Eine kleine Demonstration gegen den Bildungsabbau hätte es werden sollen – mehr nicht. Doch dann kam alles anders, an jenem 22.Oktober: Zu Mittag stürmte eine Gruppe Studenten das Audi-max der Uni Wien. Am gleichen Abend wurde das Gebäude mit zweitausend Gleichgesinnten kurzerhand für besetzt erklärt. Genauso abrupt, wie sie begonnen hatte, endete die Besetzung am 21.Dezember – als die Polizei in den Morgenstunden die verbliebenen 15 Aktivisten und einen Tross von Obdachlosen aus dem Hörsaal abführte.
Dazwischen lagen 61Tage des Protests. Ein lauter, diffuser Protest, der selbst die Protagonisten in seinen Auswüchsen überrascht haben dürfte. Mehr als 20.000Studenten demonstrierten auf dem Höhepunkt in Wien, zwischenzeitlich waren Säle in sieben Hochschulen besetzt. Mit ihren markigen Sprüchen nach „Bildung für alle“ und ihrem in seiner Struktur kaum zu überblickenden Aufstand prägten die Besetzer den innenpolitischen Herbst des Jahres 2009. Der von den Medien hochgespielte Begriff des „Audimaxismus“ schaffte gar die Kür zum Wort des Jahres – als Ausdruck des Wunsches der Studenten nach maximaler Verbesserung ihrer Studienbedingungen und endlich bei der Politik Gehör (audi = lat. höre) zu finden, wie es in der Jurybegründung heißt. Über die Forderungen der Besetzer ließ sich trefflich streiten, eines haben sie zweifelsfrei geschafft: Eine Debatte über das Bildungssystem und die Verfehlungen der Politik zu entfachen, wie sie in dieser Größenordnung lange nicht auf der Tagesordnung stand. Die Anliegen waren vielschichtig und inhomogen wie die Revolte selbst. Umsetzbare Forderungen gab es kaum. Vom Ende der Zugangsbeschränkungen war die Rede, vom Stopp der Bologna-Reform und von utopischen Bildungsidealen.
Was bleibt von den Protesten?
Die Politik reagierte nur langsam. Der anfängliche Versuch, den Protest einfach auszusitzen, scheiterte. Am 30.Oktober schüttete Wissenschaftsminister Johannes Hahn schließlich 34 Millionen aus seiner Notfallsreserve aus. Als Abschiedsgeschenk, quasi: mitten in der Debatte wurde bekannt, dass Hahn im Jänner als Kommissar für Regionalpolitik nach Brüssel wechseln würde. Eine Entscheidung, die ihm Häme einbrachte. Er flüchte vor den Studenten, hieß es.
Im November veränderte der Protest sein Gesicht. Die meisten hatten die Besetzung aufgegeben und gingen in Ausweichhörsälen ihrem Studium nach. Hardliner übernahmen das Ruder. Die Bewegung war gespalten und dezimiert. Dialoggruppen tagten, an vielen Unis fand man zu Kompromissen. An der Uni Wien, die zum Domizil für Obdachlose wurde, ließen sich die letzten Standhaften von der Polizei abführen.
Was von der Revolte bleibt? Abgesehen von einem verschwindend kleinen Budgetplus für die Unis, einem breit angelegten Hochschuldialog und Kosten in Millionenhöhe wohl vor allem die Erkenntnis, dass die Studenten konfliktbereiter sind, als ihnen so oft nachgesagt wird. (Christoph Schwarz) ?
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.12.2009)

Die Geschichten des Jahres: Was die Welt 2011 bewegte
Jahresrückblick Leben: Ehe, Rausch und Rechtsbruch
Jahresrückblick Schaufenster: Hochzeiten, Fast-Food-Haubenküche und Skandale
Jahresrückblick Politik: Revolutionen, Krieg und ÖVP-Krise
Jahresrückblick Sport: Platzsturm, Frühstart, Trainerwechsel
Das Jahr 2011 in der Wirtschaft: KHG, DSK und ''Merkozy'' im Rückblick
Jahresrückblick Kultur: Nazi-Sager, Abschiede und zahme Schweinereien
Jahresrückblick Panorama: Fukushima hält die Welt in Atem
Jahresrückblick Bildung: Alte Debatten, neue Gesichter - und ein Mutbürger
Jahresrückblick Tech: Apple dominiert die Technik-Welt















