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Medienlabor der Zukunft: „Alle machen alles“

03.09.2012 | 17:02 |  von Thomas Vieregge (Die Presse)

Im US-Präsidentschaftswahlkampf wird der mediale Konkurrenzkampf verbissener. Da führen Nachrichtensender Stellvertreterkriege, stellen Zeitungen Live-Videos ins Netz, und Online-Medien geben Zeitungen heraus.

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„Thank you, Fox News.“ Wo Carl Cameron im Tross des Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney auftritt, schlägt ihm Beifall aus dem republikanischen Lager entgegen. Der Reporter des erzkonservativen Nachrichtensenders Fox News aus dem Hause Murdoch – Spitzname: „Campaign Carl“ – ist unter rechten Parteigängern, insbesondere der Tea Party, zur Kultfigur, zu einem medialen Popstar avanciert. Wo seine Kollegen von den sogenannten „Lame Stream Media“, vom „lahmen“, vermeintlich linksliberalen Mainstream, ausgebuht werden, posiert er für Fotos, gibt Autogramme – und wird von Ann Romney geherzt. Für die Konkurrenz gilt indes das Motto: „Traut den Medien nicht.“ Im Vorwahlkampf haben Newt Gingrich & Co. unter diesem Slogan Tafeln im Wahlvolk verteilt.

Mit einem strammen rechten Kurs hat es Fox News zum elektronischen Stammmedium der Republikaner und zum erfolgreichsten US-Kabelsender gebracht. Sarah Palin, die ehemalige Vizepräsidentschaftskandidatin, heuerte nach ihrem Rücktritt als Gouverneurin prompt bei Fox News als Kommentatorin an – samt eigenem Heimstudio in Alaska. Das Credo „fair und ausgewogen“, das sich der Murdoch-Sender auf seine Fahnen geschrieben hat, könnte dem Fundus der Orwell'schen Terminologie aus „1984“ entstammen.

Das Duell der Lautsprecher verliert CNN

Was Fox News für die Republikaner ist, ist MSNBC für die Demokraten. Der Nachrichtensatellit des Networks NBC ist das Sprachrohr der Progressiven. Für einige „Moderatoren“ ist die Berufsbezeichnung fehl am Platz. Al Sharpton, der umtriebige afroamerikanische Reverend aus New York, und Ed Schulz, ein Propagandist der Gewerkschaften, stehen ihren Fox-News-Antipoden Bill O'Reilly oder Sean Hannity um nichts nach: je lauter, schriller und überdrehter, desto besser. O'Reilly oder MSNBC-Anchorman Chris Matthews haben es sich zur Angewohnheit gemacht, Andersdenkenden ins Wort zu fallen und sie abzukanzeln.

Auf der Strecke bleibt in dem Duell der Lautsprecher das Network, das das Format weltweit überhaupt erst etabliert und als Nachrichtensender im ersten Golfkrieg 1991 international für Furore gesorgt hat. CNN verliert in den USA beständig an Boden, zur „Prime Time“ trudeln die Quoten. Eine mehrmalige Restrukturierung hat daran nichts geändert, das US-Publikum honoriert die neutrale Berichterstattung nicht.

Wie hart und verbissen der Konkurrenzkampf unter den US-Medien geführt wird, illustrieren die Parteitage der Republikaner und der Demokraten. Die Parteikonvente, die alle vier Jahre stattfinden, haben für sie beinahe den Stellenwert von Olympischen Spielen – freilich auf politischer Ebene.

Die besten Logenplätze für die TV-Sender

Für viel Geld sichern sich die TV-Sender die besten Logenplätze in der Arena. Zeitungen, Radio und Nachrichtenagenturen rücken ins zweite Glied – auf die billigeren Plätze. Dennoch sind die TV-Einschaltquoten gesunken. Politische Dramen wie zu grauer Vorzeit der Schwarz-Weiß-Ära, als Parteibosse in verrauchten Hotelhinterzimmern Kandidaten kürten und Deals ausheckten, sind passé. So wird NBC die Rede des Ex-Präsidenten Bill Clinton nicht live übertragen, der Auftakt zur NFL-Football-Saison am Mittwoch verspricht weit höhere Quoten (ORF III sendet am Freitag um vier Uhr früh die Parteitagsrede Präsident Barack Obamas aus dem Footballstadion von Charlotte live).

Als Medienlabor gab der Parteitag der Republikaner in Tampa vergangenen Donnerstag eine Vorschau auf die Zukunft: Alle machen alles. Wie der Nachrichtenticker auf dem New Yorker Times Square flimmerte auf der Galerie der Sportarena ein Laufband mit Twitter-Botschaften vom Parteikonvent, und seien sie noch so banal. Jeder Politiker und jeder Journalist in den USA, der etwas auf sich hält, twittert – oder lässt twittern. Blogger gehören längst zum Inventar in allen Medien, soziale Medien verbreiten sich rasend schnell, gleichsam über Nacht wurde so der Auftritt Clint Eastwoods zum belächelten Hit. Twitter, Facebook und YouTube setzten ein Skandalon in die Welt, anderntags im „Frühstücksfernsehen“ der Morning-Shows bereits ausgiebig diskutiert.

Diversifikation um jeden Preis lautet die Parole der Stunde in den Medienhäusern. Längst experimentieren alteingesessene Medien auf ungewohnten Kanälen. Der TV-Sender ABC produziert Videos für seinen Ko-Eigentümer Yahoo. Zeitungen wie die „New York Times“ stellen einen Video-Livestream der Parteitage ins Netz – abrufbar via Laptop, Tablet oder Smartphone –, obgleich sich die Zugriffe der User noch im bescheidenen Rahmen halten.

Im Gegenzug publizieren etablierte Online-Portale wie „Politico“ und die „Huffington Post“ oder die Finanznachrichtenagentur Bloomberg teils gedruckte Zeitungen. Politico kooperiert überdies mit dem Sender C-Span, ihre Journalisten analysieren den Wahlkampf live aus dem Newsroom.

Die „boys on the bus“ kehren nicht wieder

Marcus Brauchli, Chefredakteur der „Washington Post“, formulierte gegenüber dem Konkurrenzblatt „New York Times“ die Prämisse: „Alle mischen auf jeder Plattform mit. Es ist wichtig, in jedem Medium präsent zu sein.“ Online-Medien wiederum haben die Begrenztheit und Kurzlebigkeit ihrer Storys erkannt und versuchen, mit analytischen Texten stärker in die Tiefe zu gehen.

Unterdessen konstatiert Arianna Huffington, Gründerin der „Huffington Post“, die Internet-Nutzer seien des medialen Flächenbombardements rund um die Uhr überdrüssig. Die Schwarz-Weiß-Ära der legendären „boys on the bus“, der Starreporter, die mit Notizblock und Bleistift, mit Dreiteiler und Hut auf Wahlkampftour gegangen sind, kehrt indessen nicht wieder.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.09.2012)

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