Gastspiele und ein Beitrag der Philharmoniker rundeten die neue geistliche Eröffnungswoche ab. Nikolaus Harnoncourt wiederholte sein traditionelles Styriarte-Chorprogramm aus Stainz. Claudio Abbado kam mit seinem Orchestra Mozart vorbei. Er koppelte die Waisenhausmesse des zwölfjährigen Mozart mit der Es-Dur-Messe Franz Schuberts, die von Gottes Gnaden zum tönenden Vermächtnis werden sollte.
Ein Bekenntnis, das Schubert übrigens nicht zum katholischen Glauben ablegen, sondern abstrakter formulieren wollte. Es spricht Skepsis, vielleicht auch Angst aus den mystischen Harmonien, um die er die musikalische Romantik bereichert.
Genügend Anlass zum Nachdenken also am Wochenende. Auch über die Sinnhaftigkeit der Schwemme an Jugendorchestern bei einem Festival, das doch „in der Höhe der Preise“, um mit Karl Kraus zu ätzen, den höchsten Emanationen europäischer Musizierkunst gewidmet sein sollte.
Junge Menschen, die unter einem charismatischen Dirigenten ihr Äußerstes geben, machen allerdings leicht Mängel an natürlicher Harmonie vergessen, die sich bei einem Meisterorchester sozusagen traditionsgemäß einstellt.
Philharmonische Klangwände
Überdies präsentieren sich ja auch die Wiener Philharmoniker nicht immer von der allerbesten Seite und lassen hie und da nötige Tugenden eines Spitzenensembles unter die Notenpulte fallen. Nicht nur, weil sie von dort herumkriechenden ORF-Kameraleuten irritiert werden.
Jedenfalls gewann man beim einzigen Wiener Beitrag zur „Ouverture spirituelle“ den Eindruck, dass man sich auf die rhythmischen und satztechnischen Finessen von Igor Strawinskys „Psalmensymphonie“ nur unzureichend vorbereitet hat. Zwar garantiert ein Profi wie Valery Gergiev stets, dass alle gleichzeitig fertig werden, nicht immer auch, dass alle wirklich im selben Moment Strawinskys scharfe Akkordschnitte vornehmen.
Vor allem aber fehlt im Mittelsatz jegliches Gespür für die kontrapunktischen Linien. Die Holzbläser machen zunächst zwar (wie auch nach der Pause im Scherzo von Prokofieffs Fünfter) ihrem singulären Ruf kammermusikalisch alle Ehre, aber sobald alle gemeinsam agieren, verkommt, was ein luzides kontrapunktisches Gewebe sein sollte, zur undurchdringlichen Mauer. Ein Psalmengulasch statt einer Symphonie.
Der Staatsopernchor erwies sich dabei als nicht halb so souverän wie tags zuvor der exzellente Schönberg Chor.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.07.2012)
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