Kendrick Lamar: Hier kehrt die Politik in den Rap zurück

Aus Compton kommt nicht nur Gangster-Rap. Der dort geborene Kendrick Lamar legt mit "To Pimp A Butterfly" ein eloquentes, politisches Rap-Album vor, das den Hip-Hop wieder an seine politischen Ursprünge zurückführt.

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Kendrick Lamar – (c) Christian San Jose

Künstliche Paradiese sind nicht selten reale Höllen. Das was 1986 mit der Hip-Hop-Kombo N.W.A. in Compton anhob, dieses Gangsterrap genannte Theater der Grausamkeit, reflektierte nicht nur die Gewalt zwischen Gangs wie den Bloods und den Crips, sondern auch einen durch krassen Hedonismus getarnten, allgemeinen Werteverlust. Während frühere Generationen versuchten, die soziopolitische Lage mit kulturellen Mitteln zu verbessern, herrschte diesbezüglich in der afroamerikanischen Musikszene zuletzt nichts als Ratlosigkeit.

Vereinzelt gab es Versuche, an die glorreiche Vergangenheit der Harlem-Renaissance der Dreißigerjahre bzw. der Bürgerrechtsbewegung der Sechzigerjahre anzuschließen, um aufzuzeigen, dass Schwarzsein nicht nur mit Pigmenten zu tun hat, sondern eine soziale und politische Dimension hat, die grundsätzlich beeinflussbar wäre. John Legend etwa veröffentlichte 2010 gemeinsam mit The Roots das famose Album „Wake Up“, das legendäre Widerstandslieder von Donny Hathaways „Little Ghetto Boy“ bis Curtis Mayfields „Hard Times“ coverte. Es bedurfte aber offenbar jener krassen Ereignisse von Sanford und Ferguson, wo jeweils unbewaffnete, schwarze Jugendliche unter fragwürdigen Umständen ums Leben kamen, um einen frischen Geist der Solidarität und des Widerstands keimen zu lassen. Der lang verschollene R&B-Sänger D'Angelo überraschte zum Jahreswechsel mit dem hintersinnigen Meisterwerk „Black Messiah“. Dieser lang im Drogensumpf dahinvegetierende Ex-Superstar lockte, angestachelt von der nicht einzudämmenden Gewalt in Ferguson, wieder in ein Reich der Zwischentöne.

 

Mit 16 Alkohol, Marihuana aufgegeben

Die Trennlinien zwischen Politik und Privatem, zwischen Sinnlichkeit und Transzendenz verliefen hier ebenso fließend, wie auf dem nun veröffentlichten, dritten Album von Kendrick Lamar. Es heißt „To Pimp A Butterfly“ und ist von einer Komplexität und Zartheit, wie man sie nie aus einem wüsten Ort wie Compton erwarten würde. Lamar geißelt nicht nur die sozioökonomischen und politischen Zustände, sondern auch die geistige und seelische Verfasstheit der Afroamerikaner selbst. Die vorab veröffentlichte Single „i“ reflektiert mangelnde Selbstliebe, Selbstzweifel und spirituelle Unsicherheiten. Sie erzählt auch von der ungebrochenen Macht des „infamous, sensitive N-word“, das die psychische Realität immer noch prägt. Der Refrain des musikalisch auf dem Isley-Brothers-Hit „That Lady“ surfenden Songs wartet mit einem geschickt variierten „I love myself“-Mantra auf. Lamar, ein praktizierender Christ, der mit 16 Jahren Alkohol und Marihuana aufgeben hat, wandelt auf den Spuren des Soulsängers Curtis Mayfield. Lamars Quintessenz lautet: „Everybody lacks confidence.“ Diesen Mangel schiebt Lamar aber nicht bloß dem System oder den Weißen in die Schuhe. „Wenn wir keinen Respekt vor uns selbst haben“, meinte er jüngst gegenüber dem „Billboard“-Magazin, „wie können wir dann Respekt von den anderen erwarten?“

Das vielleicht erstaunlichste Stück auf „To Pimp A Butterfly“ ist „The Blacker The Berry“. Lamars klagender Rap beginnt mit dem stereotypen Selbstbild eines Menschen, der die Schuld für das eigene Ungemach ausschließlich bei anderen ausmacht. „Came from the bottom of mankind, my hair is nappy, my dick is big, my nose is round and wide, you hate me, don't you?“ Der Protagonist, der seiner Ansicht nach irrelevant für die Gesellschaft ist, flüchtet sich in falschen Stolz. „You're fucking evil, I want you to recognize that I'm a proud monkey, you vandalize my perception, but you can't take style from me.“ Mit derlei afroamerikanischer Stammtischlarmoyanz räumt Lamar am Ende des Stücks auf höchst unkonventionelle Art auf. In überraschender Übernahme von Argumenten, die normalerweise Rechtskonservative wie New Yorks ehemaliger Bürgermeister Rudy Giuliani bemühen, macht er auf die hohe Zahl der „black-on-black-crimes“ aufmerksam. Lamars mutige Conclusio lautet: In den Communities wird zu viel geheuchelt. Afroamerikaner sollen keine Krokodilstränen über Opfer von rassistischer Polizeigewalt vergießen, so lang sie einander selbst so viel Gewalt antun. Allein damit ist die im Hip-Hop verloren gegangene, politische Dimension wieder etabliert.

 

Fiktiver Dialog mit Tupac Shakur

Die Themen des Albums mäandern zwischen den Polen, die die Songs „i“ und „The Blacker The Berry“ vorgeben. Lamar scheucht konsequent aus den Nischen des Selbstmitleids und des übertriebenen Opfermythos der Afroamerikaner. Aber er beklagt auch berechtigterweise die Stagnation vieler sozialer Entwicklungen, die er an historischen Figuren wie dem radikalen Panafrikanisten Marcus Garvey und dem in den Siebzigerjahren durch Alex Haleys TV-Serie „Roots“ populär gemachten Sklaven Kunta Kinte festmacht. Das grandiose Album klingt mit „Mortal Man“, einem fiktiven Dialog mit dem 1996 gewaltsam umgekommenen Tupac Shakur aus. Das Stück reflektiert das permanente Ringen um Gerechtigkeit, zitiert Moses und Malcolm X, Martin Luther King und Nelson Mandela. Jetzt, da es an ihm ist, die Jugend zur positiven Veränderung der Welt aufzustacheln, tut Lamar es mit viel Eloquenz, aber auch mit Zweifel. Utopie braucht Fantasie. Was weiß die Raupe schon von den Möglichkeiten, die sie später als Schmetterling hat?

ZUR PERSON

Kendrick Lamar wurde 1987 in Compton, einem Problemviertel vor Los Angeles, geboren. 2009 schloss er sich der Gruppe Black Hippy an. 2011 veröffentlichte er auf iTunes sein Album „Section 80“, das seinen Bekanntheitsgrad im Internet radikal erhöhte. 2012 erschien mit „good kid, m.A.A.d city“ seine erste CD, auf der Dr. Dre, Blaze, Pharrell Williams u.a. Stars mitwirkten. 2015 bekam er den Grammy für „i“, den Vorboten des neuen Albums „To Pimp A Butterfly“, das Lamar angesichts der rassistisch motivierten Gewalt in Ferguson stark politisiert zeigt. Unter den Mitwirkenden ist auch Funk-Urgestein George Clinton.

 

OutlineBild (e79e69c7)Das Cover von Kendrick Lamars neuer Platte „To Pimp a Butterfly“ zeigt eine Ansammlung von Frauen, Männern und Kindern vor dem Weißen Haus in Washington D. C. Das Foto wird von folgenden Gedanken Lamars begleitet: „Don't all dogs go to heaven? Don't Gangsta's boogie? Do owl shit stank? Lions, Tigers & Bears. But to pimp a Butterfly. Its the American dream n***a . . .“

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.03.2015)

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