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Vitamin Web: Gut verlinkt zu sein ist bereits halb angestellt

21.03.2009 | 16:52 |  von Katharina Götzl (Die Presse)

Visitenkarten austauschen war gestern. Echte Netzwerker sammeln digitale Kontakte und feilen an ihrem Onlineprofil. Neue Infoquelle für Personalchefs, Goldgrube für Headhunter.

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„Ich google jeden Kandidaten“, ist für Lydia Goutas, Headhunterin bei Lehner Executive Partners, klar. Erste-Bank-Personalchefin Sabine Mlnarsky-Bständig verrät: „Unsere Recruiter sind auf Plattformen registriert und ‚besuchen‘ die Profile von Bewerbern.“ Der digitale Scan ist längst Usus im Rekrutierungsprozess. Headhunter durchforsten die relevanten Sites nach geeigneten Kandidaten für offene Stellen, und ein Drittel der Personalchefs klopft Bewerber erst mal im Web ab.

Bikinifotos und falsche Freunde

Xing, LinkedIn, Facebook, StudiVZ, MySpace – die Netzwerkwelten im WWW sind so unterschiedlich wie zahlreich. Von sehr businessorientiert (etwa Xing) bis eher freizeitlastig (Facebook) funktionieren alle Plattformen nach demselben Prinzip: Man stellt sich als Person mit seinen Qualifikationen und Interessen dar und gibt anderen Mitgliedern die Möglichkeit, so direkt Kontakt aufzunehmen. Gleichermaßen kann man Freunde und Bekannte zu seinem Netzwerk hinzufügen und so entweder selbst aktiv nach Kontakten suchen oder sich einfach finden lassen.

Wer sich diese Möglichkeit – von Kritikern gern als „digitaler Tabledance“ bezeichnet – entgehen lässt, verpasst vielleicht den Job seines Lebens, sagt Xing- Vizepräsident Ralf Ahamer: „Im Vergleich zu Jobbörsen schneiden soziale Netzwerke besser ab, da aktuelle Profile das Interesse der Benutzer und somit den Wert steigern.“ Und tatsächlich ortet Netzwerkspezialistin Selma Prodanovic von Brainswork hier einen Wertewandel: „Im Business haben wir jahrelang nur darauf geachtet, mit Experten zu arbeiten. Jetzt betrachtet man den Mitarbeiter ganzheitlicher, will sein Leben kennen. Chefs können sich in der Onlinefotogalerie ansehen, was der Mensch in seiner Freizeit macht – das unverfälschte Gesamtbild.“ Darin besteht gleichzeitig die Gefahr, denn das Web ist wie ein Elefantengehirn. Es vergisst nichts.

Die richtige Selbstdarstellung ist deshalb ganz besonders online eine Kunst. „Sortieren Sie alte Partyfotos auf StudiVZ aus“, rät Jochen Mai, Autor der „Karrierebibel“. Und wer vorhat, Führungskraft zu werden, „sollte besser keine Bikinibilder online stellen“. Mit seinem „Profil“, das meist aus einem Porträt und steckbriefartigen Informationen besteht, stellt man sich bewusst in die Auslage. „Es ist Ihre Visitenkarte, pflegen Sie es!“, sagt Prodanovic. Und Goutas gibt zu bedenken: „Unterschätzen Sie nicht, dass sich auch Entscheidungsträger anschauen, was Sie posten!“ Wenngleich in der Welt der Nullen und Einsern die Körpersprache wegfällt, so kommt eine Komponente ins Spiel, die im wahren Leben meist nicht ganz so augenscheinlich ist: Freundschaften.

„Auch wenn das eigene Profil ‚sauber‘ ist, die sichtbaren Kontakte sind ausschlaggebend“, weiß Prodanovic. Und Mai bestätigt: „Schlechte Profile strahlen auf einen zurück.“ Sortieren Sie Ihre „friends“ also aus, und überlegen Sie sich gut, welchen Fanklubs Sie beitreten. „Es geht um Authentizität“, fasst Prodanovic zusammen, „im Finanzbereich muss das Anzugfoto sein, Kreative sollen freilich Individualität zeigen.“

Ich biete, ich suche, ich kenne

Dass es nützlich ist, jemanden zu kennen, der jemanden kennt, der einen Job zu vergeben hat, ist nichts Neues. Jetzt liegt der passende Bekannte – im Web heißt das gleich mal „friend“ – allerdings oft nur wenige Klicks entfernt. Mehr als 6,5 Millionen Mitglieder tummeln sich auf Xing, Facebook verzeichnet mehr als 174 Millionen aktive Nutzer. Eine brandaktuelle Forsa-Studie in Deutschland belegt, dass sich bereits jede fünfte Führungskraft online vernetzt. Ein Drittel der Österreicher nutzt soziale Netzwerke im Internet derzeit beruflich, ein weiteres Drittel hat auf diesem Weg bereits neue Mitarbeiter gefunden. „Ich lukriere viele Aufträge über Xing“, sagt Michael Stangl aus Graz.

Der 33-Jährige ist als Versicherungsmakler, Trainer und Moderator tätig (Profil oben rechts). „Mit den Filterfunktionen kann man wunderbar nach eingeschränkten Branchen suchen. Das hilft. Und man kann nachvollziehen, über welche Kontakte einen jemand kennt.“ Veronika Lanka hinterlässt ihre Spuren lieber auf Facebook (Profil oben links). Die Studentin und Iaeste-Messeleiterin hat dort 222 Freunde, und zwar weltweit: „Es ist einfach eine perfekte Möglichkeit, auch über weite Distanzen Kontakt zu halten. Auch wenn Facebook eigentlich kein Businessnetzwerk ist, entstehen hier  trotzdem viele jobrelevante Kontakte. Ich habe schon oft Projektideen für unseren Verein entdeckt oder Anregungen bekommen – von Freunden von Freunden sozusagen.“ Ruth Blauel hat ihren neuen Job als Alliance-Marketing-Manager DACH beim Blackberry-Hersteller RIM über LinkedIn gefunden.

„Ich bekomme laufend Anfragen, und letzten Sommer hat einer Headhunterin mein Profil und mir der Job gefallen“, sagt die 53-Jährige. Skeptikern hält Topnetzwerker Jochen Mai entgegen: „Wer im Internet nicht existiert, existiert überhaupt nicht. Am Onlinenetzwerken führt nichts vorbei.“ Freilich kann ein Smiley nicht mit einem Lächeln mithalten, wie nahezu alle Personalchefs bestätigen.

Headhunterin Goutas: „Entscheidend ist der persönliche Eindruck.“ Offline netzwerken also nicht vernachlässigen! Doch ein toller Webauftritt schadet gerade jetzt nicht: Gelegenheiten für Marketing in eigener Sache sind in Zeiten wie diesen dünn gesät.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.03.2009)

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