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„Absolute Chancengleichheit“

06.03.2009 | 18:37 | NIKOLAUS KOLLER (Die Presse)

Die führenden Wirtschaftsanwältinnen Theresa Jordis und Edith Hlawati über die gläserne Decke, Teilzeitarbeitsmodelle und den Preis einer Karriere.

Abstriche müsse man machen, wenn man als Anwalt erfolgreich sein möchte, erklären Edith Hlawati, Partnerin bei Cerha Hempel Spiegelfeld Hlawati, und Theresa Jordis, Partnerin bei Dorda Brugger Jordis, unisono. Die beiden Doyennes der österreichischen Wirtschaftsanwaltsszene sprechen über Teamarbeit, Vereinbarkeit und ihre Beziehung zum Anwaltsberuf.

Die Presse: Sie beide haben führende österreichische Wirtschaftskanzleien mitaufgebaut. Nach welchen Prinzipien führen Sie?

Theresa Jordis: Vorbildwirkung ist für mich als Führungskraft das Wichtigste. Ich muss immer mit gutem Beispiel vorangehen.

Edith Hlawati: Das stimmt. Ich muss vorleben, was ich von den Mitarbeitern verlange. Aber es gehört natürlich auch ein großes Maß an sozialer Intelligenz dazu.

 

Würden Sie Ihren Führungsstil als „weiblich“ bezeichnen?

Jordis: Viele Kollegen – ich bin die einzige weibliche Partnerin in der Kanzlei – bestätigen mir, dass ich viel intuitiver lenke als meine männlichen Kollegen. Ich denke, dass ich auch feinfühliger mit Emotionen umgehe.

Hlawati: Ich sehe das etwas anders. Es gibt Eigenschaften, von denen man sagt, dass sie „weiblich“ seien, wie zum Beispiel verstärkte Teamorientierung. Ich denke, dass Männer und Frauen diese Eigenschaften haben müssen, um erfolgreich zu sein.

 

Welche Faktoren haben Ihre Karrieren entscheidend vorangetrieben?

Jordis: Das waren eine ganze Menge. Die wohl wichtigsten darunter waren die Fähigkeit, dem Klienten komplexe Inhalte verständlich zu vermitteln, sowie der Blick für das Wesentliche.

 

Karriere hat meist auch einen Preis: Weniger Zeit für Privatleben, Familie und Hobbys. Was hat Ihre Karriere „gekostet“?

Jordis:Ich verzichte ganz bewusst auf vieles in meiner Freizeit, weil mein Beruf meine große Leidenschaft ist. Dadurch muss ich mir die verbleibende Zeit sehr genau einteilen. Wichtig ist mir dabei, dass meine Familie nicht zu kurz kommt.

Hlawati:Man muss sicher Abstriche machen, weil man als Führungskraft die Verantwortung nicht abschieben kann. Ich habe das aber nicht als schlimm empfunden, weil mir die Tätigkeit Spaß gemacht hat. Man muss sich schon darüber klar werden, dass Karriere zu machen einen Preis hat.

Die Anwaltschaft ist stark männlich dominiert. Hatten Sie als Frauen dabei nie mit Akzeptanzproblemen zu kämpfen?

Hlawati: Nein, sicherlich nicht. Genauso wie in anderen Berufen hängt es von anderen entscheidenden Faktoren – aber nicht vom Geschlecht – ab, ob Sie Karriere machen. Dazu zählen unter anderem, dass Sie Leistung zeigen, wirtschaftliches Interesse mitbringen und über ausreichend fachliches Wissen verfügen.

Tatsächlich ist die Branche allerdings noch immer stark männlich dominiert – vor allem, was die Partnerebene angeht. Sehen Sie da nicht den Beweis für eine gläserne Decke?

Hlawati: Im Verwaltungsrat sind wir von den vier Partnern zwei Frauen. Natürlich muss man zugeben, dass der Beruf eines Anwaltes alles andere als einfach ist. Aber es gibt keine gläserne Decke für Frauen. Auch Männer haben das Problem, dass sie nicht weiter die Karriereleiter erklimmen können. Das hängt mit den begrenzten Strukturen in einer Partnerschaft zusammen.

Jordis: Ich sehe auch keinen Beweis für eine gläserne Decke. Es geht in erster Linie um die zeitliche Verfügbarkeit, die bei einem Dienstleistungsberuf ganz besonders wichtig ist.

 

Was meinen Sie damit?

Jordis: Wer beruflich weiterkommen will, muss verfügbar sein. Das ist in einem fordernden Beruf natürlich nur schwer mit der Familienplanung zu vereinbaren. Ich selbst habe früh meine beiden Kinder bekommen und mich anschließend verstärkt auf meine Karriere konzentrieren können.

Hlawati: Man muss die verschiedenen Rechtsgebiete in einer Kanzlei unterscheiden. So bringt beispielsweise Arbeits- oder Liegenschaftsrecht andere Erfordernisse mit sich als die Betreuung von Börsengängen. Bei solchen Transaktionen sind Sie immer vom zeitlichen Budget anderer Personen abhängig. Da muss man immer verfügbar sein. Das ist ein Preis, den man zahlen muss.

 

Gilt dieser Befund auch für kleinere Kanzleien oder spezialisierte Boutiquen?

Jordis: Das kann man nicht generell beurteilen. In solchen Einheiten gibt es eine ganz andere Situation. Das hängt sehr von den konkreten Gegebenheiten ab.

 

Wo sehen Sie besondere Karrierechancen für Anwältinnen?

Jordis: Die gibt es überall. Wenn die entsprechenden Voraussetzungen wie Professionalität, Leistung, Freude da sind, dann kann man es überall schaffen.

Hlawati: Wir sind Dienstleister, die intellektuell arbeiten. Das Geschlecht spielt keine Rolle. Ich sehe daher eine absolute Chancengleichheit bei Frauen und Männern.

 

Trotzdem gibt es in Kanzleien den Trend zu mehr Teilzeitlösungen, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu erhöhen. Setzen auch Sie diese Modelle ein?

Hlawati: Wir bieten solche Modelle an. Die Praxis zeigt aber, dass man immer individuelle Vereinbarungen benötigt. Standardisierte Arbeitszeitformen funktionieren für Anwältinnen nicht.

Jordis: Auch wir bieten Einzellösungen an. Für Konzipientinnen sind solche Lösungen auch nur schwer durchführbar, da nur eine Vollzeitanstellung für die Zeit bis zur Rechtsanwaltsprüfung angerechnet werden kann.

 

Sie sprechen bei Teilzeit nur in der weiblichen Form. Nützen Männer die Angebote nicht?

Jordis: Diese Frage hat sich bei uns noch nicht gestellt.

Hlawati: Nein, auch wir hatten so einen Fall noch nicht.

 

Thema Berufseinsteiger: Warum sollten sich junge Juristen für den Beruf des Wirtschaftsanwalts entscheiden?

Hlawati: Für mich gibt es kaum einen spannenderen Beruf als den des Anwalts. Teamarbeit, rasche Erfolge, extrem abwechslungsreich – das bieten nur wenige Professionen.


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