Spendenaffäre: Aufstieg und Fall des Viktor Müllner

In den Sechzigerjahren dominierte ein Mann Niederösterreichs Politik. Der „Müllner-Skandal“ als Fallbeispiel für „angewandte Parteipolitik“ anno dazumal.

Es war ein unglaubliches Leben. Zweimal hat der Mann alles verloren, einmal bangte er ums nackte Leben. Dazwischen wieder ein Dasein in Saus und Braus, in Glanz und Gloria. Zuletzt ein Tod in totaler Vergessenheit und Mittellosigkeit. Der Name Viktor Müllner ließ Mächtige in dieser Republik erzittern. Er verschonte auch die eigene Partei, die ÖVP, nicht. Die Sozialisten im Land unter der Enns ließ er seine Allmacht schmecken. Seine Partei-„Freunde“ aber auch.

Viktor Müllner. Heute ein weitgehend unbekannter Name. Doch in den Sechzigerjahren ein respektierter, ja gefürchteter: ÖVP-Landeshauptmann-Stellvertreter von Niederösterreich, Generaldirektor der mächtigen Gas- und Stromversorger „Niogas“ und „Newag“. Landesobmann des ÖAAB, Bankdirektor – und schließlich Auslöser eines Parteispenden-Skandals, der die Volkspartei erbeben ließ.

Trotzdem: Das ist nur ein Teil im Leben dieses Mannes, der in guten Zeiten hofiert, aber nie geliebt wurde. Dazu gab er sich zu schroff, dazu war er zu ehrgeizig und zu machtbesessen.

Der Lehrer aus Sankt Pölten spielte schon in der Zwischenkriegszeit bei der „Vaterländischen Front“ eine Funktionärsrolle. Dafür rächten sich 1938 die Nazis. Er kam – damals 35 Jahre alt – ins KZ Mauthausen, in dem tausende Unglückliche durch Arbeit zu Tode geschunden wurden.

Dort lernte er einen politischen Gegner kennen, dem er bis ans Lebensende verbunden blieb: Der Sozialist Franz Olah schaffte nach Kriegsende einen ähnlich schwindelerregenden politischen Aufstieg (in der SPÖ), dem ebenfalls der Sturz ins Nichts folgen sollte.

 

Ein Vater des Wirtschaftswunders

Davon ahnten beide 1945 noch nichts. Sie hatten mit viel Glück überlebt. Diese „Männer der Stunde null“ schufen sich unschätzbare Verdienste um den Wiederaufbau des Landes. „Ohne Müllners Zutun wäre das Trümmerfeld Niederösterreich nach dem Russenabzug nie so rasch wieder auf die Beine gekommen“, urteilte einmal sein liberaler Freund Herbert A. Kraus, der 1949 den VdU, die Vorläufervereinigung der FPÖ, schuf.

 

Das „Königreich Müllner“

Als die sowjetische Besatzungsmacht 1955 das Land verließ, kam es zum Tauziehen, wem die riesigen Gasvorkommen gehören sollten – dem Bund oder dem Land Niederösterreich. Müllner, der schon bald Landesfinanzreferent geworden war, „siegte“. Er gründete einfach die „Niogas“ und ließ in Amstetten das E-Werk kurzerhand besetzen, um auch den Anspruch auf den Stromversorger „Newag“ zu sichern. Der große Konzern stand nun in 100-Prozent-Besitz des Landes, Müller „regierte“ als Generaldirektor. In dieser Zeit baute er nicht nur die Konzernzentrale in Maria Enzersdorf, sondern die für damalige Verhältnisse einmalige „Südstadt“ als eigenen Ortsteil. Es war ein internationales Vorzeigeprojekt modernen Städtebaus.

 

Landesgeld wurde umgelenkt

Der Mächtige ließ sich nicht ungern hofieren, schließlich sorgte er auch für „seinen“ ÖAAB finanziell. Bei der kleinen „Conti“-Bank, die ihm gehörte, deponierte er Landesgeld zu niedrigem Zinssatz. Die Superzinsen leitete er in die Kasse der nö. ÖVP. 46 Millionen Schilling waren's insgesamt. Staatliche Parteifinanzierung gab es noch nicht. Die Sozialisten nutzten die verstaatlichte Industrie und den ÖGB als Goldesel, die Volkspartei musste sich anderweitig umsehen.

 

Zum zweiten Mal in Haft

Doch der Rechnungshof wurde aufmerksam. Am 15.Dezember 1966 ließ die Staatsanwaltschaft den mächtigen Landesfürsten verhaften. Erst nach viereinhalb Monaten U-Haft setzte man ihn gegen Kaution auf freien Fuß. Im Mai 1968 fand ein zwanzig Tage dauernder Sensationsprozess statt. Und – auch hier eine merkwürdige Parallele zur Biografie Franz Olahs – der Richter hieß Walter Melnitzky. Er hatte auch Olah verurteilt.

Das Müllner-Urteil: Vier Jahre schwerer verschärfter Kerker wegen Amtsmissbrauchs (als Landesrat) und Untreue (als Generaldirektor). Da hatte sich die Volkspartei schon von ihrem „fördernden Mitglied“ getrennt. Sie vergaß sehr rasch, dass Müllner mit seiner Personalpolitik dem nö. AAB erst zu einer Stärke verholfen hatte, von der er noch heute zehrt.

 

Mittellos – alles gepfändet

Aber Müllner blieb auf freiem Fuße – Haftunfähigkeit. Für den Schwerkranken folgten Jahre unglaublicher Erniedrigung. Sogar der Inhalt seiner Sakkotaschen wurde gepfändet; eine Zeitlang soll der einst so Reiche auf dem Fußboden gesessen sein, weil ihm das Mobiliar weggenommen wurde. Bis zuletzt kämpfte der kranke Müllner mit Zähigkeit um das wenige, das ihm blieb, letztlich wurde ihm seine Lehrerpension bewilligt.

Es war ein Stück Nachkriegsgeschichte, das mit Viktor Müllner am 10.Juli 1988 – seinem 86.Geburtstag – am Friedhof in Hinterbrühl beigesetzt wurde.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2010)

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