Wilhelm von Habsburg-Lothringen: Der rote Habsburger

Er führte Säbel so geschickt wie Golfschläger, stand auf dem Schlachtfeld seinen Mann und trug ab und zu ein Frauenkleid: Wilhelm von Habsburg-Lothringen, ein vergessener Held der ukrainischen Staatswerdung.

Wilhelm von Habsburg-Lothringen
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Wilhelm von Habsburg-Lothringen
(c) Harvard Ukrainian Research Institute

Das Ende dieser Geschichte ist traurig. Es ist ein toter ukrainischer Oberst, der am 18. August 1948 eine Stunde vor Mitternacht auf dem kalten Boden eines sowjetischen Gefängnisses in Kiew liegt. 53 Jahre ist der Oberst im Zeitpunkt seines Todes alt, Vasyl' Vy?yvanyj lautet sein ukrainischer Name, doch ins Visier des berüchtigten sowjetischen Geheimdienstes Smersh ist er unter einem anderen Namen geraten: Wilhelm von Habsburg-Lothringen, Erzherzog, Heerführer der „Ukrainischen Legion“, die im Ersten Weltkrieg erbitterten Widerstand gegen die Bolschewiken geleistet hatte – und 1918 der erste Anwärter auf einen ukrainischen Königsthron, sofern es diesen jemals gegeben hätte. Ein Jahr zuvor, im August 1947, hatten die Sowjets Wilhelm am Wiener Südbahnhof mitten am Tag in ein Auto verschleppt und entführt. Die einjährige Folter und Haft sollte er nicht überleben.

 

Absage an den „Völkerkerker Habsburg“

Doch der Beginn dieser Geschichte, die der amerikanische Historiker Timothy Snyder von der Universität Yale in seinem nun auch auf Deutsch vorliegenden Buch „Der König der Ukraine“ erzählt, ist voller Hoffnung. Sie bricht mit der konventionellen Vorstellung, dass der Erste Weltkrieg eine zwangsläufige Folge der Unterdrückung der Völker im Habsburgerreich gewesen sei. Snyder, einer der profiliertesten Experten für die Neuere Geschichte Osteuropas, hält ein nuanciertes Bild für zutreffend. Das Haus Habsburg, genauer: modern gesinnte Erzherzöge wie Wilhelm, hätten früh erkannt, dass dem Nationalismus die Zukunft gehört. Wenn es denn nicht möglich war, dass all die Völker Mittel- und Osteuropas im Habsburgerreich vereint ihr Auskommen finden könnten, so sollte doch zumindest jedem der neuen Nationalstaaten ein Habsburger als konstitutioneller Monarch vorstehen. „Die Habsburger hatten die Vorstellung, sie seien fähig, alles für alle Menschen zu sein“, sagt Snyder im Gespräch mit der „Presse“. „Sie glaubten tatsächlich, alle Völker ihres Reichs zu vertreten.“

Doch dann, als junger Mann, der sich auf dem Familiensitz im heute polnischen ?ywiec (Saybusch) langweilte, weil nicht er, sondern sein Bruder Albrecht als möglicher König Polens aufgebaut wurde, rebellierte Wilhelm. Er wusste von den Konflikten zwischen Polen und Ukrainern, die man damals Ruthenen nannte und die seit jeher nur die Wahl hatten, von polnischen Lehensherren oder kriegerischen Tataren unterjocht zu werden. Und er empfand, schreibt Snyder, „subversive Sympathie für die Ukrainer“. Ohne Wissen des Vaters reiste Wilhelm mit 17 inkognito zweiter Klasse in die Karpaten, lernte ukrainische Bauern kennen und huzulische Jäger – und wurde Ukrainer. „Der rote Prinz“ wurde er genannt, weil er sich Robin-Hood-haft für die Rechte der Landbevölkerung einsetzte.

1918, als die kurzlebige Ukrainische Volksrepublik ausgerufen wird, machte Wilhelm sich berechtigte Hoffnungen, zum Hetman, zum Fürsten des neuen Staates, zu werden. Der Sieg der Roten Armee verhinderte das – so wie 27 Jahre später, als das Entstehen einer unabhängigen Ukraine in den Wirren zu Ende des Zweiten Weltkriegs nicht undenkbar war.

 

Das war kein moderner Mensch

Was in den drei Jahrzehnten dazwischen liegt, kann hier nur kurz umrissen werden, es klingt wie ein überdrehtes Filmskript. Nach dem Untergang Habsburgs musste Wilhelm das neue, ihm fremde Österreich verlassen, tingelte zwischen Madrid, Paris und der Côte d'Azur herum, vertraute sich in seiner Suche nach Financiers für einen Umsturz in der Ukraine Faschisten aller Länder an, geriet in Paris in eine hochnotpeinliche Betrugsaffäre und leistete zuletzt wertvolle Dienste im Widerstand gegen die Nazis. Er frequentierte Schwulenbordelle, manchmal auch in Damenkleidern, und scherte sich wenig darum, wie ihn die Welt sah. Wer war Wilhelm also? „Er war auf eine Art maßlos, die für normale Menschen unmöglich war“, sagt Snyder. „Weil er ein Habsburger Erzherzog war, hatte er kein Gefühl dafür, unrecht zu haben, wie wir das tun. Er war nicht nachdenklich, nicht berechnend. Er war kein moderner Mensch in dem Sinn, dass er Mittel und Zwecke einander gegenüberstellte. Er glaubte eher daran, dass alle guten Dinge in einer Art von Melange zusammengebracht werden könnten.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2009)

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