Nein, man lasse sich vom Titel nicht in die Irre führen: Die „Indigo-Kinder“ stammen zwar aus der Glaubenswelt der Esoterik, es sollen Wesen mit besonderer Begabung sein, hypersensibel und aufnahmebereit, mit einer charakteristischen blauen Aura. Der Österreicher Clemens J. Setz hat aber diesen Begriff radikal umgedeutet: Sein „Indigo-Syndrom“ sorgt dafür, dass Mütter auf die in der Wiege liegenden Babys erbrechen. Die Nähe zu den Kindern, die davon betroffen sind, löst nämlich massive körperliche Symptome aus – und da ist Übelkeit noch das Harmloseste. Das kann bis zum Organversagen gehen.
Wo viel Schatten ist... Man könne, meint Clemens J. Setz zur „Presse“, das Indigo-Syndrom „als bösen Zwilling der esoterischen Vorstellung denken“. Oder man sehe die „brutalen Implikationen des esoterischen Indigo-Kinder-Konzepts selbst aufleuchten, indem man in meine kleine Parallelwelt blickt, in der der Begriff etwas ganz anderes bezeichnet“. Vielleicht, meint der Autor, kann man auch an Eltern denken, die sich mit diesem irgendwie positiv besetzten Begriff eine Schutzimpfung verpassen. Wo Schatten ist, meinen sie, müsse es auch Sonne geben.
Positives „Burn-out“. Doch leider: kein Trost, nirgends. Nur eine kleine Hoffnung: Dass die Kinder irgendwann „ausbrennen“ – und das ist der zweite Begriff, den der 1982 in Graz geborene Autor radikal gedreht hat: Bei ihm ist dieses „Burn-out“ etwas Positives. Ausgebrannte Indigos – oder Dingos, wie sie spottend genannt werden – können sich nämlich wieder normal unter Menschen bewegen. Von ihnen geht keine Gefahr mehr aus. Aber eine Kindheit in Isolation und ohne Körperkontakt hat Spuren hinterlassen. Einer der ausgebrannten Indigos erzählt von seinem Leben. Es ist der erste Held.
Der zweite heißt: Clemens J. Setz, also wie der Autor selbst. Diese Figur sei, meint er, vollkommen autobiografisch – nur die Geschichte, die dieser Clemens J. Setz im Roman erlebt, ist erfunden: Er entdeckt nämlich, dass sich im Internat für Indigo-Kinder, in dem er arbeitet, Mysteriöses ereignet: Immer wieder verschwinden Kinder, sie werden kostümiert und „reloziert“. Aber was heißt das? Was passiert mit ihnen? „Er kommt in drei oder vier Augenblicken an einen Punkt, an dem tatsächlich der Schleier der Illusion vor ihm weggehoben wird und er sehen könnte, worum es wirklich geht – aber er kann es nicht, er ist zu feig, zu ängstlich, zu schwach.“
Und der Leser, ist er auch zu schwach? Jedenfalls wird ihm nicht alles enthüllt. Setz: „Überlegen Sie einmal, wie das bei diesem Roman aussehen würde, wenn man die letzte Seite umblättert und damit alles, alles hinter sich hätte, kein unsichtbares, in der Luft spürbares, letztes Phantom-Kapitel, keine offenen Fragen, keine lebendig gebliebene Sorge mehr über die Figuren, kein Mysterium.“ Er selbst würde das als Verrat empfinden – und zwar auf exakt dieselbe Weise, wie Krimileser es als Verrat empfinden würden, wenn sie am Ende nicht erfahren, wer der Mörder war.
Die Tatsache, dass am Ende eben nicht alles geklärt ist, aber auch die spukhafte Atmosphäre, die dieses Buch ausmacht, sind wohl Gründe, warum der Roman hoch umstritten ist. Ob auf Amazon oder auf den Feuilletonseiten – die Reaktionen fallen hymnisch aus oder vernichtend. Setz wundern die Reaktionen nicht: „Auch ich selbst löse in meinem Bekanntenkreis geteilte Reaktionen aus. Manche hassen mich, manche mögen mich. Warum sollte es da meinen Büchern anders ergehen?“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.10.2012)
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