„Mobilizing memory“: Armenierinnen, die nicht vergessen

Symbolbild. / Bild: (c) APA 

„Mobilizing memory“ zeigt, wie Frauen durch Erinnerung Widerstand gegen Unterdrückung üben: eine politisch brisante Schau in Wien.

 (Die Presse)

Samstagsmütter nennt man sie. Jeden Samstag stehen Frauen auf der Straße, auf dem Galatasaray-Platz in Istanbul oder auf anderen türkischen Plätzen, seit 20 Jahren. Sie halten ein Bild von ihrem Sohn hoch. Oder von ihrem Mann. Diese gelten offiziell als vermisst; in Wahrheit wurden sie aus politischen Gründen ermordet.

„Die Hartnäckigkeit der Mutter, davon zu zeugen, ist die stärkste Form von Widerstand“, meint Isin Hönöl. Die Künstlerin stammt aus Istanbul und lebt seit fünf Jahren in Wien. Hier hat sie nun eine eindringliche Ausstellung über Formen weiblicher, zum Teil öffentlich zelebrierter Erinnerung organisiert. „Mobilizing memory“ ist noch bis Freitag zu sehen und kann den Betrachter kaum kalt lassen. Ein Exponat der gebürtigen Argentinierin Silvina Der-Meguerditchian etwa ist eigens für die Schau in Wien entstanden und wenige Wochen vor dem Gedenktag an die Deportation armenischer Intellektueller aus Istanbul vor 100 Jahren, dem Auftakt zur Ermordung vieler hunderttausender Armenier, besonders erwähnenswert. In Wien lebende armenische Hinterbliebene haben es aus jeweiligen alten Familienfotos zusammengestrickt, buchstäblich, mit Wolle, zu einer Art anatolischem Teppich. Auf der weißen Leinwand, die die Hinterseite dieser riesigen Collage bildet, ist ein Video zu sehen, das die Frauen bei dieser gemeinsamen Erinnerungsarbeit zeigt. Die Fotos zeigen Familien gemeinsam vor der Kamera, die nach dem Völkermord nie wieder zusammen waren. Auch die Familie der Künstlerin teilt dieses Schicksal; Silvina Der-Meguerditchian ist die Enkelin vertriebener Armenier.

 

Erinnerungsarbeit in Wien

Das Strickwerk zeigt eine Besonderheit dieser Ausstellung – sie bildet nicht nur Erinnerung ab, sondern hat sie auch selbst in Workshops hervorgebracht. Wie geht es einem Volk, das keine nationale Erinnerungskultur hat, wie den Kurden? Auf akakurdistan.com versucht Susan Meiselas seit Jahren diese Lücke zu füllen. Für „mobilizing memory“ hat sie nun auch einen Workshop gemacht, mit Frauen aus dem Iran, Irak, Syrien und der Türkei. „In Wien haben wir weitergesammelt“, erzählt Önön. Denise Sözen wiederum hat in Los Angeles Bewohner des armenischen Viertels interviewt.

Die Ausstellung war in ähnlicher Form schon in Istanbul zu sehen, die Idee dazu ist aus einem feministischen Forschungsprojekt amerikanischer und türkischer Wissenschaftlerinnen entstanden. „Ich verwende gern das Bild von der ungebrochenen Kamera“, sagt Kuratorin Isin Önöl. „Wenn auf Plätzen in der Türkei politische Gewalt geschieht, heißt es dann oft, die Überwachungskamera war zu dem Zeitpunkt leider gerade kaputt. Die Augenzeugen sind für mich ungebrochene Kameras.“

„Mobilizing memory“: Nur noch bis Freitag, 3. April, in der Kunsthalle Exnergasse, Währingerstraße 59, 1090 Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.04.2015)

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