Kultur braucht unternehmerisches Denken – so das Motto der NÖKU. Wenig verwunderlich also, dass für die operative Geschäftsführung der Holding, die mittlerweile zwei Dutzend niederösterreichische Kulturbetriebe managt, im Gründungsjahr 2000 auch ein gestandener Manager gesucht wurde. Aus der Privatwirtschaft wohlgemerkt.
Mit dem Ziel, im Sinne des New Public Managements transparente Leistungsvereinbarungen zu schaffen und Überschneidungen zwischen den Kulturinstitutionen zu vermeiden. Die Palette reicht von Veranstaltungsbetrieben wie dem Festspielhaus St.Pölten, dem Musikfestival Grafenegg, dem Landestheater NÖ, dem Tonkünstler Orchester NÖ bis hin zu namhaften Ausstellungsbetrieben wie der Kunstmeile Krems, der Österreichischen Filmgalerie oder etwa dem Klangturm St. Pölten.
Synergien nutzen
Ab 1. April kommenden Jahres kommt noch das Stadttheater Baden mit 150 Mitarbeitern zur Holding dazu. „Organisatorisch eine Wahnsinnsherausforderung“, kommentiert Gessl, der danach trachtet, Synergieeffekte für die Spielbühnen – von Werkstätten bis hin zur Erschließung neuer Zielgruppen im Publikum – zu schaffen, ohne das Rad ständig neu zu erfinden.
„Wir vergleichen uns gerne mit einem Markenmulti“, meint der Ehemann einer ehemaligen Marketingleiterin von Unilever: „Nach außen treten wir mit unseren Brands, sprich: Kulturbetrieben auf, nach innen gibt es klar definierte Standards. Als Dienstleister sind wir für die Professionalisierung und Einzigartigkeit der Betriebe zuständig, dieses Kulturmanagement-Modell gilt als das modernste im deutschsprachigen Raum“, so der studierte Erdölingenieur.
Eigentlich wollte er nach der Matura ja Medizin studieren, nur scheiterte das Vorhaben daran, dass er nach Eigenaussage „keinen Tropfen Blut sehen kann, ohne umzufallen“. Obwohl ihm nach zwei Semestern an der Montanuniversität Leoben bewusst wurde, dass ihm Technik allein zu trocken ist, folgte er seinem Prinzip, alles fertig zu machen, was er einmal begonnen hat.
In Innsbruck ergänzte der Montanist sein theoretisches Wissen um das Gebiet „Strategische Unternehmensführung“ und bahnte sich den Weg in die Wirtschaft. „Über Strategien nachdenken, neue Marktsegmente analysieren und nachhaltig positionieren“, das ist die kreative Herausforderung, die den Manager reizt. Anschließend sammelte er langjährige Erfahrung in Metall-Handelsunternehmen (zuletzt als Geschäftsführer von Dr. Kernstock und Ernst & Co.).
Ein „Hardcore-Unternehmer“, der schließlich bei Soft-Themen wie Kunst & Kultur gelandet ist? „Früher gab es für mich nur die Benchmarks Tonnen, Umsatz und Gewinn, ich wollte einmal etwas ganz anderes machen – quasi mit gesellschaftspolitischem Auftrag.“ Allerdings ginge es keinesfalls darum, ein „Nice Guy“ zu sein: „Man muss auch Nein sagen können.“
Letzteres musste der zweifache Vater selbst erst lernen. Der Tatsache, dass er früher sehr vieles sehr persönlich nahm und sich vielleicht zu viel auf die Schultern packte, schreibt Gessl zu, dass ihn ein massiver Bandscheibenvorfall mit komplizierten Folgen drei Monate lang in den Krankenstand beförderte. Eine Zeitspanne, in der der einstige Marathonläufer zu seinem heutigen Erfolgsverständnis fand: „Erfolg ist, wenn die Summe der richtigen Entscheidungen größer ist als die der falschen.“ Als beste Entscheidung seines Lebens wertet der Träger ausschließlich roter Socken, was ihm den Beinamen „Mr. Redsocks“ eingebracht hat, übrigens die Tatsache, dass er sich 1999 um seine aktuelle Position beworben hat.
Was genießt der Sohn von Weinviertler Weinbauern außer der geballten Ladung an Kultur noch in seinem Leben? Sein Haus, eine umgebaute Schule samt 20.000m Garten, das „Hackeln“ darin, leibliche Genüsse (vor allem guten Wein!) und die Begegnungen mit interessanten Menschen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.09.2008)














