21.11.2009 14:15 | Meine Presse Merkliste0

Helmut Eigenthaler: Ein ungewöhnlicher Praktikant

29.08.2009 | 18:19 |  von Jeannine Hierländer (Die Presse)

Der 57-jährige Lehrer Helmut Eigenthaler hat seine Sommerferien in der »Presse«-Redaktion verbracht. Und ist damit wohl der mit Abstand älteste Ferialpraktikant des Landes.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Bilder zum Thema

Wenn Helmut Eigenthaler morgens wie auf Zehenspitzen in die Redaktion geschlichen kommt und sich unbemerkt an seinen Schreibtisch setzt, merkt man, dass er tatsächlich „niemandem lästig sein“ will. Immer wieder betont er das während seines vierwöchigen Praktikums – und hört trotzdem nicht auf, Fragen zu stellen. Um dann so lange zu warten, bis jemand die Zeit für eine Antwort findet. Auch wenn das Stunden dauert.

Helmut Eigenthaler hat jede Menge Geduld. Die braucht er auch – er ist Lehrer. Und das seit 35 Jahren. Dennoch hat er den Sommer für ein Praktikum in der „Presse“-Wirtschaftsredaktion genutzt. Mit 57 Jahren ist er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der älteste Praktikant des Landes.

Mit Augen und Ohren stehlen. Er ist aber nicht nur geduldig, sondern auch hartnäckig. Bereits 2007 veröffentlichte er in der „Presse“ einen Gastkommentar, ein halbes Jahr später einen Leserbrief. Ein dritter Versuch blieb ohne Erfolg. „Nach dieser Erfahrung hatte ich immer den Wunsch, noch einmal etwas in der ,Presse‘ zu veröffentlichen“, sagt er.

Mit dem Praktikum witterte er die Chance, „dort einmal vier Wochen rumzusitzen und rumzugehen“. Und „mit Augen und Ohren zu stehlen“. Ohne Bezahlung – das stellte er im Bewerbungsschreiben fest. Ebenso, dass er sein „unorthodoxes“ Anliegen „sehr ernst meint“. So ernst, dass er es für das Praktikum sogar auf sich nimmt, fünf Tage pro Woche von St. Pölten nach Wien zu pendeln.

„Lebensabschnittsberuf Lehrer“: Unter diesem Titel erschien vor zwei Jahren Eigenthalers erster Beitrag in der „Presse“. Für ihn selbst war Lehrer kein Lebensabschnittsberuf. Mit 22 Jahren begann Eigenthaler, an der Höheren Lehranstalt für wirtschaftliche Berufe in St. Pölten Rechnungswesen und Betriebswirtschaft zu unterrichten. Das alleine war dem dreifachen Familienvater nicht genug. Weil er „über den Tellerrand blicken“ wollte, absolvierte er im Dezember 2007 die Bilanzbuchhalterprüfung am Wifi Wien. Als ältester Teilnehmer und einziger Lehrer in seiner Gruppe. „Das ist eine ziemlich harte Prüfung. In neun Monaten schafft das fast niemand“, sagt er heute nicht ohne Stolz.


Der Karriereverweigerer. Obwohl ihm Erfolg nie ein besonderes Anliegen gewesen sei. „Ich habe es eher abgelehnt, wenn jemand Karriere machen wollte. Und auch persönlich hätte ich es nicht angestrebt.“ Dabei habe er sich nie wirklich schwergetan, wie er sagt, aber „sich auch nie besonders viel zugetraut“.

Sein Mut hat jedenfalls dazu gereicht, ein Buch zu schreiben. Ein Buch, mit dem er seine Leser dazu motivieren möchte, sich zu Wort zu melden: „Wenn jemand Generaldirektor einer Firma ist und an einer Sitzung teilnimmt, ist er ein Riese. Wenn derselbe Mensch im Ausland in Tourismusbekleidung herumschlapft, ist er ein Zwerg. Ein Riese wird immer Gehör finden. Meine Absicht war, dieses Muster zu durchbrechen.“

Nachdem er bei den großen Verlagen auf taube Ohren gestoßen war, gab Eigenthaler „(Selbst)Diagnose Zwerg – vom kränkenden Tabuwort zum chancenreichen Zauberwort“ 2006 im Eigenverlag heraus. Jetzt wünscht er sich, mit dem Buch wahrgenommen zu werden. „Und natürlich“, sagt Eigenthaler, „auch wirtschaftlichen Erfolg zu haben“. Ein paar hundert Stück habe er bereits verkauft.

In der Zwischenzeit wird sich Helmut Eigenthaler wohl weiter dem Unterrichten widmen. Frühestens in drei Jahren wird er sich aus dem Schulbetrieb in die Pension zurückziehen. „Ich bin kein ökonomischer Selbstmörder und wäre wohl ein Idiot, wenn ich den gut bezahlten Job in der Schule aufgeben würde.“ Weil er aber „mit sechzig nicht Daumen drehen“ will, schmiedet Helmut Eigenthaler, der sich seit über 20 Jahren für Geld, Börse und Finanzen interessiert, bereits Pläne für die Zeit danach.


„Spazierengehen ist kein Ersatz.“ Da könnte er sich vorstellen, sich von einer Zeitarbeitsfirma als Buchhalter einsetzen zu lassen. Oder anderen Buchhaltern Nachhilfe zu geben. Chancen sieht er allemal: „Ich bin jetzt wesentlich mobiler als mit 30 Jahren, als ich kleine Kinder hatte. Wenn man keine familiären Verpflichtungen mehr hat, ist man nicht so unattraktiv für Arbeitgeber. Und wenn man fit alt werden will, muss man sich geistig beschäftigen und soziale Kontakte pflegen.“ Davon möchte er auch andere Menschen in seinem Alter überzeugen. Denn „Spazierengehen oder Mountainbiken ist dafür kein Ersatz.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.08.2009)

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Artikel kommentieren Kommentieren BookmarkBookmarken bei [Was ist das?]

Mehr zum Thema:

Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*


Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

4 Kommentare
Gast: Gast
31.08.2009 07:43
0 0

Wenn man als Lehrer nicht ausgelastet ist verstehe ich das ja....

...die viele Freizeit, nichts zu tun und dann auch nur einen Halbtagesjob!
Da braucht man eine Aufgabe....

Gast: Klaus
30.08.2009 22:00
0 0

Bravo

Sehr geehrter Hr. Mag. Eigenthaler!

Gratulation zu ihrer Lebenseinstellung. EIn Erfolgsmodell! Das Buch ist bereits bestellt.

Viele Grüße
Klaus Oblasser

Gast: kerstin hnilicka
30.08.2009 19:58
0 0

Stolze ehemalige Schülerin

Ich bin schwer beeindruckt lieber Herr Professor...Sie überraschen uns immer wieder.

Liebe Grüße

ihre Kerstin:)

Gast: freindalwirtschaft
30.08.2009 09:06
0 0

lovely :-)

und voll die mucke, wenn man bedenkt, dass heutzutage brüche im lebenslauf zum standard gehören

Karriere-News

Werben in der Karriere