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Hüter der gesammelten Schätze

08.01.2010 | 16:02 |  von Erika Pichler (Die Presse)

Mehr als staubiges Papier: Neue Aus- und Fortbildungen für Bibliothekare setzen auf Management-, Medien- und Digitalisierungsfachwissen – auch im universitären Bereich.

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Bibliotheken waren stets besondere Orte, stiller und schöner als so manche andere. Und vor allem auch immer ein wenig ehrfurchtgebietend schon allein durch die Präsenz der Bücher, die Wissen, Ideen und Geschichten konservieren. Viele Sammlungen sind im Laufe der Jahre zu regelrechten Schatzkammern geworden, egal, ob über ihnen eindrucksvolle Deckenfresken strahlen, wie im Prachtsaal der Nationalbibliothek, oder das Neonlicht der 70er-Jahre, wie in der städtischen Bücherei von nebenan. Ein altes Image haftet dem Berufsstand der Bibliothekare an wie Staub den Büchern: Schrullige Gestalten sitzen leicht griesgrämig und einsilbig hinter ihren Pulten – ein Bild, das so überholt ist wie das, das Kartografen von der Erde in die ersten Bücher zeichneten. Die neue Welt der Bibliotheken erfordert neue Ausbildungen. Denn still gestanden sind nur die Bücher in den Regalen; die Zeit und die Medientechnik keineswegs.

 

Neue Anforderungen

An Bibliothekare werden heutzutage mehr Anforderungen gestellt denn je. Lesen, sammeln, archivieren und dezent, aber bestimmt um Ruhe bitten, damit ist die Arbeit nicht getan. Riesige Bestände an elektronischen Medien und Datenträgern hielten Einzug in die ehemals papierene Welt von Buch und Zeitschrift und veränderten sie signifikant. Wer in Bibliotheken tätig ist oder es werden möchte, kommt inzwischen ohne einschlägige Kurse oder Lehrgänge im Bibliotheks-, Informations-, Dokumentations- und Medienbereich nicht mehr aus. „Eine Analyse von Stellenausschreibungen im Bibliotheksbereich zeigt, dass eine bibliothekarische Ausbildung für die meisten Positionen gefordert wird“, sagt Gabriele Pum, Leiterin der Ausbildungsabteilung der Österreichischen Nationalbibliothek.
Auf akademischer Ebene wurden in jüngster Zeit Ausbildungsmöglichkeiten, vor allem Universitätslehrgänge, geschaffen, die den technischen Entwicklungen und Managementanforderungen im Tätigkeitsfeld der Bibliotheken Rechnung tragen sollen.

 

Neue Medien in der Bibliothek

Seit 2004 wird in Österreich ein interuniversitärer Masterlehrgang angeboten, den die Österreichische Nationalbibliothek gemeinsam mit den Universitäten Wien, Graz und Innsbruck konzipiert hat. Darin sollen praxisnahe Kenntnisse in Betriebswirtschaft, Medientheorie und Medienerschließung sowie in der Analyse und Bewertung von Informationsquellen und Rechercheergebnissen vermittelt werden, ergänzt um Know-how im Wissens- und Informationsmanagement.

Der Grundlehrgang stellt eine vereinheitlichte Ausbildung für das höherqualifizierte Personal von Universitätbibliotheken dar, dauert zwei Semester und schließt mit dem Titel eines „akademischen Bibliotheks- und Informationsexperten“ ab. Bedeutung für das Bibliothekswesen hat das Ausbildungsangebot etwa dadurch, dass er seit 2009 auch Wahlmodule für die Tätigkeit in öffentlichen Büchereien anbietet. Anschließend können die Absolventen den ebenfalls zweisemestrigen Aufbaulehrgang besuchen, der zum Titel „Master of Science Library and Information Studies“ führt. „Der Masterlehrgang dient zur wissenschaftlichen Vertiefung in einem von fünf Fachgebieten. In Österreich gibt es keine andere akademische Spezialisierung für das Bibliothekswesen“, berichtet Pum.

 

Sammeln lernen

Eine Lücke im Angebot deutschsprachiger akademischer Ausbildungen schließt auch der einsemestrige Lehrgang für „Digitales Sammlungsmanagement“, der berufsbegleitend durchgeführt wird. Dieses „Certified Program“ startet im April 2010 bereits zum vierten Mal. Angeboten wird es vom Zentrum für Bildwissenschaften der Donau-Universität Krems. Das Department ist im Stift Göttweig angesiedelt und betreibt unter anderem eine Datenbank zu dessen grafischer Sammlung.

Für Lehrgangsleiter Thomas Veigl ist Know-how in der Erschließung, Archivierung und Präsentation „die Anforderung im digitalen Zeitalter schlechthin. In einer globalen Gesellschaft, die Bildinformationen wie einen Rohstoff handelt, besitzen professionell aufgearbeitete, digitale Bildsammlungen beachtlichen kulturwissenschaftlichen und ökonomischen Wert, in den es zu investieren lohnt“, so Veigl. Den besonderen Wert des Lehrgangs sieht er in der Möglichkeit, die Fortbildung an ein konkretes Projekt knüpfen zu können – so kann etwa eine Mitarbeiterin der Universitätsbibliothek Innsbruck während des Studiums in Göttweig das EU-geförderte Projekt „ebooks on demand“ realisieren.

 

Spezialisierung im Studium

Auch Leipzig ist ein Standort mit bibliothekarischer Tradition. Dort bietet die Leipziger Hochschule HTWK seit Kurzem ein reguläres Hochschulstudium mit dem Titel „Bibliotheks- und Informationswissenschaft“ an. Im dreisemestrigen Masterstudium, das im Februar 2010 startet, müssen sich die Studierenden von Beginn an für eine der drei sogenannten „Profillinien“ entscheiden: Bibliothekspädagogik, Historische Bestände oder Musikbibliotheken. Diese Spezialisierungsmöglichkeit ist innerhalb Deutschlands einzigartig. Der Studiengang baut auf einem gleichnamigen Bachelorstudium auf, das sieben Semester dauert, steht jedoch auch Absolventen anderer Studiengänge offen.

 

Fortbildungen für Bibliothekare

Den öffentlichen und ehrenamtlich tätigen Bibliothekaren können in Österreich schon seit Langem die Aus- und Weiterbildungen des „Büchereiverbands Österreichs“ (BVÖ) nutzen. Hier werden regelmäßig Kurse mit Schwerpunkten wie etwa Onlinerecherche, Leseanimation für Kinder und Jugendliche oder Bibliotheksarbeit für Menschen mit Migrationshintergrund durchgeführt, und das in nahezu allen Bundesländern.

Auch am Bundesinstitut für Erwachsenenbildung (Bifeb) in Strobl am Wolfgangsee finden sowohl Ausbildungslehrgänge für hauptberufliche, nebenberufliche und ehrenamtliche Bibliothekare als auch Fortbildungskurse zu speziellen Themen statt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.01.2010)

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