam es aber nicht. Am 24. April 1945 wurde Schuschnigg mit über 130 anderen prominenten Häftlingen aus dem KZ abtransportiert. Auf Lastkraftwagen ging es in die Dolomiten, in Südtirol überrumpelte eine Wehrmachtstruppe die begleitende SS-Kompanie und die solcherart Befreiten begaben sich in amerikanische Gefangenschaft. 1948 übersiedelte Schuschnigg von Italien in die Vereinigten Staaten und wurde Professor für Staatsrecht an der Saint Louis University, Missouri. Er erwarb auch die amerikanische Staatsbürgerschaft. 1968 kehrte er nach Österreich zurück, betätigte sich aber nicht mehr politisch. Schuschnigg verbrachte seine letzten Lebensjahre in Tirol. In Mutters starb er 1977.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.03.2013)

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