"Eliminierung": Großbritannien veröffentlicht Geheimakten

"Vergessene Dokumente" aus der Zeit des britischen Empire sind aufgetaucht. Sie enthalten Notizen über Folterpraktiken während der Kolonialzeit und könnten zu einer Flut an Klagen führen.

In this Thursday, Feb. 23, 2012 photo, a researcher in New York opens a drawer containing some of the
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In this Thursday, Feb. 23, 2012 photo, a researcher in New York opens a drawer containing some of the
Symbolbild: Akten – (c) AP (Bebeto Matthews)

In einem geheimen Archiv des britischen Amts für Auswärtige Angelegenheiten und des Commonwealth (FCO) sind tausende „vergessene" Dokumente aus der britischen Kolonialzeit aufgetaucht. Die Akten sollen einen Einblick in Folterpraktiken und andere Verbrechen der Briten zu Zeiten des Empire geben. Nach der Unabhängigkeit der britischen Kolonien wurden die Akten nach Großbritannien gebracht. Nun sollen sie bis Ende 2013 in mehreren Paketen veröffentlicht werden. Die ersten Dokumente wurden am Mittwoch publik gemacht, berichtete der britische Sender "BBC".

Laut dem Bericht ist die Existenz der "vergessenen Dokumente" seit etwa einem Jahr bekannt, als vier an der Mau-Mau-Rebellion beteiligte Kenianer gegen die britische Regierung klagen wollten. Der Grund: Sie waren während des Aufstands gegen die britischen Siedler gefoltert worden. Großbritannien wiegelte damals ab. Aus Sicht der britischen Regierung hätten die Betroffenen die kenianische Regierung belangen sollen. Trotzdem wurde die Klage freigegeben.

Folter, Mord und Beschlagnahmung

Die Folge: Das FCO sagte zu, die rund 8800 Akten, datiert zwischen 1930 und 1970, aus 37 ehemaligen Kolonien freizugeben. Der mit der Aufarbeitung betraute Historiker Tony Badger bezeichnete die Freigabe als „lange überfällig". Er sieht im Interview mit dem „Guardian" von Mittwoch das FCO in einer „beschämenden, skandalösen" Position.

Denn die Akten sollen belegen, dass die Regierung in Großbritannien sehr wohl über die Praktiken ihrer Behörden in den Kolonien Bescheid wusste. So soll das Empire etwa in Botsuana geplant haben, Giftgas zu testen. Enthüllt wurden auch die „Eliminierung" von Aufständischen sowie Folter und Mord von Mau-Mau-Rebellen in Kenia und die Beschlagnahmung von Vieh von aufmüpfigen Kenianern.

"Die britische Regierung log"

Dass die heute vorliegenden Akten nicht vorllständig sind, sei offenkundig, heißt es im „Guardian"-Bericht. Immerhin sei die damalige Regierung darauf bedacht gewesen, belastende Dokumente zu zerstören. Umso detaillierter waren daher die Angaben zur Vernichtung der Informationen, basierend auf einer Anweisung des damals für die Kolonien zuständigen Ministers Iain Macleod.
Demnach sollte keine der Regierungen nach der Unabhängigkeit Material bekommen, das „die Regierung Ihrer Majestät beschämen könnte".

Diese Rechnung scheint nicht aufgegangen zu sein: Die rechtlichen Schritte der Kenianer könnten erst der Anfang einer größeren Klagewelle sein. Denn auch Verwandte und Überlebende eines Massakers in Malaysia planen einen Antrag auf Entschädigung, heißt es in dem Bericht. „Die britische Regierung log", sagte David Anderson, Experte für afrikanische Geschichte und Berater der Kenianer, die die britische Regierung klagten, gegenüber der BBC. „Diese Geschichte war eine koloniale Verschwörung und bürokratischer Pfusch."

(Red.)

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