Watergate: Es begann mit einem ''drittklassigen Einbruch''

Ein Klebeband an einer Tür brachte vor mehr als 40 Jahren den größten Politskandal in der Geschichte der USA ins Rollen. „Watergate“ drehte sich um Machtmissbrauch, Wahlkampfmanipulation, Verschwörung und Vertuschung und brachte schließlich sogar Präsident Richard Nixon zu Fall.

(Von Maria Kronbichler)(c) AP

In der Nacht auf den 17. Juni 1972 entdeckt der Wachmann Frank Wills bei seinem Rundgang im Gebäudekomplex Watergate in Washington eine Tür zum Treppenhaus, die durch ein Klebeband am Zufallen gehindert wird. Er ruft die Polizei, die fünf Einbrecher im Hauptquartier der Demokraten erwischt. Die Männer tragen Anzüge und Gummihandschuhe. Und sie haben Abhörausrüstung bei sich.Wikipedia/Indutiomarus

Die Einbrecher schweigen zunächst und geben falsche Namen an. Bei der Kautionsverhandlung weist sich dann einer von ihnen als James McCord aus. Beruf: ehemaliger Mitarbeiter der CIA. Im Gerichtssaal wird Bob Woodward (Bild rechts), Reporter bei der Washington Post, hellhörig. Er klemmt sich fortan mit seinem Kollegen Carl Bernstein (Bild links) hinter den Fall.(c) AP

Wie sich herausstellt, hat der Einbrecher McCord nicht nur eine CIA-Vergangenheit, sondern ist auch Sicherheitskoordinator des Wiederwahlkomitees von Präsident Richard Nixon. In den Adressbüchern (Bild) von zwei weiteren Einbrechern findet sich die Telefonnummer von Howard Hunt, Mitarbeiter im Büro von Nixon-Berater Charles Colson.Gerald Ford Library

Das Weiße Haus kommentiert die Affäre knapp: Watergate sei nichts als ein „drittklassiger Einbruch“.(c) EPA (MICHAEL REYNOLDS)

Woodward und Bernstein finden heraus, dass einer der Einbrecher Geld aus dem Nixon-Wahlkampf erhalten hat. Schließlich enthüllen die Journalisten die Existenz eines Geheimfonds des Wiederwahlkomitees über 300.000 Dollar.(c) AP

Der Geheimfonds dient zum Kampf gegen die Opposition und sonstige „Feinde“ Nixons. Die Methoden: ausspionieren, abhören, verleumden, falsche Infos an Medien lancieren, Provokateure unter Demonstrationen mischen.

(Bild: Lippenpflegestift mit versteckten Mikrofonen, Beweismittel im Prozess gegen die Watergate-Einbrecher)Gerald Ford Library

Bei den Recherchen bekommt Woodward Unterstützung von einer Quelle, die als „Deep Throat“ in die Geschichte eingehen wird. Der Insider trifft sich stets nachts in einem abgelegenen Parkhaus mit dem Journalisten, die Treffen werden durch das Verrücken eines Blumentopfs auf dem Balkon und Markierungen in einer Zeitung vereinbart.

(Bild: Watergate-Hotel)(c) REUTERS (© Reuters Photographer / Reuters)

Trotz der Enthüllungen rund um das Wiederwahlkomitee schafft es Nixon im November 1972, sein Amt gegen den Kandidaten der Demokraten, George McGovern, zu verteidigen. Doch in den folgenden Monaten zieht sich die Schlinge immer enger zu. Mehreren engen Mitarbeitern des Präsidenten wird vorgeworfen, in die umfangreichen Spionage- und Sabotageaktionen und in den Versuch, diese zu vertuschen, verwickelt zu sein.(c) AP

Im Februar 1973 beschließt der Senat, eine Watergate-Untersuchung einzuleiten. Nixon verspricht volle Aufklärung und versichert, er selbst habe mit der Affäre nichts zu tun. Im April gibt er den Rücktritt seiner Berater John Dean und John Ehrlichman (Bild), sowie von Stabschef Bob Haldeman und Justizminister Richard Kleindienst bekannt.(c) EPA (Stf)

Dean sagt im Juni 1973 vor dem Ausschuss detailliert über den Spionage-Skandal aus. Er belastet Nixon schwer: Bei mindestens 35 Gelegenheiten habe er mit dem Präsidenten über die Vertuschung gesprochen.

(Bild: Senator Fred Thompson bei einer Ausschuss-Anhörung)(c) AP (Anonymous)

Im Zuge der Untersuchungen stellt sich heraus, dass in mehreren Räumen des Weißen Hauses Gespräche automatisch aufgezeichnet werden. Nach erbittertem juristischem Streit muss Nixon die Tonbänder schließlich herausgeben. Sie beweisen seine Verstrickung in den Skandal. Auf dem so genannten „Smoking Gun"-Tonband ist zu hören, wie Nixon wenige Tage nach dem Watergate-Einbruch die Anweisung gibt, die CIA damit zu beauftragen, die Ermittlungen des FBI zu stoppen.

--> die Watergate-Bänder(c) AP

Ein bis heute nicht gelüftetes Geheimnis ist eine Lücke von 18 1/2 Minuten auf einem der Tonbänder aus dem Weißen Haus. Es soll sich um ein Gespräch Nixons mit Haldeman handeln. Nixons Sekretärin sagt, sie habe die Aufnahme versehentlich gelöscht.

(Bild: Sekretärin Rose Mary Woods zeigt, wie es zu der Löschung gekommen sein soll)Gerald Ford Library

Im Sommer 1974 beschließt das Repräsentantenhaus, ein Amtsenthebungsverfahren gegen Nixon einzuleiten. Nachdem im August das „Smoking-Gun-Tonband“ veröffentlicht wird, kündigen auch die letzten bisher treuen Republikaner Nixon ihre Unterstützung auf. Nixon kommt der Amtsenthebung zuvor: Am 9. August 1974 verkündet er in einer Fernsehansprache seinen Rücktritt.(c) AP

Es ist das bis heute einzige Mal in der US-Geschichte, dass ein Präsident diesen Schritt macht. Einen Monat nach Nixons Rücktritt begnadigt der neue Präsident Gerald Ford seinen Vorgänger pauschal.

(Bild: Nixon verabschiedet sich vom Weißen Haus)(c) AP (Anonymous)

30 Jahre später erfährt die Welt endlich, wer Woodwards Informat „Deep Throat“ war: Die Familie des inzwischen über 90-jährigen ehemaligen FBI-Vizedirektors Mark Felt enthüllt seine Vergangenheit als sagenumwobene Watergate-Quelle.(c) REUTERS (LOU DEMATTEIS)

Woodward hatte Felt (Bild: im Jahr 1958) Jahre vor dem Watergate-Einbruch im Weißen Haus kennengelernt. Er soll dem Reporter aus moralischen Gründen, aber auch aus Enttäuschung, weil er nicht FBI-Chef geworden war, geholfen haben. Seinen Tarnname "Deep Throat" erfand übrigens Howard Simons, damals Chef vom Dienst bei der Washington Post. Er leitete ihn aus dem Begriff "on deep background" für vertrauliche Gespräche und in Anspielung an den Pornofilm "deep throat" ab.

Felt starb im Dezember 2008.(c) AP (HOWARD MOORE)

Woodward und Bernstein haben für ihre Aufdeckungsarbeit den Pulitzerpreis gewonnen, Bücher geschrieben und sind nicht zuletzt durch die Hollywood-Verfilmung ihrer Geschichte zu Stars geworden.

(Bild: Robert Redford und Dustin Hoffman als Woodward und Bernstein in "Die Unbestechlichen")(c) AP (Anonymous)

Zum 40. Jahrestag schrieben die heute Ende-60-Jährigen in einem Leitartikel für die Washington Post, Nixon sei „viel schlimmer“ gewesen als sie früher gedacht hätten. Er habe das Weiße Haus zu einem „kriminellen Unternehmen“ gemacht.

Das letzte echte Rätsel, hatte Woodward bereits zehn Jahre zuvor gesagt, sei Nixons Motiv: „Warum hat er all das riskiert, obwohl im Grunde klar war, dass er die Wahl gewinnen würde?“. Dieses Rätsel wird wohl nie gelöst werden, Nixon starb am 22. April 1994.

--> Video: Woodward und Bernstein zum 40. Jahrestag(c) AP (Alex Brandon)
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