Der demografische Knick bedeutet, dass im nächsten Jahrzehnt, um das Jahr 2013, mehr Arbeitnehmer den
Arbeitsmarkt verlassen werden, als junge nachrücken“, erläutert der Bevölkerungswissenschaftler Rainer Münz, zurzeit Senior Fellow am Hamburgischen Welt-Wirtschafts- Institut. „Entweder qualifizierte Zuwanderer schließen die Lücke oder Unternehmen müssen den schrumpfenden Pool Einheimischer in Anspruch nehmen. Das wird vermutlich nicht dazu führen, dass Leute einen Arbeitsplatz finden, die keinen haben. Aber ältere Arbeitnehmer, die heute abgebaut werden, haben große Chancen, ihren Arbeitsplatz in Zukunft zu behalten.“
Rainer Münz weiter: „Die stille Komplizenschaft von Arbeitnehmern, Pensionsversicherungsanstalten und Betrieben, die Frühpension als attraktiv zu begreifen, löst sich zunehmend auf. Die Anreize dazu werden tendenziell geringer.“ Aus der Sicht der Unternehmen meint Silvia Buchinger, die Personaldirektorin von Hewlett-Packard, dazu: „Es geht nicht um die Anzahl potenzieller Mitarbeiter, sondern um die Performance. Und die hat nichts mit dem Alter zu tun. Besser qualifizierte Spezialisten zu finden, ist oft sehr schwer.“
Entwicklungsmöglichkeiten und Werte
„Der plakative Begriff War for Talent führt in die falsche Richtung“, meint Friedrich Rummel, Human Resources Manager Austria der Allianz Elementar Versicherungs-AG, „in einem Krieg um Rohstoffe gibt es immer viele Verlierer. Besser geeignet ist Talentemanagement oder -entwicklung. Das bedeutet intern, die eigenen Mitarbeiter laufend besser zu qualifizieren. Talente werden nur zu Unternehmen gehen, die ihnen Entwicklungsmöglichkeiten bieten.“
„Das kulturelle Element, vor der gesetzlichen Zeit, zwischen 55 und 57, in Pension zu gehen, wird eine Änderung erfahren“, meint Gerhard Hirczi, Konzern-Personalleiter von Siemens Österreich. „Die Frage von Mitarbeitern wird nicht mehr lauten dürfen, wie lange sie bleiben müssen, sondern wie lange sie arbeiten können. Wir unternehmen
mit unserem ,Generation Development Program‘ so viel wie kaum ein anderer Betrieb, um unsere Mitarbeiter weiterzubilden. Für durchschnittlich 12.000 Bewerbungen im Jahr haben wir 300 Positionen zu vergeben.“ Laut Hirczi sind etwa SAP Senior Consultants, laut Silvia Buchinger Verkäufer für komplexe IT-Lösungen heiß begehrt.
„Jemanden für viel Geld abzuwerben, ist meist nicht erfolgversprechend“, meint Personalberaterin
Gundi Wentner, geschäftsführende Gesellschafterin von Wentner- Havranek Deloitte, „weil es meist äußerst fraglich ist, ob die gleiche Performance auch im neuen Umfeld erbracht wird. High Potentials schauen meist wenig auf das Gehalt, sie
wollen Entwicklungsmöglichkeiten, Herausforderung und Werte.“ Der Praxis, ältere Arbeitnehmer durch jüngere und billigere zu ersetzen, könne aber nicht nur durch Weiterbildungsmaßnahmen begegnet werden, sondern erfordere
auch ein Überdenken gängiger Gehaltsschemata. Gundi Wentner: „Damit Ältere im Arbeitsprozess bleiben, ist in der Bezahlung eine Abkehr vom Senioritätsprinzip hin zu leistungsorientierten Kriterien nötig. Wenn der Preis für zu hohe Gehälter im Alter das Ausscheiden vom Arbeitsmarkt ist, so stellt das keine Alternative dar. Auch neue Kollektivverträge
haben darauf schon reagiert.“ Rainer Münz: „Gehalt darf nicht durch Ersitzen erworben werden.“ Friedrich Rummel:
„Der Run auf Altersteilzeit zeigt, dass es nicht nur auf absolute Gehälter ankommt, sondern auf eine sinnvolle Tätigkeit. Das darf nicht als Rückschritt begriffen werden.“
Laufbahnmodelle in Frage stellen
Rainer Münz: „Es darf nicht Rückschritt heißen, neue Wege zu finden, wenn ich den Scheitelpunkt meiner Produktivität erreicht habe.“ Dazu Gundi Wentner: „Ich würde nicht von Scheitelpunkt sprechen. Man muss Menschen auf dem richtigen Platz einsetzen und ihre Erfahrungen nützen. Die meisten wollen nicht mehr in Frühpension
gehen, weil sie es sich nicht mehr leisten können.“
Gerhard Hirczi meint dazu: „Auch Arbeitnehmervertreter haben ein Problembewusstsein für die Schwierigkeiten mit
dem Senioritätsprinzip. Es wird nötig sein, herkömmliche Laufbahnmodelle in Frage zu stellen. Eine Entwicklung kann auch horizontal erfolgen, muss nicht immer ein Sprung nach oben sein.“ Silvia Buchinger: „Es ist sogar sehr hilfreich, verschiedene Jobs in einem Unternehmen zu sehen. Mitarbeiter müssen auch für sich selbst sorgen,
nicht erst reagieren, wenn ein Vorgesetzter kommt. Man sollte immer fragen, wie es weitergeht, auch internationale Perspektiven miteinbeziehen. Eine erwartende, keine abwartende Haltung ist gefragt.“ „Selbstverantwortung ist aber nur möglich, wenn Unternehmen das entsprechende Umfeld schaffen“, meint Gundi Wentner, „daher sollte man eines aussuchen, das Entwicklungsmöglichkeiten bietet. Side-Steps sind aber jedenfalls attraktiv.“ Friedrich
Rummel: „Mitarbeiter dürfen nicht mit fünfzig ihr Gehirn für die eigene Zukunft ausschalten, weitere fünfzehn Jahre sind eine lange Zeit. Ich würde raten, sich mit Zukunftsperspektiven auseinander zu setzen, solange noch keine Notwendigkeit für eine Veränderung besteht.“
Gerhard Hirczi: „Ein Drittel der Mitarbeiter, die Weiterbildungsmaßnahmen bei uns nützen, ist über 45 Jahre alt.“
Bevölkerungswissenschaftler Münz: „Die Lebenserwartung steigt kontinuierlich um drei Monate pro Jahr. 2005 Geborene können leicht das nächste Jahrhundert erleben. Investitionen in sich selbst lohnen sich also. Österreichische Banken etwa haben sich nach Osteuropa orientiert, die Konzernsprache wird Englisch, da muss man verhandlungssicher
im Detail sein. Wer dort weiter an der Spitze bleiben will, muss in seinen Sprachkenntnissen sattelfest sein oder werden.
Ich kenne viele, die mit 40 noch Tschechisch oder Ungarisch gelernt haben.“
Um die eigene berufliche Fitness zu steigern, bereitet sich Friedrich Rummel auf den Vienna City Marathon vor. Gundi Wentner lernt am meisten, wenn sie mit Leuten zusammenarbeitet, die „mehr wissen als ich“. Silvia Buchinger pflegt ihre Netzwerke und liest gerne, vornehmlich Biografien. Gerhard Hirczi ist überzeugt, dass es wichtig ist, aus der eigenen Rolle herauszutreten, ohne sie zu verlassen, nur so sei es möglich, Perspektiven anderer anzunehmen. Und Rainer
Münz spürt gesellschaftliche Trends in den Tageszeitungen, vor allem im Wirtschaftsteil, auf, um jederzeit am Ball zu bleiben.
Mehr Informationen unter www.statistik.at














