Krieg trotz versöhnlicher Lincoln-Rede

Trotz des blutigen Bürgerkrieges strebte Präsident Abraham Lincoln die Versöhnung mit dem Süden an. Nach dem Attentat auf Lincoln und dem Sieg über den Süden setzten sich im Norden die radikalen Republikaner durch.

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Krieg trotz versöhnlicher Lincoln-Rede – Lincoln schwört den Eid auf die Verfassung (c) AP

Am 4. März 1861 wurde Lincoln als 16. Präsident der USA vereidigt, den Amtseid nahm ihm derselbe höchste Richter Roger B. Taney ab, der 1857 das verhängnisvolle Dred-Scott-Erkenntnis zur Ausdehnung der Sklaverei verkündet hatte. Lincolns Inaugurationsrede war gemäßigt und versöhnlich. Er sah keinen Grund für die Sezession des Südens, auch wollten er und seine Partei weder direkt noch indirekt die Institution der Sklaverei in den Staaten zu Fall bringen, wo sie existierte.

Aber eine Auflösung der Union sei unmöglich, denn sie sei aufgrund der Verfassung "für immer geschaffen", daher seien Anordnungen zur Sezession bedeutungslos, betonte Lincoln. Die nationale Regierung übe keinerlei Zwang auf einzelne Personen oder Einzelstaaten aus, es werde keine Invasion im Süden geben und auch keine Gewaltanwendung - es werde nur für die Durchführung der Gesetze gesorgt. Es werde also keinen Krieg geben, außer der Süden verletze Bundesgesetze.

Die "augenblickliche Frage eines Bürgerkrieges" liege nicht in seinen Händen, sondern in jenen von "unzufriedenen Landsleuten", sagte Lincoln. Damit hatte er nach Ansicht amerikanischer Historiker taktisch geschickt den Süden in eine Position manövriert, die Verantwortung für Krieg oder Frieden zu tragen.

Lincoln konnte den Ausbruch des Bürgerkriegs mit seinen Worten aber nicht verhindern. Am 12. April 1861 erfolgte der Angriff von Batterien der Südstaaten auf das von Bundestruppen gehaltene Fort Sumter in Charleston (South Carolina). Dieser Angriff ermöglichte es dem Norden, statt der umstrittenen Sklavenfrage jene der Einheit der Union in den Vordergrund zu rücken, sodass der Konflikt zu einer Mischung von Bürgerkrieg und nationalem Einigungskrieg wurde.

In Lincolns Augen war das Vorgehen der Südstaaten lediglich ein "bewaffneter Aufstand" gegen eine unauflösliche bundesstaatliche Verfassungsordnung. Deshalb wurden die Südstaaten nie als kriegsführende Macht anerkannt und von Lincoln nie als Verhandlungspartner in Betracht gezogen. Und so wurde bis Kriegsende an der Forderung nach bedingungsloser Kapitulation des Südens festgehalten.

Sklavenbefreiung als spätes Kriegsziel

Lincolns Hauptaufgabe während des Krieges war es, ein Gleichgewicht zwischen die Sklavenbefreiung anstrebenden radikalen Republikanern und den Konservativen zu finden, denen in erster Linie die Wahrung der Union am Herzen lag. So verkündete er erst im September 1862 - über ein Jahr nach Ausbruch des Krieges - die Sklavenemanzipation. Sie trat am 1. Jänner 1863 in Kraft und wurde erst in Lincolns berühmter Rede auf dem Schlachtfeld von Gettysburg (Pennsylvania) im November 1863 zum Kriegsziel erhoben. Nach dem Krieg wurde die Befreiung der Sklaven in einem Verfassungszusatz bestätigt, doch blieben die ihnen ebenfalls im Jahr 1866 zugesprochenen Bürgerrechte bis Mitte des Zwanzigsten Jahrhunderts nur auf dem Papier.

Der im Jahr 1864 unter dem Eindruck des bevorstehenden militärischen Sieges der Nordstaaten wiedergewählte Lincoln hielt an milden Bedingungen für eine Wiederaufnahme der abgefallenen Südstaaten fest. So sollten alle Südstaatler, die einen Loyalitätseid leisteten, eine Amnestie erhalten. Die dortigen Regierungen würden anerkannt, wenn mindestens ein Zehntel der Wähler von 1860 diesen Eid leisteten und die Sklavenbefreiung billigten.

Lincoln erliegt Attentat

Damit hätte Lincoln eine Versöhnung zwischen Nord- und Südstaaten erreichen können. Doch am 14. April 1865, fünf Tage nach der Kapitulation der Hauptarmee der Südstaaten unter Robert Lee, wurde Lincoln im Ford-Theater von Washington von dem fanatischen Südstaatler John Wilkes Booth durch Pistolenschüsse schwer verletzt, er erlag den Verletzungen einen Tag später.

Lincolns Nachfolger Andrew Johnson scheiterte mit dem Versuch, das Programm des ermordeten Präsidenten umzusetzen. Der US-Kongress beschloss eine radikale Umgestaltung der Wirtschaftsstruktur des Südens der USA und erließ mehrere Gesetze, um die Südstaatler in ihrer politischen Handlungsfreiheit einzuschränken. Damit wurde die Spaltung der USA weiter einzementiert. Während die Führungsrolle des Nordens nun außer Zweifel stand, war der Süden durch den Krieg ruiniert worden. Zwei Drittel des Vermögens der Südstaaten und zwei Fünftel seines Viehbestands waren zerstört, die Bedeutung des Baumwollsektors sank durch Einfuhren aus Ägypten und Indien.

(APA)

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