Abzug aus Vietnam: Ende eines US-Debakels

„Der Tag, auf den wir alle hingearbeitet und für den wir gebetet haben, ist gekommen". Am Abend des 29. März 1973 verkündete der damalige US-Präsident Richard Nixon, dass sich erstmals seit Jahren „keine amerikanischen Truppen im Vietnam befinden". Doch der Abzug des letzten US-Soldaten aus dem Kriegsland markiert keinen Erfolg, sondern besiegelt das Scheitern der größten Militärintervention der Vereinigten Staaten seit dem Zweiten Weltkrieg.

(hell)(c) AP

Am Anfang steht die Proklamation eines Staates: Kurz nach der Kapitulation Japans, das Indochina besetzt hat, ruft der kommunistische Partisanenführer Ho Chi Minh am 2. September 1945 die Demokratische Republik Vietnam aus. Frankreich missfällt dieser Schritt - will es doch seine einstige Kolonialmacht wiederherstellen – und bombardiert am 23. November 1946 die vietnamesische Hauptstadt Hai Phòng. Als Vorwand dient ein Konflikt über Importzölle. Der Krieg beginnt.(c) AP

Während China und die Sowjetunion die Regierung von Ho Chi Minh unterstützen, stellt Frankreich im Süden des Landes im September 1949 eine Gegenregierung auf. Sie wird von Großbritannien, den Vereinten Nationen und den USA befürwortet. Insbesondere letztere befürchten nämlich, dass Indochina kommunistisch werden und einen „Domino-Effekt" auslösen könnte - würde ein Land kommunistisch, fielen auch die Nachbarländer. Daraus entstünde eine Bedrohung für die USA, strebe doch die Sowjetunion eine „Welteroberung" an.

(Am Bild: Statue von Ho Chi Minh)(c) EPA (Julian Abram Wainwright)

Trotz massiver finanzieller und materieller Unterstützung durch die USA erleiden die Franzosen 1954 eine schwerwiegende Niederlage, bei der fast alle eingesetzten Soldaten entweder fallen oder in Gefangenschaft geraten. Frankreich gibt seinen Anspruch auf koloniale Herrschaft auf, die USA aber halten an ihrem Ziel fest: In Asien ein „Bollwerk gegen den Kommunismus" zu etablieren.

(Am Bild: Gefangengenommene französische Soldaten) (c) AP

Auf der Indochinakonferenz in Genf wird eine Aufteilung des Landes in einen kommunistischen Norden und einen „antikommunistischen" Süden beschlossen. Grenzlinie ist der 17. Breitengrad. Die US-freundliche Regierung Südvietnams wird fortan von den Amerikanern militärisch auf Vordermann gebracht: 350 Offiziere sollen die Armee organisieren, US-Soldaten, CIA-Agenten und Militärberater werden – heimlich - installiert, die Grenze geschlossen, der Telefon- und Postverkehr mit dem Norden unterbunden.(c) AP (HORST FAAS)

Gleichzeitig entstehen zahlreiche Widerstandsbewegungen, die Anschläge verüben - darunter die Nationale Befreiungsfront Südvietnams („Vietcong"). Sie schließen sich Ende 1960 zu der Nationalen Befreiungsfront („FNL") zusammen und verüben Anschläge im „amerikanischen" Süden.(c) AP

Der erste Bombenregen aus US-Maschinen prasselt Ende 1964 auf Nordvietnam nieder – eine Antwort auf die Scharmützel der FNL. Bis zum Ende des Krieges entstehen landesweit rund 25 Millionen Bombenkrater. Bauern werden in überwachte „strategische Wehrdörfer“ umgesiedelt, damit sie die FNL nicht unterstützen können.(c) AP (HORST FAAS)

Lyndon B. Johnson, der seit der Ermordung von John F. Kennedy (Bild) im November 1963 US-Präsident ist, will drastischer als sein Amtsvorgänger gegen die FNL vorgehen. Den Anlass dafür bietet ihm der „Tonkin-Zwischenfall": Am 2. August 1964 beschuldigen die USA Nordvietnam, ihren Zerstörer „USS Maddox" im Golf von Tonkin angegriffen zu haben – eine bewusste Falschinformation, wie die „Pentagon-Papiere" später belegen werden. Aus den Dokumenten des US-Verteidigungsministeriums geht nämlich hervor, dass der Vietnamkrieg entgegen vieler Behauptungen von langer Hand geplant war.(c) AP (CECIL STOUGHTON)

Johnson kann den US-Kongress dazu bewegen, die „Tonkin-Resolution" zu verabschieden. Sie verleiht ihm ein Angriffsrecht bzw. erlaubt jegliche Maßnahmen zur Verteidigung von US-Truppen und ihren Verbündeten in Südostasien - ohne formal einen Krieg erklären zu müssen. Daraufhin beginnen die USA offiziell mit der Entsendung von Soldaten. Die ersten Bodentruppen landen am 8. März 1965 in Da Nang – zu Jahresende sind es schon 184.000 Mann.(c) AP

US-Flugzeuge versprühen fortan 72 Millionen Liter hochgiftiger Entlaubungsmittel wie „Agent Orange", um den Feind aus der Deckung zu zwingen. Die Folge: Krebs und Missbildungen bei Neugeborenen.

Daneben werden mehr als 13 Millionen Tonnen Bomben abgeworfen. Doch die zahlenmäßige und technologische Überlegenheit der USA ist gegen die Guerilla-Taktik der Nordvietnamesen ineffektiv.(c) AP

Schließlich macht die „Tet-Offensive" am 31. Jänner 1968 den Glauben der USA an ein „Licht am Ende des Tunnels“ zunichte, den General William Westmoreland aufrechtzuerhalten versuchte. Mehr als 80.000 FNL-Kämpfer greifen überraschend über 60 Städte an – in Saigon dringen sie sogar bis in die US-Botschaft vor. Über eine halbe Million Tote – rund 14.000 Zivilisten - schockieren die amerikanische Bevölkerung und markieren den „psychologischen Wendepunkt" des Krieges.(c) AP (NEAL ULEVICH)

Auch auf internationaler Ebene wird deutlich, dass die USA die Lage in Vietnam nicht „im Griff“ haben. Eine Welle an Protesten rollt an: Vor allem empörte Studentenbewegungen führten die Massenproteste gegen die "Kriegstreiberei" an - sie waren auch ein Nährboden für die Hippie-und Flower-Power-Bewegung.(c) ASSOCIATED PRESS

Die Demonstrationen werden durch das „Massaker von My Lai" noch verstärkt, welches den völligen moralischen Niedergang der USA symbolisiert: US-Soldaten überfallen auf der Suche nach nordvietnamesischen Kämpfern am 16. März 1968 den kleinen Ort und ermorden 507 Menschen – fast ausschließlich Frauen, Kinder und Greise.

(Am Bild: Auf der Flucht vor einem Napalm-Angriff - eine aggressive Brandwaffe, die aus Flugzeugen abgeworfen wurde)(c) AP (NICK UT)

Es folgt ein Kurswechsel: Johnson tritt bei der Präsidentschaftswahl nicht mehr an, sein Amt übernimmt Richard Nixon, der sogleich eine „Vietnamisierung des Krieges“ beginnt. Konkret setzt er auf den Abzug von US-Truppen und die Aufrüstung der südvietnamesischen Armee („Nixon-Doktrin"). Wenig später beginnen im Mai 1968 in Paris erste Waffenstillstandsgespräche zwischen den USA und der Demokratischen Republik Vietnam.(c) AP (Bruce Fritz)

Nichtsdestoweniger ist die Truppenstärke der USA im März 1969 größer als je zuvor, unterstützt durch Soldaten aus Ländern wie Australien, Neuseeland, Thailand und den Philippinen. 1970 breiten sich die Kriegshandlungen in die Nachbarländer Laos und Kambodscha aus. Doch die Angriffe bringen wenig Erfolge. Ab 1972 kontrollieren nordvietnamesische Soldaten immer mehr Städte im Süden des Landes.(c) AP (EDDIE ADAMS)

Erst am 15. Jänner 1973 kommen die Verhandlungen zu einem Abschluss: Nixon erklärt militärische Aktionen durch US-Truppen für offiziell beendet. Zwölf Tage später unterzeichnen die USA und Nordvietnam den „Pariser Friedensvertrag". Für die Amerikaner bedeutet das Papier das Ende ihres Engagements, am 29. März verlässt der letzte US-Soldat Vietnam.(c) AP

Für Nordvietnam stellt der Friedensvertrag aber nur eine Etappe dar. Es setzt seine Kämpfe fort, die 1975 in der „Oster-Offensive" münden. Im Zuge der Aktion rücken nordvietnamesische Truppen in den Süden vor und nehmen Saigon (heute Ho-Chi-Minh-Stadt) am 30. April 1975 ein. Südvietnam kapituliert, ein Jahr später wird das Land wiedervereinigt und die Sozialistische Republik Vietnam ausgerufen.(c) AP

Die Bilanz des Krieges ist umstritten: Verschiedene Quellen gehen von 1,5 bis drei Millionen Toten aus. Südvietnam hat demnach etwa 250.000 Soldaten verloren, die USA 58.000. In Amerika starben nach 1973 über 60.000 weitere Ex-Soldaten durch traumatisch bedingte Selbstmorde - das ergibt mehr Tote als im Krieg selbst.

Die Truppenstärke der USA lag bei 530.000 Mann, Südvietnam schickte 850.000 Soldaten in den Kampf, Nordvietnam an die 290.000.(c) AP

In Vietnam sind die Folgen des Krieges noch heute spürbar: Vergiftungen und Umweltschäden durch den Einsatz von „Agent Orange" führen weiter zu Fehlgeburten und schwersten Behinderungen von Neugeborenen. Erst jetzt erklärten sich die USA bereit, an der Beseitigung der Stoffe mitzuwirken. Das Erdreich wird in speziellen Öfen erhitzt, bei der die Gifte zerfallen. Die Arbeiten sollen 2016 abgeschlossen werden, die Leiden der Bevölkerung aber noch lange anhalten.(c) AP (CHICK HARRITY)

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