Pharmatests: „Versuchskaninchen“ aus der DDR

Westliche Pharmafirmen führten laut „Spiegel“ Experimente beim „Klassenfeind“ durch: Gegen Schweigegeld für das Regime erprobten sie neue Medikamente. Die Regierung in Berlin will das dunkle Kapitel aufrollen.

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Pharmatests: „Versuchskaninchen“ aus der DDR – (c) www.bilderbox.com (BilderBox.com)

Wien/Berlin/VIER. Die Bürgerrechtler schöpften Verdacht, als immer öfter Autos mit Westkennzeichen in der Fehrbelliner Straße parkten. In den 1980er-Jahren, als im Ostberliner Szeneviertel Prenzlauer Berg in Kirchen, Alternativzirkeln und Rockbands die Oppositionsbewegung keimte, gingen im Haus Fehrbelliner Straße 5 offenkundig Westbesucher ein und aus – ein eher ungewöhnlicher Vorgang in der Spätphase der DDR.

Wie sich jetzt herausstellte, waren es Vertreter westlicher Pharmafirmen, die bis heute, wenngleich oftmals inzwischen fusioniert, Rang und Namen haben: Bayer, Schering, Hoechst, Pfizer, Sandoz, Roche. Sie drückten sich mit ihren Geldkoffern die Klinke in die Hand. Im Westen hatte der Contergan-Skandal im Laufe der Jahre ein Bewusstsein für unerprobte Medikamente geweckt, eine kritische Öffentlichkeit erzwang rigorosere Auflagen durch die Behörden.

Da rückten für die Pharmaindustrie neue „Versuchskaninchen“ ins Visier, wie der „Spiegel“ nun aufdeckte: die Bürger des Obrigkeitsstaats DDR. Mindestens 50.000 Bürger, so schätzt das Magazin bei seinen Recherchen in Privatarchiven und ehemaligen DDR-Instituten, sollen als Versuchspatienten hergehalten haben. So wie heute Indien oder China als Experimentierfeld für neue Präparate dienen, richtete sich damals das Augenmerk auf den „Arbeiter- und Bauernstaat“.

Keine Berührungsangst

Die Bundesregierung in Berlin will das dunkle Kapitel der Pharmatests jetzt aufrollen. Die Aufarbeitung der SED-Diktatur dürfe sich nicht mit der Stasi erschöpfen, lautet der Tenor des Antrags für die Debatte im Bundestag.

Die DDR-Diktatur hatte bereits lukrative Erfahrung mit dem Kapitalismus gemacht, der seinerseits keine Berührungsängste kannte. In ostdeutschen Gefängnissen werkten Häftlinge als Zwangsarbeiter für den schwedischen Möbelkonzern Ikea, sie produzierten unter anderem das Bücherregal „Billy“, wie auch erst kürzlich zutage trat. Es traf sich jedenfalls gut, dass der Satellitenstaat der Sowjets dringend Westdevisen benötigte – nicht zuletzt für sein zusehends desolates Gesundheitssystem, das der internationalen Entwicklung hinterherhinkte. Bis zu 800.000 DM winkten pro Studie und Medikamententest.

Die Einnahmen teilten sich Alexander Schalk-Golodkowskis Abteilung für Devisenbeschaffung und die DDR-Spitäler brüderlich. Die Kliniken pumpten das Westgeld in die Verbesserung ihrer Infrastruktur: von der Charité in Berlin, dem Aushängeschild der Forschung, bis hin nach Leipzig oder Jena. In einer Bilanz vermeldeten die Krankenhauschefs alljährlich stolz ihre finanziellen Eingänge vom westlichen Klassenfeind.
Pharmageschäfte, die zuvor nur im kleinen Rahmen über Lobbyisten und gegen „Geschenke“ bei der Leipziger Messe abgewickelt wurden, florierten ab 1983 auf  institutioneller Ebene – dem neu geschaffenen Beratungsbüro in dem unscheinbaren Haus in der Fehrbelliner Straße. Es war ein offenes Geheimnis in der Bundesrepublik. „Dass westliche Konzerne in der DDR klinische Studien durchführen, wusste im Bundesgesundheitsministerium jeder“, sagt ein früherer Abteilungsleiter. „Warum und wie, das wurde nicht hinterfragt.“

Epo für Frühgeborene

Ohne jede Warnung verabreichten die Ärzte Medikamente aller Art: Psychopharmaka, Anti-Depressiva, das als Dopingmittel bekannte Epo an Frühgeborene. Immer wieder kam es zu Todesfällen, und sobald sie sich häuften, stoppten Ärzte das Experiment. So schildert es Hubert Bruchmüller, ein ehemaliger Elektromeister aus Sachsen-Anhalt, im „Spiegel“. Der Herzpatient war in der Testreihe als „Patient Nr. 030“ vermerkt. „Aufklärung bekam ich nicht, und ich musste auch nichts unterschreiben.“ Als „Patient Nr. 029“, sein Zimmernachbar in der Klinik Magdeburg, an einem akuten Herzinfarkt starb, endete der Test abrupt. Über den Tod eines anderen Patienten heißt es im Protokoll im Technokratenjargon, dass er „im Rahmen des Krankheitsverlaufs als mögliches Ereignis“ eingestuft wird.

Viele Pharmafirmen weigerten sich laut „Spiegel“ bisher standhaft, ihre „Giftkammern“ zu öffnen. Und in der Charité schaffen Gabelstapler turnusmäßig gerade die Akten aus dem Jahr 1983 weg.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.05.2013)

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