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"Presse"-Interview: Die Inszenierung von Weihnachten

22.12.2012 | 18:22 | von Norbert Mayer (Die Presse)

Die ersten Eindrücke vom Heiligen Abend waren für Karlheinz Töchterle und Matthias Hartmann intensiv. Der Wissenschaftsminister und der Direktor des Burgtheaters im Gespräch mit der "Presse am Sonntag".

Herr Minister, Herr Direktor! Erinnern Sie sich zurück: Welche Rollen durften Sie als Kinder bei Krippenspielen haben?

Matthias Hartmann: Ich war ein Hirte. Den Josef oder gar das Christkind durfte ich nie spielen, obwohl ich das gern gemacht hätte.

Karlheinz Töchterle: Bei mir war das ganz analog, sogar noch bitterer. Meine Frau, wir sind zusammen in die Volksschule gegangen, heißt Maria und durfte auch die Maria spielen. Ich aber durfte nicht ihr Josef sein, das war nämlich der Sohn des Gemeindearztes, der mit ihr ein bisschen befreundet war. Ja, ich war eifersüchtig. Und dann durfte ich nicht einmal einen Hirten spielen, sondern nur einen Teil der Stallwand: Vier Buben hielten ihre Umhänge hoch.

 

Welcher Politiker wäre der ideale Weihnachtsmann? Wer das ideale Engerl?

Hartmann: Ich würde in all den Rollen gleichzeitig gern Herrn Häupl sehen. Er wäre lustig als Weihnachtsmann im Coca-Cola-Dress. Als Engelchen, splitterfasernackt mit Flügeln, kann ich ihn mir auch vorstellen. Und Bundespräsident Heinz Fischer würde wohl eine ganz gute Maria abgeben.

Häupl soll gesagt haben, Faymann und Spindelegger seien keine großen Entertainer. Die müssen die Stallwand spielen.

Hartmann: Zu vergeben wären noch Ochs und Esel. Das sind wichtige Figuren. Ich würde Kanzler und Vizekanzler die spielen lassen: Muh und Iah könnten sie schon sagen.

Was sind Ihre frühesten Erinnerungen an dieses Fest?

Hartmann: Ich erinnere mich an die karierte Decke, die vor der Milchglasscheibe der Wohnzimmertür aufgehängt wurde, damit man nicht mehr hineinschauen konnte. Dort im Wohnzimmer schmückte meine Mutter mit großem Ehrgeiz den Weihnachtsbaum mit Stroh, Äpfeln und Kerzen, ganz klassisch. Inzwischen saßen wir drei Kinder auf der Treppe und warteten darauf, dass „Ihr Kinderlein, kommet!“ ertönte. Meine Mutter fand den Konsumwahn immer furchtbar und wollte, dass wir möglichst lange singen, uns nicht sofort auf die Geschenke stürzten. Sie hat darauf bestanden, mit heiligem Ernst die Weihnachtsgeschichte zu lesen. Ich habe inzwischen sehnsüchtig geschaut, wo die Carrera-Bahn war, die ich mir gewünscht hatte.

 

Wie ist das bei Ihren Kindern?

Hartmann: Meine Neunjährige hat inzwischen aufgegeben, an das Christkind zu glauben, schaltet diesen Unglauben aber zu Weihnachten ab.

Herr Minister, wann hat es bei Ihnen den Abschied vom naiven Glauben an die Bescherung durch das Christkind gegeben?

Töchterle: Das weiß ich nicht mehr genau, aber einen gewissen Schmerz hat es mir schon bereitet. Von meiner Frau weiß ich, dass sie ähnlich agiert hat wie Ihre Tochter, Herr Hartmann. Es hat ihr der Abschied sehr wehgetan, sie hat sich festgeklammert.

Wie haben Ihre Eltern das Fest inszeniert?

Töchterle: Die Kindheitserinnerung an Telfes im Stubaital ist die an ein glänzendes, bezauberndes Fest. Aber wir sind damals ärmlich aufgewachsen, wenn man es mit heute kontrastiert. Ich bin 1949 geboren. Das grandiose Fest hat sich in einer ganz kleinen Wohnung abgespielt. Die Suche nach den Geschenken hat uns verzaubert, wir haben uns unbändig gefreut. Ich hatte einen sehr liebenden Vater, der sich mit unseren Geschenken kindlich mitgefreut hat. Einmal kriegte ich eine Eisenbahn. Die hatte er mit seinem Bruder Tage vorher aufgebaut. Weil er es nicht aushielt zu warten, hat er mich mitten in der Nacht aus dem Bett geholt und mir, dem Ältesten, diese Bahn gezeigt. Die Mutter hat fürchterlich geschimpft.

Wie schenkt man richtig?

Hartmann: Das ist tatsächlich eine große Herausforderung. Weihnachten ist an sich im christlichen Sinn ein Fest des Friedens, der Familie. Inzwischen aber herrscht der Konsumgott. Dieser Götze steht im Mittelpunkt. Wenn man von der Wirtschaftskrise hört und zugleich die Menschen hier in Wien sieht, die sich auf der Suche nach Geschenken fast zu Tode trampeln, geht das schwer zusammen. Meine Frau schenkt mir jedes Jahr ein Fotoalbum. Das ist zwar keine Überraschung, aber ich freue mich wie ein Schneekönig über die schönen Erinnerungen darin.

Töchterle: Ich teile die scharfe Kritik am Konsumismus. Für mich geht die Welt zu Weihnachten einfach weiter. Ich muss nicht alles erledigt haben. Wir haben immer wieder versucht, uns gar nichts zu schenken, man kann ja auch spenden. Meine Frau ist sehr religiös und betätigt sich auch aktiv bei Aktionen wie „Bruder in Not“. Aber wir schaffen es meistens nicht, das Nichtschenken bei uns selbst durchzuziehen. Die Kinder haben von Anfang an gegen den Geschenkverzicht protestiert. Inzwischen sind sie erwachsen. Meine Frau mag gern Schönes, ich mag Praktisches. Das kann ich beim Sport immer wieder gut brauchen, zum Beispiel Accessoires zum Ski- und Radfahren. Weil ich kein besonderer Ästhet bin, mach ich meist mit meiner Frau einen Bummel, da kann sie sich was Schönes aussuchen.

Herr Hartmann, gibt es klassische Theaterstücke zu und über Weihnachten?

Hartmann: Ein klassisches Theaterstück zum Fest, das im Burgtheater auch von mir zu sehen ist, ist eigentlich Shakespeares „Was ihr wollt“. Das heißt im Original ja „Twelfth Night“ und es erzählt von der zwölften, also letzten Nacht der antiken Saturnalien, das war das römische Fest zur Wintersonnenwende, der heutige Karneval, bei dem Herren und Sklaven ihre Rollen tauschten, auch Männer und Frauen, wo auch viel getrunken wurde. Und was da nach zwölf Tagen des Feierns los war, davon erzählt diese frivole Komödie. Die christlichen Feste haben ihren Ursprung in den Ritualen vergangener Kulturen.

 

Gehen wir also zurück vor Christi Geburt. Können Sie uns als Professor für Altphilologie erklären, was an diesen Tagen im Dezember sonst noch gefeiert wurde?

Töchterle: Es gab eine Fülle an Ritualen zur Wintersonnenwende. Bei den Römern wurde der Sol invictus gefeiert, der im Mithras-Kult sehr stark war. Die Christen haben in vielen Bereichen heidnische Feste mit ihren überlagert und Bräuche umgedeutet. Das haben auch die Römer getan. Der unbesiegbare Sonnengott wird zu dieser Sonnenwende wieder stärker. Da wurden bei den Römern Geschenke verteilt. Der Gedanke an ein göttliches Kind ist auch sehr häufig. Selbst von Alexander und Augustus hieß es, dass sie göttlich gezeugt wurden. Man kann nicht eine völlig neue Geschichte erzählen, auch das Christentum hat Anknüpfungspunkte zu Analogien. Die müssen ja nicht das Mystische zerstören.

Bleiben wir bei der Antike. Können Sie Herrn Hartmann Tipps geben, welche Schocker von Seneca er ansetzen sollte?

Töchterle: Wie kommen Sie auf diese Frage? Wir haben uns kürzlich tatsächlich darüber unterhalten.
Hartmann: Dieses Thema interessiert mich sehr. Racines „Phädra“, die ich vor zwei Jahren inszeniert habe, basiert im Wesentlichen auf dem gleichnamigen Stück von Seneca, mit dem ich mich in dem Zusammenhang bereits sehr beschäftigt habe.

Seneca war ein Zeitgenosse Christi. Sein Gedankengut fand Eingang ins Christentum.

Töchterle: Es gibt sogar einen gefälschten Briefwechsel dieses Philosophen mit dem Apostel Paulus. Die Fälschung ist auch deshalb so täuschend, weil diese Gedanken verwandt sind. Die christliche Ethik zieht sie nicht nur aus der Bibel, sondern aus der antiken Philosophie. Die Stoa findet, dass die Menschen grundsätzlich gleich sind, setzt sich für die Sklaven und Frauen ein. Das war revolutionär. Seneca ist auch fürs Theater spektakulär. Seine „Phaedra“ ist wesentlich stärker als der „Hippolytos“ des Euripides.

Gibt es im antiken Theater Stoffe, die versöhnlich sind wie Weihnachtsgeschichten?

Hartmann: Im Theater gibt es überhaupt keine Situation, in der eine Familie auf der Bühne sitzt und sich gut miteinander unterhält, weil die Kinder gute Noten heimbringen. Das unterhält keinen Menschen. Wenn man zwei Schauspieler bittet, zu improvisieren, endet das spätestens in 30 Sekunden mit einem Streit. Das ist das einzige, was uns auf der Bühne interessiert. Alain Ayckbourn hat ein Stück namens „Schöne Bescherungen“ geschrieben. Da sind die Mitglieder einer Familie einander völlig ausgeliefert. Deshalb fürchten sich viele Menschen vor Weihnachten. Aber selbst bei der Heiligen Familie handelt es sich zu unserem Trost um eine der ersten Patchwork-Situationen. Josef ist nicht der Vater, da war ein Gott beteiligt.

Haben Sie Weihnachtsstress, Herr Minister?

Töchterle: Absolut nicht, den habe ich völlig abgelegt. Ich habe auch mit der Weihnachtspost aufgehört. Ich hoffe, dadurch niemanden zu beleidigen. Der einzige Stress für mich besteht darin, dass ich am Abend heftig musiziere, Trompete und Flügelhorn, da spielen wir vom Kirchturm herunter. Das mach ich wirklich gern in Telfes.

 

Was ist fürs Gelingen eines Festes nötig?

Hartmann: Vor allem die, die mitfeiern. Menschen, die sich versammeln. Je nach Anlass reicht vielleicht einer, der ein paar Worte spricht. Vielleicht brauche ich auch ein opulentes Bühnenbild, ein Orchester. Aber die Grundparameter sind die sich Versammelnden. Allein kann ich kein Fest feiern.

Töchterle: Die Politik feiert natürlich auch, aber wahrscheinlich immer mit einem ziemlichen Pragmatismus. Feste sind zu begehen, weil sie zu begehen sind. Die Politik hat auch etwas, was Feste an sich haben – Pathos. Ich schätze das nicht, aber es gehört dazu. Und wir haben uns für unsere Rolle freiwillig gemeldet. Herr Hartmann, ich habe eine Frage an Sie: Spielen wir auch, wenn wir Feste feiern, eine Rolle? Oder sind wir da ganz wir selbst?
Hartmann: Ein bisschen ein Rollenspiel ist wohl dabei, wenn man, obwohl man grantig ist, gut gelaunt sein muss.

 

Wie nahe ist so ein weihevolles Fest auch an Orgien in der Antike?

Töchterle: Das ist eine treffende Frage. Der Gott, der dem Christengott am nächsten kommt, ist Dionysos. Er ist der Herr der Orgien. Und nicht ohne Grund sind sehr viele spätantike Sarkophage mit Dionysos-Reliefs versehen, weil er der einzige antike Gott ist, der Erlösung andeutet. Die offizielle Antike hat kein erfreuliches Jenseits. Dionysos war der einzige Gott, der das ein bisschen hatte, wie auch seine Orgien.

 

Nennen Sie die am besten missglückten Weihnachtsfeiern auf der Bühne.

Hartmann: Die Bühne wurde ursprünglich einmal dafür erfunden, um herauszufinden, wer Schuld hat und wie das Phänomen überhaupt zustande kommt. Diese Fragen bleiben noch bis heute aktuell. Da gehört ein friedliches Weihnachtsfest nicht dazu. Die Bühne ist ein Ort, wo mit dem Publikum in Interaktion getreten wird. Deshalb spielt uns die Medienzeit ja ganz stark in die Hände. Menschen haben starke Sehnsucht danach, ernst genommen zu werden und in eine Form von Kommunikation zu treten. Je mehr sie durch illusionistische Medien unmündig gemacht werden, desto stärker wollen sie in ihrer Fantasie einzeln angesprochen werden. Ich erlebe es gerade ganz stark, dass immer mehr Leute in das Theater gehen. Die Menschen suchen einen Ort, an dem sie lebendig Kontakt aufnehmen mit einem Vorgang. Das ist ein wesentliches Ritual, das das Kollektiv nur noch im Theater findet.

 

Politiker teilen gern Geschenke aus. Können Sie überhaupt noch etwas verteilen?

Töchterle: Ein Hauptgeschäft der Politik ist es, etwas zu verteilen. Der Streit geht häufig darum, wer kriegt was? Jeder, der etwas will, sagt, dass die Sachargumente für ihn sprechen. Das ist das Schwierige. Es gibt kaum wirkliche Sachargumente. Jede Verteilung ist auch ideologisch motiviert – das kann nicht anders sein. Das manchmal auch mühsame Geschäft der Demokratie ist es, die Verteilung einigermaßen erträglich und gerecht zu gestalten.

Hartmann: Ist die Verteilung in Zeiten geringer werdender Mittel eine Bürde?

Töchterle: Es ist immer eine Bürde, auch wenn die Mittel nicht geringer werden. Wir haben zumeist Wachstum. Ich sehe nicht, dass die Mittel knapper werden. Obwohl jeder sagt, dass der Staat sparen muss – es gibt immer etwas zu verteilen. Das kann man als Geschenk titulieren, ist es natürlich nicht. Es ist die Verteilung des Steuergelds.


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