Die gewonnene Sau sah Figl nie

Der frühere Bundeskanzler und Außenminister, Leopold Figl, war begeisterter Jäger. 1960 wettete er mit Sowjetführer Nikita Chruschtschow, wessen Kukuruz besser sei.

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(c) APA (OEVP / RENATE APOSTEL)

Leopold Figl, der legendäre erste Bundeskanzler nach 1945, war körperlich nicht gerade robust. Er litt an einer Verletzung der Niere, die ihm durch die Prügelstrafe in der KZ-Haft zugefügt wurde. Gegen die Schmerzen half dem Bauernsohn aus Rust im Tullnerfeld ein angebliches Hausmittel: Alkohol. Aber nicht nur für seine Trinkfestigkeit ist der Patriot der ersten Stunde in die Geschichtsbücher eingegangen. Er war auch passionierter Jäger. Gehörte also jenem seltsamen Männerzirkel an, der winters seine späteren Opfer liebevoll füttert, damit er ihre Zahl dann ordentlich „reduzieren“ kann.

 

Figl-Witze wurden gesammelt

Im Kral-Verlag hat Klaus Neuberger nun den zweiten großformatigen Band über prominente Jäger herausgebracht. Meistens handelt es sich um Adelige, die sich ja gern als „Forstwirte“ kleiner machten, als sie waren. Über Leopold Figl finden wir einige Anekdoten und Jagdgeschichten, die freilich wenig Zeitgeschichtliches hergeben. So hatte der vielbeschäftigte Politiker Franz Graf Meran beauftragt, sämtliche neuen Figl-Witze zu sammeln und ihm nach Wien zu schicken. Einer lautete: „Salzburg ist ein Regenloch, Knittelfeld ein Windloch, und der Figl ist – Bundeskanzler.“

Figls Jagdlust kompensierte den permanenten Termindruck eines Spitzenpolitikers. Er schoss Gemsen in Tirol, Rebhühner am Wagram, Hasen im Tullnerfeld. Und hier in Rust, wo er auf dem elterlichen Bauernhof aufwuchs, empfing er 1960 den mächtigen Sowjetführer Nikita Chruschtschow bei dessen Österreichbesuch.

Die „Kukuruzwette“ ist legendär geworden: Chruschtschow behauptete, russischer Mais bringe zehnmal mehr Ertrag als der österreichische. Figl wettete um ein Zuchtschwein. Das wurde von beiden Seiten äußerst ernst genommen. Figls Bruder, der den Bauernhof führte, studierte sogar in Ungarn das russische Saatgut, und ein sowjetischer Agrarexperte der Botschaft in Wien kontrollierte das von den Russen angelegte Feld in Rust. Im Oktober 1961 prüften Figl und Sowjet-Botschafter Avilow mit Experten beider Staaten den Ertrag der Ernte und kamen zu dem Ergebnis, dass der russische Mais dem österreichischen gleichwertig war. Figl hatte glatt gewonnen – das Schwein sah er nie. Man machte daraus aber keine diplomatischen Verwicklungen.

 

Das Figl-Museum im Tullnerfeld

Die berühmte Bauernstube gibt es noch. Aber für den größten Sohn des Tullnerfeldes wurde auch ein Museum eingerichtet: 1984 zunächst in zwei Räumen des alten Volksschulgebäudes. Durch die Übersiedlung des Kindergartens in ein neues Gebäude wurden weitere Räume frei, sodass im Jahre 1992 mit Unterstützung des Bundes und des Landes eine wesentliche Erweiterung des Figl-Museums vorgenommen werden konnte. Gegen Voranmeldung bei der Marktgemeinde Michelhausen (02275/5241) kann es besichtigt werden.

Aber der Figl-Clan ist beileibe nicht museal. Allein sechs Figls (darunter auch einen Leopold) findet man auf der Homepage der Freiwilligen Feuerwehr von Michelhausen im Tullnerfeld. Und ein Großneffe ist in Wien politisch tätig.


Klaus Neuberger
Tolle Zeiten & Große Jäger (2. Band)
Kral-Verlag, 319 Seiten Großformat, 49,90 €

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.06.2011)

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