Belagerung von Sarajevo: 1425 Tage des Horrors

Am 6. April 1992 begann die Belagerung von Sarajevo und damit die längste Belagerung des 20. Jahrhunderts. Insgesamt 1425 Tage lang kesselten bosnische Serben die Stadt ein. 10.615 Menschen wurden in dieser Zeit getötet, darunter 1601 Kinder, rund 50.000 Menschen wurden verletzt, 10.000 gelten noch heute als vermisst.

Ein Rückblick.(c) REUTERS (� Danilo Krstanovic / Reuters)

Vorgeschichte

In Jugoslawien nahmen gegen Ende des Jahres 1991 die Spannungen zwischen den Ethnien zu. Während die Serben unter der Führung von Radovan Karadžić einen rein serbischen Staat anstrebten, wollte die bosnisch-muslimische Bevölkerung ein unabhängiges Bosnien-Herzegowina schaffen. Bei einem Referendum am 1. März 1992 stimmten 99,4 Prozent für die Autonomie der jugoslawischen Teilrepublik. Die Serben boykottierten die Abstimmung, die sie als „Kriegserklärung“ werteten.(c) REUTERS (� Danilo Krstanovic / Reuters)

Beginn der Belagerung

Hinzu kam, am selben Tag, ein Angriff durch den bosnischen Soldaten Ramiz Delalić. Er schoss auf eine Hochzeitsgesellschaft und tötete dabei den Serben Nikola Gardovic. Der Angriff gilt auf serbischer Seite als einer der Auslöser für den Bosnienkrieg.

Als die Europäische Union die Autonomie Bosnien-Herzegowinas am 6. April anerkennt, beginnt endgültig das militärische Agieren. „Bombardiert sie, bis sie wahnsinnig werden“, befiehlt der Serben-General Ratko Mladic (Bild). In der Folge wird Sarajevo eingekesselt und unter Beschuss genommen.(c) Reuters (� Ranko Cukovic / Reuters)

Auf bosnischer Seite gilt der 5. April 1992 als offizieller Beginn der Kämpfe. An diesem Tag schießen Heckenschützen vom Holiday Inn-Hotel auf Demonstranten und töten eine bosnisch-muslimische Studentin und eine Kroatin. Das Hotel war damals der Sitz der Serbisch Demokratischen Partei (SDS) von Karadžić (Bild).

Die bosnische Polizei nimmt daraufhin mehrere Serben fest. Serbische Paramilitärs stürmen die Polizeiakademie, nehmen mehrere Geiseln und erzwingen die Freilassung der mutmaßlichen Täter.(c) � STR New / Reuters

In den folgenden Monaten ziehen Verbände der Jugoslawischen Bundesarmee um die Stadt hunderte Artilleriegeschütze, Panzer und Mörser zusammen. Am 2. Mai 1992 wird über den bosniakischen-kroatischen Stadtteil Sarajevos von den bosnisch-serbischen Einheiten eine offizielle Blockade verhängt. Die Hauptausfallstraßen in die Stadt werden gesperrt.(c) � Danilo Krstanovic / Reuters

Das zweite Halbjahr 1992 und die erste Jahreshälfte 1993 bilden den Höhepunkt der Belagerung. Das Leben der Stadtbewohner findet in Kellern statt, die Wirtschaft bricht zusammen, das Wasser wird knapp, Strom gibt es kaum. Hinzu kommen Granatenangriffe: Im September 1993 sind in ganz Sarajevo 35.000 Gebäude zerstört und nahezu alle übrigen beschädigt. Die Nationalbibliothek mit tausenden Werken wird niedergebrannt, das Parlament schwer getroffen (Bild).(c) Reuters (� Corinne Dufka / Reuters)

Die Zahl der Toten steigt täglich: Vor allem Heckenschützen schießen entlang der breiten Hauptverkehrsstraße Zmaja od Bosne geradezu wahllos auf Fahrzeuge und Personen. Diese Straße erhält deswegen den Namen „Sniper Alley“. Laut dem Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien töteten die Sniper zwischen 10. September 1992 und 10. August 1994, 253 Zivilisten und 406 Soldaten. Besonders der Bereich um das Hotel Holiday-Inn erhielt den Ruf einer „Todeszone“.(c) � STR New / Reuters

Während der Belagerung schlagen täglich rund 329 Granaten in Sarajevo ein – am 22. Juli 1993 sind es sogar 3777. Am 27. Mai 1992 schlägt eine Mörsergranate in der Vase Miskina-Straße ein („Breadline Massacre“) und fordert 22 Menschenleben. Am meisten Verluste gibt es am 5. Februar 1994, als eine Granate in den Markale-Marktplatz einschlägt und 68 Menschen tötet.(c) � Peter Andrews / Reuters

Der 800 Meter lange Sarajevo-Tunnel wird Mitte 1993 fertiggestellt. Er ermöglicht es, den bosniakischen Stadtteil zu verlassen. Auch erfolgt durch ihn die Versorgung mit Lebensmitteln, Medikamenten und Waffen. Die Bewohner des serbischen Stadtteils hingegen können die Stadt nur über stark umkämpfte Wege verlassen.(c) � Chris Helgren / Reuters

Mit einer internationalen Luftbrücke versuchen deutsche, französische, britische, amerikanische und kanadische Flugzeuge die Versorgung von hunderttausenden Stadtbewohnern zu sichern. Die Brücke besteht vom 3. Juli 1992 bis zum 9. Januar 1996. Mehr als 11.312 Flügen werden absolviert, fast 126.000 Tonnen Lebensmittel nach Sarajevo gebracht.(c) Reuters (� Corinne Dufka / Reuters)

Die Verteidigung Sarajevos ist wie alles in der Stadt pure Improvisation. Oft greifen Kriminelle auf eigene Faust zur Waffe. Am 9. Februar 1994 stellt die Nato den Serben ein Ultimatum, ihre schweren Waffen im Umkreis von 20 Kilometern von Sarajevo abzuziehen.(c) Reuters (� STR New / Reuters)

Eingreifen der Nato

Am 6. Mai 1993 beschließt der UN-Sicherheitsrat die belagerten Städte Bihać, Goražde, Sarajevo, Tuzla und Žepa zur Schutzzonen zu erklären. Für die Sicherung wird die im Februar 1992 beschlossene United Nations Protection Force (Unprofor) eingesetzt, die sich aus Franzosen, Briten und kleineren Kontingenten aus etwa 20 weiteren Staaten zusammensetzt.(c) � Nikola Solic / Reuters

Am 5. August 1994 entwenden serbische Truppen schwere Waffen aus einem UN-Depot. Es kommt zum ersten Nato-Luftangriff auf serbische Truppen im Umkreis von Sarajevo. Trotzdem dringen serbische Panzer immer wieder in Stadtteile ein. Am 25. Mai kommt es zu schweren Nato-Angriffen, die serbische Seite antwortet mit einem Trommelfeuer auf die UN-Schutzzonen im ganzen Land. Zudem werden 370 UN-Soldaten als Geiseln genommen und an strategisch wichtigen Positionen angekettet, um weitere Luftangriffe zu unterbinden.(c) REUTERS (� Danilo Krstanovic / Reuters)

Im August 1995 startet die Nato die Operation Deliberate Force. Bis September werden serbische Munitionsdepots, Kasernen und Luftabwehrstellungen ausgeschaltet. Auf einen zehntägigen intensiven Lufteinsatz folgt ein Waffenstillstand. Am 14. Dezember wird der Dayton-Vertrag unterzeichnet.(c) � STR New / Reuters

Durch das Friedensabkommen wird Bosnien-Herzegowina ein Staat mit zwei Entitäten (Verwaltungseinheiten)- die bosniakisch-kroatische Föderation und die Republika Srpska. Schon zuvor hatten die bosnischen Kroaten und die Bosniaken einen Waffenstillstand vereinbart und einen Vertrag zur Bildung einer Föderation unterzeichnet.(c) REUTERS (DADO RUVIC)
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