Alfred Maleta: Der Sprung aufs Podest misslang

Vor zwanzig Jahren starb eine Schlüsselfigur heimischer Politik: Alfred Maleta, in seiner besten Zeit einer der mächtigsten ÖVP-Politiker. Als Nationalratspräsident „zweiter Mann im Staat“.

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(c) APA (Archiv Olah)

Er war eine innenpolitische Schlüsselfigur der Sechziger- und Siebzigerjahre, danach lebte er lange im „Ausgedinge“ und vor zwanzig Jahren ist er 84-jährig gestorben. Da hatte ihn die Öffentlichkeit schon fast vergessen: Alfred Maleta, in seiner besten Zeit einer der mächtigsten ÖVP-Politiker. Als Nationalratspräsident „zweiter Mann im Staat“. Dreimal hatte er eine Kandidatur für die Hofburg angestrebt, dreimal hatte die Partei andere Bewerber vorgezogen. Ein Affront, den der reiche oberösterreichische Zeitungsmitbesitzer nie verwinden sollte.

Am 14.Februar1962 stand der einstige Heimwehr-Mann und dem KZ Entkommene auf dem Gipfel seiner Laufbahn. Mit 127 Stimmen (gegen eine bei elf Enthaltungen) hatten ihn die Abgeordneten zum neuen Präsidenten und damit zum Nachfolger Leopold Figls gewählt. Es sollte das höchste Staatsamt bleiben. Sein Ehrgeiz strebte zwar noch Höherem, aber er verkannte seine Beliebtheit in der eigenen Partei.

1906 in Mödling geboren, wächst der Beamtensohn in Oberösterreich auf; mit 28Jahren wird der promovierte Jurist Sekretär der ständestaatlichen Linzer Arbeiterkammer. Sein Weltbild hat er sich schon während des Studiums in der CV-Verbindung „Carolina“ gebildet. Er gilt als Sozialreformer, macht sich als christlichsozialer Arbeitnehmervertreter einen guten Namen – und wird folgerichtig 1938 von den Nazis in das Konzentrationslager Dachau gesteckt. Im KZ Flossenbürg lernt Maleta die Patrioten der anderen Seite kennen: Probst, Olah, Hillegeist. Die Freundschaft sollte ein ganzes Leben lang währen. Aus der Hölle des KZ gibt es Freiheit auf Bewährung. Die vier Jahre als Soldat in einem „Strafbataillon“ überlebt Maleta wie durch ein Wunder.

Und 1945 tritt eine Wende in Maletas unscheinbarer Laufbahn ein. Er hilft mit, die oberösterreichische Volkspartei zu gründen, übernimmt die Führung des AAB im Land und zieht ins erste frei gewählte Parlament ein. Das Glück ist noch nicht vollkommen: 1946 ehelicht er Gerda Scheid, deren Vater Mitbesitzer der „Oberösterreichischen Nachrichten“ ist. Die alliierte Lizenz für eine Tageszeitung ist in diesen Jahren eine stetig sprudelnde Geldquelle. Merkwürdig kontrastiert der Reichtum Maletas mit seinem Anspruch, einfache Arbeitnehmer zu vertreten.

Der „Mann der ersten Stunde“ hat nun in der Volkspartei merklich Gewicht. Geliebt wird er dafür nicht. 1948 organisiert er in seiner Villa in Oberweis die erste skandalumwitterte Aussprache Julius Raabs mit ehemaligen NS-Größen („Meine Herren, i' war nie a Demokrat“). Es ist der Versuch, die Ex-Nazis von der Gründung einer eigenen Partei abzuhalten, sie womöglich in die Volkspartei zu integrieren. In der Steiermark laufen ähnliche Versuche unter der Ägide Alfons Gorbachs. In Kärnten gelingt es eher den Sozialisten, die „Ehemaligen“ mit neuen Parteibücheln auszustatten.

 

Mehr General denn Sekretär

1951 holt ihn die Partei als neuen starken Mann ins Generalsekretariat nach Wien. Nicht unbedingt zur reinen Freude Julius Raabs. Der niederösterreichische Patriarch wollte eher einen willfährigen Sekretär, aber das ist nicht Maletas Art. Er fühlt sich intellektuell haushoch überlegen. 1953 übernimmt er auch noch den Klubvorsitz im Nationalrat.

Nüchtern analysiert er dort die Schwächen und Blößen, die sich der sozialistische Koalitionspartner leistet; er liebt geistige Ordnung und strenge Logik, seine Reden sind nicht vergleichbar mit heute gebräuchlichen Luftblasen.

Manchen in der Partei wird der Emsige freilich allzu mächtig, denn „sein“ ÖAAB hat sich zu einem einflussreichen, auch ideologisch ernst zu nehmenden Bund gemausert. 1960 geht Maleta als Generalsekretär nach heftigem Krach. Nachfolger wird der Rivale Hermann Withalm. Ein neuerlicher Affront.

 

Einfach: „Der Präsident“

Von 1962 bis 1970 verleiht Alfred Maleta dann der Funktion des Nationalratspräsidenten ein Ansehen, von dem auch noch die Nachfolger zehren können. Er ist ein rarer Rufer zur Staatsordnung, er hält in kritischen Situationen einsam die Stellung: 1970 verlieren wegen einer Wahlanfechtung seine beiden Stellvertreter im Präsidium für einige Zeit ihre Mandate, und Maleta hat sämtliche Sitzungen allein zu leiten. Er steht nun tatsächlich nur einen kleinen Schritt hinter dem Bundespräsidenten (Jonas).

1971 wird der Ex-Außenminister Kurt Waldheim von der ÖVP als Gegenkandidat zum amtierenden Bundespräsidenten Franz Jonas aufgestellt. Ein schwerer Missgriff, wie Maleta findet. Waldheim verliert denn auch recht klar gegen den Amtsinhaber. 1974 – Jonas ist an Krebs gestorben – sucht die Partei neuerlich einen Kandidaten. Maleta macht sich Hoffnungen, aber der Innsbrucker Bürgermeister Lugger wird nominiert – und verliert klar gegen Rudolf Kirchschläger. Maleta hat das kommen gesehen. Aber man hat wieder einmal auf ihn, den einzigen repräsentablen Mann, vergessen.

Mit 26 Prozent Anteil an der „J. Wimmer GesmbH und Co KG“ (Zeitung, Druckerei, Offset- und Buchdruck) zieht sich Maleta aus allen Ämtern grollend zurück. Nur ein Mal noch meldet er sich aus der unfreiwilligen Pension zurück.

 

Giftbrief gegen Waldheim

Am 22. Februar 1985 richtet er ein dreiseitiges Schreiben an Parteichef Alois Mock, das hier erstmals veröffentlicht wird. Immer öfter höre er, schreibt Maleta, dass der 1971 gescheiterte Kandidat Kurt Waldheim neuerlich für die Hofburg ins Spiel gebracht werde. Ja, sogar vom Friedensnobelpreis sei die Rede. Maleta: „Durch welche Verdienste hat Waldheim eigentlich einen Anspruch auf den Friedensnobelpreis erworben? Etwa als Generalsekretär der UNO? In dieser Funktion war er wohl unter all seinen Vorgängern und Nachfolgern die farbloseste Persönlichkeit. Seinen Friedensbeitrag muss man wohl mit der Laterne suchen. Ich werde auch seine Bitte nie vergessen, wir mögen ihn im Ministerium nicht per Du ansprechen, damit seine Mitarbeiter ihn dort nicht für einen CVer oder MKVer halten. Seitdem ist er bei mir ,unten durch‘ und in meinen Augen ein reiner Karrierist...“

Und als Präsidentschaftskandidat? „...halte ich ihn für den Staat als das ungeeignetste Oberhaupt in einer kritischen Situation. Bei einem gesteigerten Machteinfluss der Sowjets in Österreich würde er zwar sicher formal als Bundespräsident weiterwirken, aber geschmückt mit dem Lenin-Orden oder dem Orden der Roten Fahne...“ Sollte Mock nicht auf ihn, Maleta, hören, dann würden „meine Zeitung und ich“ den Mann auf keinen Fall publizistisch unterstützen, droht er unverhohlen.

Half alles nichts. Waldheim gewann, Maleta schmollte. Mehr als der Platz zwei im Staate war ihm nicht vergönnt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2010)

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