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Jobtausch: Soziale Kompetenz im Härtetest

12.03.2010 | 18:34 |  von Christian Lenoble (Die Presse)

Suppenküche statt Chefsessel, Notschlafstelle statt Hotellounge: Warum sich Topmanager kurzfristig im Sozialbereich betätigen - und dafür auch noch bezahlen.

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Ein Topmanager als Kurzzeitmitarbeiter in einer Notschlafstelle? Eine Personalchefin als Praktikantin in einer Drogenberatung? Oder ein diplomierter Sozialarbeiter in einem Industriebetrieb? Die Initiative „Brückenschlag“ macht es möglich.

Das einzigartige Projekt unter der Schirmherrschaft der Wiener Akademie für Sozialmanagement – basierend auf dem Konzept des Büros für Zukunftsfragen im Amt der Vorarlberger Landesregierung – setzt auf Erfahrungslernen der besonderen Art. Führungskräfte aus Wirtschaftsbetrieben und Sozialeinrichtungen bekommen die Möglichkeit, für ein paar Tage in den jeweils anderen Arbeitsalltag einzutauchen. Die Idee hinter dem Rollentausch: In der bewussten Auseinandersetzung mit Grenzen und Neuem soll persönliche Weiterentwicklung angeregt werden.

 

Erdung erwünscht

„Viele Teilnehmer kommen zu uns mit dem groben Wunsch einer ,Erdung'. Sie wollen sich mit ungewohnten Themen konfrontieren, Neues sehen und spüren“, erläutert Projektkoordinatorin Petra Rösler die Beweggründe der Manager und berichtet von deren eindrücklichen Erfahrungen zum sozialen Aspekt. „Eine Bankmanagerin ging einmal mit einer Gruppe von Menschen mit Behinderung durch den Park in Schönbrunn. Nachdem sie am eigenen Leib die Reaktionen der Parkbesucher auf schmerzliche Weise erlebt hatte, meinte sie, sie werde nie mehr einen Menschen mit Behinderung gleichgültig ansehen oder gar wegsehen. Und sie werde den Betreuern künftig immer einen Blick der Wertschätzung schenken.“

 

Entschleunigung

Rund 150 Personen haben in den letzten Jahren das Angebot der Akademie für Sozialmanagement genutzt, und die Nachfrage ist immer noch stark. Unter den „Austauschjobbern“ ist auch Michael Muth vom Speditions- und Logistikunternehmen Gebrüder Weiss, der beim Fachwerk des Österreichischen Hilfswerks für Taubblinde und hochgradig Hör- und Sehbehinderte (ÖHTB) im Einsatz war: „Ich habe mit Seh-, Hör- und Sprachbehinderten gearbeitet. Die Arbeit kann von diesen Menschen nicht so schnell durchgeführt werden, wie wir es in unserer Arbeitsumwelt erwarten. Nicht die Schnelligkeit steht im Vordergrund, sondern das Erreichen eines Zieles – das Fertigen eines Produktes, das Abschließen der Arbeit und das damit verbundene Erfolgserlebnis.“ Das Erleben der „Entschleunigung“ der Arbeitswelt kam für den an Stress gewöhnten Manager einer Neudefinition des Leistungsbegriffs gleich. „Nicht der Mensch ist behindert, er wird oft von seiner Umgebung behindert. Wird der Mensch aufgrund seiner Fertigkeiten bewertet und eingesetzt, findet man oft ungeahnte Potenziale.“

 

Vorurteile erkennen

Die Sinnhaftigkeit der Schnelllebigkeit infrage zu stellen, lernte auch Thomas Ludwig, Shell Austria, bei seiner Woche im Caritas Haus Allerheiligen: „Die rasante betriebliche Realität ist heute dermaßen zahlen- und ergebnisorientiert, dass man wenig Zeit hat über die Verhältnismäßigkeit der Dinge im Leben nachzudenken.“ Der direkte Kontakt mit den unterschiedlichsten Menschen einer Randgruppe der Gesellschaft mache außerdem wieder bewusst, dass Vorurteile – zum Beispiel gegenüber Obdachlosen – schnell über Bord zu werfen sind, wenn man persönlichen Kontakt aufnimmt. „Für mich war die Woche im Haus Allerheiligen wichtig, um die Beine auf dem Boden zu behalten“, so Ludwig.

Sozial wachgerüttelt zu werden ist laut Projektkoordinatorin Rösler freilich nur eine Seite der positiven Konsequenzen. „Die Führungskräfte bekommen auch neues Know-how für ihr eigenes Berufsleben mit auf den Weg. Wenn sie erleben, dass man professionell, effizient und empathisch sein kann, erhöht dies ihre Managementkompetenz um ein Wesentliches.“ Durch die Reflexion mit den Führungskräften im Sozialbereich können sie ihre eigene Praxis überdenken und erweitern – sei es bei Mitarbeitergesprächen, Teamsitzungen, Zielvorgaben oder der Definition von Aufträgen. Zudem würden die Teilnehmer im Sozialbereich ganz konkrete Führungstechniken erleben, die in ihrem Umfeld nicht oder anders eingesetzt werden. Illustrierbar anhand eines Lieblingsbeispiels von Petra Rösler: „Ein Teilnehmer war in einem Jugendzentrum und erlebte einen Konflikt von Jugendlichen verschiedener ethnischer Hintergründe. Er schlichtete ein wenig und dachte, die Sache sei nun gut bereinigt.“

 

Konfliktlösung vor Ort

Schließlich musste ihm die Sozialarbeiterin erklären, dass ohne Intervention der Konflikt später an einem anderen Ort eskalieren würde. Sie startete ein Deeskalationsgespräch, von dem sich der Manager beeindruckt zeigte. „Er meinte, dass im Wirtschaftsalltag Konflikte sehr oft weder benannt noch angesprochen und damit auch nicht gelöst, sondern mitgeschleppt würden. Was die Arbeitsfähigkeit von ganzen Teams schmälern kann“, erinnert sich Rösler. Dass der Brückenschlag auch in die andere Richtung funktionieren kann, zeigt der Erfahrungsbericht von Natascha Khom vom Institut für Suchtprävention (ISP) der Sucht- und Drogenkoordination Wien (SDW): „Menschen in ,der Wirtschaft' erlebe ich vor allem als begnadete Vermarkter und Netzwerker, von denen wir uns sehr viel abschauen können zur Stärkung unseres Images.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.03.2010)

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