Februarkämpfe 1934: Die meisten Opfer waren Unbeteiligte

Der Historiker Kurt Bauer arbeitet an der namentlichen Erfassung aller Opfer. Unter den rund 370 Toten waren vor allem Passanten, Kinder und Alte.

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Februarkämpfe 1934 – (c) imago stock&people

Die meisten Opfer der Kämpfe im Februar 1934 waren Unbeteiligte - Passanten, Kinder oder Alte. Das zeigt eine Studie von Kurt Bauer vom Ludwig-Boltzmann-Institut für Historische Sozialwissenschaft. Er arbeitet an der namentlichen Erfassung aller Todesopfer. Die Schwierigkeit dabei: Die Bandbreite der bisher veröffentlichten Zahlen reicht von einigen hundert bis mehreren tausend Toten. "Die vorliegenden Angaben über die Opferzahlen des österreichischen Bürgerkriegs weichen stark voneinander ab", so Bauer. Denn beide Seiten - der sozialdemokratische Schutzbund und der Verband aus Bundesheer, Polizei und den teils faschistischen, regierungstreuen Heimwehren - wollten die Zahlen verändern.

Die regierungsnahe "Reichspost" veröffentlichte etwa eine Aufstellung, die 293 Opfer auf beiden Seiten zählte, gab jedoch "nicht geringe Schwierigkeiten" bei der Zählung zu - denn viele Angehörige von Schutzbund-Opfern hätten eine behördliche Meldung vermeiden wollen. Die durch das Regime von Engelbert Dollfuß ins Exil getriebenen Sozialdemokraten und Kommunisten wollten dagegen möglichst hohe Opferzahlen kommunizieren und gingen von etwa 1500 bis 2000 Toten aus.

"Auch aufseiten des Dollfuß-Regimes gab es Tendenzen, die eigenen Opferzahlen nach oben zu lizitieren", meinte Bauer. Mindestens in drei Fällen lasse sich etwa nachweisen, dass aus dem 1934 errichteten "Denkmal für die Opfer der Exekutive" auf dem Wiener Zentralfriedhof die Namen von Personen verzeichnet seien, die gar nicht an den Kämpfen teilgenommen hatten, sondern zufällig zu Opfern wurden.

"Todesopfer der Kampfparteien halten sich Waage"

In dem vom Zukunftsfonds der Republik Österreich finanzierten Forschungsprojekt "Die Opfer des Februar 1934" versucht Bauer nun, der genauen Anzahl der Opfer nachzugehen sowie eine Kollektivbiografie der Opfer zu erarbeiten. Dafür wertet er sowohl Grabsteine und Gedenktafeln, zeitgenössische Polizeiberichte, Literatur, Zeitungen und Zeitschriften, aber auch Grab- und Friedhofsverzeichnisse aus. Mitte 2014 sollen die Ergebnisse vorliegen und die Datenbank erstellt werden - eine Zwischenbilanz gibt es bereits. Demnach zählt Bauer 350 bis 370 Opfer der Februarkämpfe.

"Die Todesopfer der beiden Kampfparteien halten sich ungefähr die Waage. Die stärkste Opfergruppe stellen allerdings die Unbeteiligten, also Nicht-Kombattanten, dar, die mehr oder weniger zufällig ins Kampfgeschehen gerieten", erklärte Bauer. Ihre Zahl liegt bei 120 bis 140 Personen. Die meisten Todesopfer gab es in Wien (200 bis 220), dann folgen Oberösterreich und die Steiermark.

Grund dafür dürfte die stärkere Industrialisierung dieser Bundesländer und damit der höheren Anzahl der Arbeiter sein. "Die Februarkämpfe beschränkten sich ausschließlich auf stark industrialisierte Bezirke", so der Historiker. In Wien war die Anzahl der unbeteiligten Todesopfer besonders hoch - vor allem aufgrund der Kämpfe im dicht verbauten Gebiet. Die Schuldfrage für die vielen Opfer unter Nicht-Kombattanten sieht Bauer auf beiden Seiten gleichermaßen - Ausschreitungen ließen sich sowohl aufseiten der Regierung als auch der Aufständischen nachweisen.

Die von Bauer angelegte Datenbank wird übrigens auf der Homepage des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW) veröffentlicht.

Februarkämpfe 1934

Am 12. Februar 1934 brach der vier Tage währende Aufstand der Sozialdemokraten gegen das autoritäre Regime des christlichsozialen Bundeskanzlers Engelbert Dollfuß aus. Für die Sozialdemokraten war der Februar-Aufstand ein letzter Verzweiflungsschlag ohne Aussicht auf Erfolg. Ihr bewaffneter Flügel, der Schutzbund, war bereits kurz nach der Ausschaltung des Parlaments durch Dollfuß verboten worden, ihre letzte Machtbastion - das "Rote Wien" - wurde von der Regierung finanziell ausgehungert. Der Generalstreik misslang und der Schutzbund war der Übermacht aus Bundesheer, Polizei und Heimwehren nicht gewachsen, der Aufstand wurde blutig niedergeschlagen.

>> Website des DÖW

(APA)

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