Vor 70 Jahren: Das NS-Regime organisiert die Vernichtung der Juden

Die Einladung lautete auf eine „Besprechung mit anschließendem Frühstück“. Sicherheitschef Reinhard Heydrich zitierte für den 20. Jänner 1942 führende Funktionäre des NS-Regimes in eine Villa am Wannsee bei Berlin. Die „Besprechung“ ging als Sinnbild für die bürokratisch geplante Vernichtung der Juden Europas in die Geschichte ein.

Von Maria Kronbichler(c) Arnd Wiegmann / Reuters

Der genaue Verlauf und Zweck der Konferenz ist nach wie vor unter Historikern umstritten. Nach dem Krieg ging man zunächst davon aus, dass auf dem Treffen die „Endlösung“ beschlossen worden war. Doch die Massenmorde an Juden hatte zum Zeitpunkt der Konferenz bereits begonnen.(c) REUTERS (Thomas Peter / Reuters)

SS-Einsatzgruppen hatten hinter den Wehrmachtslinien im Osten schon mehr als eine halbe Million Juden ermordet; am 8. Dezember 1941 ging im polnischen Chelmno (Kulmhof) die erste große Mordfabrik der Nazis „in Betrieb“.(c) Fabrizio Bensch / Reuters

Konferenz-Leiter Heydrich war die rechte Hand von SS-Führer Heinrich Himmler. Er hatte von Hitler-Stellvertreter Hermann Göring den Auftrag, „alle erforderlichen Vorbereitungen in organisatorischer, sachlicher und materieller Hinsicht zu treffen für eine Gesamtlösung der Judenfrage im deutschen Einflußgebiet in Europa.“ (Schreiben vom 31.7. 1941). Am Wannsee besprach Heydrich mit den 14 weiteren Teilnehmern - Vertreter der Reichsministerien und der SS - die Zuständigkeit und Zusammenarbeit bei der weiteren Durchführung der "Endlösung".(c) REUTERS (© Arnd Wiegmann / Reuters)

Im Ergebnis-Protokoll der Konferenz ist vermerkt: „Im Zuge dieser Endlösung der europäischen Judenfrage kommen rund 11 Millionen in Betracht“. Diese sollten „in geeigneter Weise im Osten zum Arbeitseinsatz kommen.“(c) REUTERS (© Arnd Wiegmann / Reuters)

Protokoll

„In großen Arbeitskolonnen, unter Trennung der Geschlechter, werden die arbeitsfähigen Juden straßenbauend in diese Gebiete geführt, wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird."(c) AP

Protokoll

"Der allfällig endlich verbleibende Restbestand wird, da es sich bei diesem zweifellos um den widerstandsfähigsten Teil handelt, entsprechend behandelt werden müssen, da dieser, eine natürliche Auslese darstellend, bei Freilassung als Keimzelle eines neuen jüdischen Aufbaues anzusprechen ist. (Siehe die Erfahrung der Geschichte). Im Zuge der praktischen Durchführung der Endlösung wird Europa vom Westen nach Osten durchgekämmt.“(c) EPA (Reproduction)

Gegen Ende des Protokolls heißt es: „Abschließend wurden die verschiedenen Arten der Lösungsmöglichkeiten besprochen“. Protokollführer Adolf Eichmann erklärte fast zwanzig Jahre später in seinem Prozess in Israel: „Da sind die verschiedenen Tötungsmöglichkeiten besprochen worden.“ Darüber hätten die Teilnehmer in „sehr unverblümten Worten“ gesprochen. An Details wollte sich der damalige „Judenbeauftragte“ aber nicht mehr erinnern können.(c) AP

Eichmann sagte aus, die Konferenz habe dazu gedient, den Staatsapparat auf Linie zu bringen und die Beamten als Mittäter und Mitwisser „festzunageln“. Außerdem dürfte sie Heydrich dazu gedient haben, seine Führungsrolle in der Organisation der „Endlösung“ zu betonen.(c) AP (Anonymous)

Nach Ansicht des Historikers Hans Mommsen wollte Heydrich auf der Konferenz vor allem die anwesenden Ministeriumsvertreter für die Ausweitung des Opferkreises gewinnen. Auf mehreren Seiten des Protokolls wird festgehalten, wie „Mischlinge“ ersten und zweiten Grades zu behandeln seien. Eine Einigung in diesem Punkt scheiterte aber.(c) REUTERS (© Arnd Wiegmann / Reuters)

Nach nur eineinhalb Stunden und einigen Gläsern Cognac endete die Wannseekonferenz.

Heydrich starb vier Monate später an den Folgen eines Attentats von Widerstandskämpfern in Prag. Die SS rächte sich mit einem Massaker im tschechischen Dorf Lidice. (Bild: Gedenkstätte Lidice)(c) REUTERS (PETR JOSEK)

Nach dem Krieg nutzten die Rote Armee und später die US-Armee die Villa am Wannsee, ab den 1950er Jahren war dort ein Schullandheim untergebracht. Erst 1992 wurde das Gebäude zur Gedenkstätte.

(Im Bild: Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu besucht die Gedenkstätte)(c) REUTERS (© Tobias Schwarz / Reuters)

Zum 70. Jahrestag findet hier wieder eine Konferenz statt: Historiker aus aller Welt werden am 20. Jänner in der Villa debattieren. Denn, wie es im Programm heißt: „Auch siebzig Jahre nach der 'Besprechung über die Endlösung der Judenfrage' am 20. Januar 1942 entzieht sich dieses Treffen noch immer einer einheitlichen historischen Interpretation“.(c) REUTERS (© Arnd Wiegmann / Reuters)