Vor 50 Jahren: Israel richtet den 'Spediteur des Todes' hin

Es war das erste und bisher einzige Mal, dass Israel einen Menschen hingerichtet hat: Vor 50 Jahren, am 31. Mai 1962, starb Adolf Eichmann durch den Strang. Der Prozess gegen den NS-Verbrecher war für die Israelis „wie eine Therapie“, wie der Historiker Tom Segev sagt.(c) AP

Während der NS-Herrschaft leitet der SS-Obersturmbannführer Eichmann das Referat für „Juden- und Räumungsangelegenheiten“. Er organisiert die Deportationen aus Deutschland und den besetzten europäischen Ländern in die Vernichtungslager. Eichmann entscheidet, wer wann die Züge in welches der Konzentrationslager besteigen muss. In Auschwitz und Treblinka beobachtet er auch selbst den Massenmord in den Gaskammern.(c) EPA

Nach Kriegsende kommt Eichmann unter falschem Namen in US-Gefangenschaft, kann aber fliehen. Mit der Hilfe von Nazi-Freunden setzt er sich unter dem Namen Otto Henninger in die Lüneburger Heide ab, wo er als Holzfäller arbeitet und Hühner züchtet.(c) EPA (Daoud Mizrahi)

Im Sommer 1950 besteigt Eichmann einen Dampfer nach Argentinien. Er nennt sich nun Riccardo Klement. Einen Reisepass hat er mit Hilfe eines katholischen Bischofs vom Internationalen Roten Kreuz erhalten.(c) EPA (Cezaro De Luca)

Eichmann lässt seine Familie nach Argentinien nachkommen, arbeitet bei Mercedes-Benz – und pflegt rege Kontakte zu anderen emigrierten Nazis. "Wir haben unsere Arbeit nicht richtig getan, da wäre mehr drin gewesen", sagt er in einem Gespräch mit dem nationalsozialistischen Journalisten Willem Sassen über den Massenmord an den Juden.

(Im Bild: Eichmann-Tagebuch)(c) AP (ZOOM 77)

Große Mühe, seine wahre Identität zu verbergen, gibt sich der SS-Mann nicht. Seine Söhne werden unter dem Namen Eichmann in einer deutschen Schule eingeschrieben. Ein Sohn des NS-Verbrechers ist es dann auch, der den entscheidenden Hinweis auslöst: Die Tochter des Holocaust-Überlebenden Lothar Hermann lernt 1957 Klaus Eichmann kennen, der sich offen mit der Vergangenheit seines Vaters brüstet. Hermann informiert den hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer.(c) REUTERS (RONEN ZVULUN)

Bauer traut den deutschen Behörden nicht und gibt die Information an Israel weiter. Zwar reist daraufhin ein Agent des Geheimdienstes Mossad an - beim Anblick von Eichmanns Haus zieht er aber den Schluss, ein wichtiger Nazi könne nicht in so ärmlichen Umständen leben.(c) AP (ZOOM 77)

Erst im März 1960 schießt ein Agent heimlich ein Foto von Eichmann. Beim Vergleich mit alten Bildern wird klar: „Riccardo Klement“ ist tatsächlich der gesuchte Nazi-Verbrecher Eichmann.(c) EPA (-)

Später sollte sich herausstellen, dass bereits 1952 Hinweise auf Eichmanns Aufenthaltsort beim deutschen Nachrichtendienst und der CIA eingingen. Simon Wiesenthal (Bild) lieferte 1953 konkrete Informationen. Deutschland und die USA bleiben aber untätig.(c) EPA (Dsk)

Im April 1960 reist ein Team des Mossad nach Buenos Aires. Das Ziel: die Entführung Eichmanns vorzubereiten. Die Agenten fliegen aus verschiedenen Ländern mit falschen Pässen ein, mieten mehrere Wohnungen, wechseln häufig die Autos. Die argentinischen Behörden dürfen nichts mitbekommen. Denn ein Auslieferungsabkommen zwischen Argentinien und Israel besteht nicht.

(Bild: Skulptur zu Ehren eines der beteiligten Mossad-Agenten)(c) REUTERS (© Ronen Zvulun / Reuters)

Am Abend des 11. Mai 1960 steigt Eichmann in einem Vorort von Buenos Aires aus dem Bus und biegt in die Seitenstraße ein, die zu seinem Haus führt. Wenige Minuten von seinem Haus entfernt spricht ihn ein Mann an: „Un momentito, senor“ Dann zerren ihn drei Mossad-Agenten ins Auto und rasen davon.(c) AP (PIER PAOLO CITO)

Neun Tage wird Eichmann in einer Villa in Buenos Aires versteckt gehalten. Dann ziehen die Agenten sich und Eichmann Uniformen der israelischen Fluglinie El Al an. Sie setzen den Gefangenen unter Drogen (im Bild die verwendete Spritze) und fahren zum Flughafen, wo eine Sondermaschine der El Al wartet. Die Agenten geben Eichmann als betrunkenes Crew-Mitglied aus und bringen ihn an Bord.(c) AP

Am 21. Mai 1960 landet das Flugzeug mit Eichmann an Bord in Israel. "Das Monster trägt Handschellen!", meldet Mossad-Chef Isser Harel Ministerpräsident David Ben-Gurion.(c) REUTERS (© Ronen Zvulun / Reuters)

Rund ein Jahr später beginnt in Jerusalem der Prozess, den die ganze Welt verfolgt. Mit den Worten „Ich stehe nicht allein, mit mir stehen in diesem Moment sechs Millionen Ankläger“, eröffnet Generalstaatsanwalt Gideon Hauser das Verfahren. Eichmann ist wegen Verbrechen gegen das jüdische Volk, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und Mitgliedschaft in einer verbrecherischen Organisation angeklagt. Hauser bezeichnet ihn als „Spediteur des Todes“.(c) Israel Government Press Office

15 Jahre nach Kriegsende bekommen die Opfer des Holocaust erstmals ein Gesicht und eine Stimme. Über hundert Überlebende berichten über Vernichtungslager, Gaskammern, Erschießungen, Massengräber. Ein Vater erzählt im Gerichtssaal, wie seine Frau und seine Kinder zur Gaskammer geführt wurden. Seine dreijährige Tochter trug einen roten Mantel, der rote Fleck wurde kleiner und kleiner. Das war das Letzte, was er von seiner Familie sah.(c) AP

Eichmann verfolgt die Aussagen mit unbewegter Miene von einer Panzerglas-Zelle aus. Er bekennt sich „im Sinne der Anklage nicht schuldig“. Er habe nur Befehle befolgt und sei ein „winziges Schräubchen“ gewesen.



--> Videos des Prozesses(c) AP (STR)

Am 15.12. 1961 verurteilt das Jerusalemer Bezirksgericht den Angeklagten zum Tode. Eichmanns Berufung scheitert, am 31. 5. 1962 wird auch sein Gnadengesuch abgelehnt. Kurz vor Mitternacht wird er in den Hinrichtungsraum des Gefängnisses von Ramleh geführt. Eichmanns letzte Worte: „In einem kurzen Weilchen, meine Herren, sehen wir uns ohnehin alle wieder. Das ist das Los aller Menschen. Gottgläubig war ich im Leben. Gottgläubig sterbe ich.“ Eichmanns Leichnam wird verbrannt und ins Meer gestreut.(c) Israel Government Press Office

Die Autorin Hannah Arendt prägte nach dem Eichmann-Prozess den Begriff der „Banalität des Bösen“. Neuere Quellen, vor allem Eichmanns Memoiren, würden dieses Bild widerlegen, sagt der Historiker Tom Segev vor dem 50. Jahrestag der Hinrichtung gegenüber der Nachrichtenagentur dpa: „An Eichmann war nichts banal, der war sehr ideologisch und wollte die Juden ausrotten“.

Von Maria Kronbichler(c) Associated Press (HO)