Plastik ist schlecht für die Umwelt? Muss nicht sein, im Gegenteil: Innovative Werkstoffe und Materialien wie Kunststoffe werden nach Ansicht von Experten in Zukunft eine zunehmende Rolle bei der Bewältigung von gesellschaftlichen Problemen spielen – allen voran im Bereich Nachhaltigkeit. Ob in der Solar- oder Automobilindustrie – die Einsatzmöglichkeiten sind breit gefächert. Der Bedarf der Kunststoffindustrie nach gut ausgebildeten Fachkräften ist dementsprechend groß. Die heimischen Universitäten und Fachhochschulen reagieren auf diese Nachfrage mit einer Reihe von einschlägigen Studien.
Gefragtes Studium
An der Johannes Kepler Universität in Linz wurden erst kürzlich vier neue Institute im Bereich Kunststofftechnik eingerichtet. Reinhold W. Lang ist Vorstand des Instituts für Polymeric Materials and Testing. Im vergangenen Sommersemester unterrichtete Lang noch an der Montanuniversität Leoben. Er kam seinen Angaben zufolge wegen der hervorragenden Rahmenbedingungen nach Linz. Tatsächlich nimmt die Kunststoffindustrie in Oberösterreich eine besondere Stellung ein. 220 einschlägige Betriebe beschäftigen rund 34.000 Mitarbeiter. Die Krise habe die Branche nicht ganz so stark getroffen. Laut Lang liegt der Bedarf der Kunststoffindustrie trotz der schwierigen Wirtschaftslage bei bis zu hundert Absolventen pro Jahr.
„Dass heuer hundert Studenten für das Bachelorstudium Kunststofftechnik inskribiert haben, übertrifft unsere wildesten Erwartungen“, so Lang. Ab dem Wintersemester 2010/2011 soll in Linz noch das Masterstudium Kunststofftechnik angeboten werden. Um den internationalen Anforderungen gerecht zu werden, soll der Unterricht auf Englisch erfolgen.
Ideales Material spart Energie
Großen Interesses erfreut sich auch das Masterstudium Metall und Kunststofftechnik der Fachhochschule Oberösterreich. Seit Mai ist hier Werner Posch Kunststoffprofessor. Ihm ist es nach eigenen Angaben ein besonderes Anliegen, seinen Studenten aufzuzeigen, wie Material richtig eingesetzt werden kann, um so wenig Energie wie möglich zu verbrauchen. Energiesparen steht dementsprechend auch im Mittelpunkt aktueller Forschungsprojekte an der Fachhochschule Oberösterreich.
Ein Projekt beschäftigt sich etwa mit der Modifizierung der Oberflächenspannung von Bauteilen von Geschirrspülern. Dadurch soll der Trocknungsvorgang beschleunigt werden, was den Energieverbrauch drastisch einschränkt. Posch spricht von einem Einsparpotenzial von rund 600 Megawatt, was einem mittleren Atomkraftwerk entspricht. Ein weiteres aktuelles Projekt beschäftigt sich mit der Optimierung von Agrarfolien.
Als einen Trend in der Kunststoffindustrie sieht er die Bestrebungen, immer mehr Funktionen zu integrieren. „Statt dreier Bauteile wird versucht, nur mehr eines einzusetzen“, so Posch. Obwohl die Einsatzmöglichkeiten von Kunststoffen sukzessive zunehmen, glaubt er, dass auch Metalle in Zukunft weiter eine „Existenzberechtigung“ haben werden – schon allein wegen der höheren Belastbarkeit. Für Lang steht jedoch fest, dass nur Kunststoffe das Potenzial dazu haben, gesellschaftliche Probleme zu bewältigen. „Elektromobilität kann etwa nur durch konsequenten kunststoffbasierten Leichtbau funktionieren“, so Lang.
Von einem gewaltigen Potenzial des vielfältigen Werkstoffs spricht auch Ewald Benes. „Allein schon die Fußbodenrohre bei Neubauten bestehen fast ausschließlich aus Kunststoff“, so Ewald Benes, Studiendekan des Masterstudiums Materialwissenschaften der TU Wien. Als verstärkte Einsatzmöglichkeiten innovativer Materialien sieht er den medizinischen Bereich – etwa für Prothesen oder Knochenersatz. Längst keine Zukunftsmusik mehr sind nach Angaben der Experten auch Sonnenkollektoren aus Kunststoff. In einigen Jahrzehnten würden auch erneuerbare Rohstoffe bei der Herstellung von polymeren Kunststoffen breitflächig eingesetzt werden können. „Anstatt Öl zur Energiegewinnung zu verbrennen, sollte es zur Herstellung von Kunststoffen verwendet werden“, so Lang.
Interdisziplinäres Arbeiten
An der TU Wien wird an insgesamt zehn Instituten materialwissenschaftliche Forschung betrieben. Von Holz bis zu Halbleitern – das Spektrum der Arbeiten ist vielfältig, wie Benes erklärt. „Die Idee beim Masterstudium Materialwissenschaften war es, den Studenten ein fakultätsübergreifendes Studium zu bieten “, so Benes. Angenommen werden Absolventen der Bachelorstudien Verfahrenstechnik, Maschinenbau, Elektronik, Technische Physik, Bauingenieurwesen oder Technische Chemie. Auf den jeweiligen Hintergrund der Studenten wird im Rahmen der Lehrplanzusammenstellung Rücksicht genommen. So muss etwa ein Physiker nicht das Pflichtfach Quantenmechanik besuchen.
Preisfrage
Eine großflächige Verbreitung neuester Technologien verhindert nach Ansicht von Posch noch der vergleichsweise höhere Preis. Ein Einsatz wäre jedenfalls in jenen Bereichen, in denen der Marketinggedanke wichtiger ist. Bis vor Kurzem hieß der Bachelorlehrgang noch Material- und Verarbeitungstechnik. Die Umbenennung erfolgte laut Posch, um aussagekräftiger zu werden.
Nach einer Studienzeit von sechs Semestern können die Studenten auch noch den viersemestrigen Masterlehrgang besuchen. Das Bachelorstudium Kunststofftechnik an der Johannes Kepler Universität dauert ebenfalls sechs Semester. An der TU Wien sind für das Masterstudium Materialwissenschaften vier Semester vorgesehen. In allen Studiengängen bestehen enge Kooperationen mit der Wirtschaft – sei es über Forschungsprojekte, sei es im Zusammenhang mit den Bachelor- oder Masterarbeiten.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.01.2010)














